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Niedersachsen Niedersächsische Polizisten bilden afghanische Kollegen aus
Nachrichten Politik Niedersachsen Niedersächsische Polizisten bilden afghanische Kollegen aus
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19:35 31.08.2009
Von Klaus von der Brelie
Deutsche Polizisten unterrichten afghanische Verkehrspolizisten der Polizeiakademie von Kabul. Quelle: ddp/Archiv
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Was die beiden 34-jährigen Männer in Deutschland gelernt haben, sollen sie jetzt ihren Kollegen in der afghanischen Provinz Balkh vermitteln. Die Sprachbarriere ist dabei nur ein kleines Hindernis, es gibt genug Dolmetscher. Das größte Problem besteht darin, dass die meisten Polizisten in Afghanistan weder lesen noch schreiben können. „Aber sehr viele sind dennoch für den Job zu gebrauchen“, sagt Stefan H. „Sie kennen sich in der Region gut aus, sind eifrig bei der Sache und streben ein sicheres Einkommen an.“

Knapp 100 Polizisten aus Deutschland, darunter ein Dutzend Niedersachsen, sind inzwischen als Trainer in Afghanistan tätig. Gemeinsam mit Feldjägern der Bundeswehr und Experten aus den USA widmen sie sich der Aus- und Fortbildung afghanischer Sicherheitskräfte. Der Großteil der deutschen Polizeiausbilder ist im Norden des Landes eingesetzt. Dort sind mit Hilfe der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Masar-i-Scharif und in Kundus Trainingszentren eingerichtet worden. Aber auch in Kabul an der Polizeiakademie unterrichten deutsche Beamte Führungskräfte der afghanischen Sicherheitsbehörden.

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Stefan H. und Rolf K., der eine aus Delmenhorst, der andere aus Wolfsburg, arbeiten in der Region Masar-i-Scharif und wohnen in Containern im Feldlager, das die Bundeswehr dort neben dem Flugplatz gebaut hat. Direkt neben dem Camp der Soldaten ist eine Polizeischule eingerichtet worden. Hier wird von Sonnabend bis Donnerstag ausgebildet, freitags ist Feiertag, dann kehren die Afghanen zu ihren Familien zurück.

Die Ausbildung ist streng reglementiert und immer auf einen Distrikt zugeschnitten. Die beiden Niedersachsen haben alle 53 Polizisten aus dem 180 Einwohner zählenden Bezirk Dehdae für drei Monate ins Tainingscamp geholt. „Das genügt, um Grundfertigkeiten zu vermitteln“, sagt Stefan H. In den verwaisten Polizeistationen hätten in dieser Zeit Vertretungen aus Kabul gearbeitet. Inzwischen seien die afghanischen Kollegen in ihre Heimatorte zurückgekehrt.

„Jetzt läuft unser Mentoring“, sagt Rolf K. So oft es geht fährt er mit Kollegen in einem gepanzerten Geländewagen in den 30 Kilometer südwestlich von Masar-i-Scharif gelegenen Distrikt und unterstützt die Kollegen bei der praktischen Arbeit. Die beiden Kommissare beobachten die Arbeit an den Checkpoints, erkundigen sich nach den Problemen in den Dörfern und stellen bisher nach jeder Mentoring-Tour fest: „In unserem Distrikt ist die Lage ruhig. Die Polizisten haben keine Angst bei ihrer Arbeit.“ Offensichtlich bewähre sich das Ausbildungsprogramm. Auch die beiden weiblichen Absolventen machten ihre Arbeit gut, „sie können sogar unverschleiert auf die Straße gehen“.

Dass es dennoch in Nordafghanistan Probleme bei der Polizei gibt, wollen die deutschen Ausbilder nicht verschweigen. 2000 Mann seien aus den Nordprovinzen abgezogen und nicht ersetzt worden. Auch die Korruption sei nicht ausgerottet. Höher dotierte Posten im Polizeidienst seien früher mit Geld erkauft worden. Heute bestehe ein Problem in der Bezahlung der Sicherheitskräfte. Während der Ausbildung im deutschen Camp gebe es monatlich 80 Dollar, anschließend erhalte der einfache Polizist ein Monatsgehalt von 120 Dollar. „Das reicht nicht, um eine Familie zu ernähren“, sagt Stefan H., die afghanischen Bauarbeiter im Feldlager der Bundeswehr seien mit 300 Dollar viel besser dran.

Die niedersächsischen Beamten bekommen eine Auslandszulage wie die Bundeswehrsoldaten, gut 110 Euro pro Tag steuerfrei. Mindestens zwei Mal im Jahr könnten sie kostenfrei nach Hause fliegen und Urlaub machen. Und warum haben sich die beiden Kommissare freiwillig für den Job am Hindukusch gemeldet? „Etwas Abenteuerlust war dabei“, sagt Stefan H., das archaische Land und dessen Landschaft faszinieren ihn. Zwei Drittel ihres Einsatzes haben die beiden Männer inzwischen hinter sich. Ihre Zwischenbilanz ist eindeutig: „Wir würden uns noch einmal zur Verfügung stellen, trotz der vielen Entbehrungen und der extremen Hitze, denn wir können hier eine Menge bewirken. Unsere Arbeit hier ist nötig und nicht vergebens.“