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Niedersachsen Niedersachsens Landtagsabgeordnete trauern um Kollegen
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08:18 13.10.2011
Von Klaus Wallbaum
Niedersachsens Landtag trauert um Kollegen. Quelle: dpa
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Hannover

Am Mittwoch hat das Parlament eine Ausnahmesituation erlebt. An eine vergleichbar traurige Stimmung könne er sich nicht erinnern, sagt Landtagspräsident Hermann Dinkla. Er redet nur kurz, die Wirkung ist ergreifend. Anfang Oktober sind mit wenigen Tagen Abstand zwei stark engagierte Abgeordnete gestorben, der 69-jährige Reinhold Coenen von der CDU und der 40-jährige Ralf Briese von den Grünen.

Erst Ende Juli hatte das Parlament ein ebenfalls sehr aktives Mitglied verloren, den 60-jährigen Karl-Heinrich Langspecht von der CDU. Alle drei hatten – auch politisch – stark unter Druck gestanden, alle drei waren leidenschaftliche Politiker, und bei jedem von ihnen gibt es Anzeichen, dass sie überlastet waren. Besonders erschüttert, ja geschockt sind die meisten Politiker im Landtag vom Ableben des 40-jährigen Briese, der noch wenige Tage vor dem Freitod voller Eifer und Freude für ein modernes Ministergesetz gestritten hatte und alles andere als depressiv oder traurig wirkte. Wie sehr er offenbar an psychischen Problemen litt, war den meisten Kollegen und Mitarbeitern verborgen geblieben, Viele hatten nicht einmal eine Ahnung davon.

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„Mich macht traurig und betroffen, dass wir als Kollegen manchmal nicht spüren, unter welchem Druck der politische Freund und Kollege steht, welche Last er auch gesundheitlich trägt, weil die politischen Themen Priorität haben und die persönlichen, die mitmenschlichen Dinge zu kurz kommen“, sagt Dinkla. Die Mandatsträger sollten sich fragen, ob sie mit ihrem Zwang, immer ansprechbar sein zu wollen und keine Schwäche zuzulassen, „manchmal die eigenen Kräfte überschätzen“. Politiker seien doch „keine stets funktionierenden Automaten, sondern Menschen mit Stärken und Schwächen“. Er spüre im Landtag „viel Ratlosigkeit und Nachdenklichkeit“, fügt der Präsident hinzu. Im Saal herrscht während der Rede absolute Stille, einige Abgeordnete nehmen sich an die Hand, andere haben den Kopf gesenkt.

Nach Dinklas Ansprache bleibt es im Plenum noch einen Moment lang ruhig, niemand will so recht in die jetzt anstehende Finanzdebatte einsteigen. Es geht um den Nachtragsetat für 2011. Er wird beschlossen. Der Politikbetrieb im Plenum geht weiter, 114 Millionen Euro, die eigentlich erst 2012 an die Kommunen gegeben werden sollten, werden schon dieses Jahr gezahlt. Aber in der Debatte werden, anders also sonst, kaum Zwischenrufe laut, die Leidenschaft der Redner ist gebremst. Die aktuelle Stunde, sonst Schauplatz heftiger politischer Debatten, war wegen der Todesfälle abgesagt worden.

Einige Beobachter fühlten sich an 1994 erinnert, als schon einmal Todesnachrichten eine Landtagssitzung überschattet hatten: Damals hatte sich wenige Stunden vor Beginn der Sitzung ein CDU-Abgeordneter umgebracht, außerdem war der Oldenburger Regierungspräsident auf dem Weg vom Landtag in seine Behörde tödlich verunglückt.