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Niedersachsen Warum hält man 380.000 Hühner?
Nachrichten Politik Niedersachsen Warum hält man 380.000 Hühner?
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07:40 10.10.2013
Von Heike Manssen
Für diese Tiere endet das Leben nach 35 bis 40 Tagen. In dieser Zeit müssen sie ordentlich an Gewicht zulegen. Beim Schlüpfen wiegen die Küken etwa 42 Gramm, nach etwa sieben Wochen haben sie ein Gewicht von 2500 Gramm. Quelle: dpa
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Im brandenburgischen Wittstock entsteht eine riesige Hähnchenmastanlage für 380 000 Tiere. Der Geflügelproduzent Rothkötter, der in Niedersachsen unter anderem den Geflügelschlachthof in Wietze (Celle) betreibt, ist daran beteiligt. Warum dieses Engagement in Ostdeutschland?
Bauherr des Riesenstalls in Ostdeutschland ist die Firma Prignitzer Broilermast, an der Rothkötter aus Meppen zur Hälfte beteiligt ist. Die andere Hälfte hält die Fortwengel-Holding aus dem emsländischen Sögel. Beide Firmen wollten sich zu ihren Plänen in Ostdeutschland nicht äußern. Nach Angaben von Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft ist die Wahl des ostdeutschen Standorts keine strategische Entscheidung, sondern der Not geschuldet. Rothkötter benötige die Tiere aus Brandenburg zum Schlachten für seinen nicht ausgelasteten Schlachthof in Wietze – anderenfalls müsste er, laut Niemann, Millionen Subventionen zurückzahlen. Weil das Unternehmen aber im Umkreis nicht genügend Mäster finde, weiche Rothkötter auf Ostdeutschland aus. Bislang habe der Betrieb sogar Tiere aus Dänemark zum Schlachten nach Niedersachsen geholt. Brandenburg sei näher und damit kostengünstiger. Neu ist, dass Rothkötter die Tiere nicht nur schlachten, sondern auch selber eine Mastanlage betreiben will.

Wird die Anlage schon gebaut?
Nein, noch nicht. Die Genehmigung vom zuständigen Landesamt für Umwelt und Verbraucherschutz in Potsdam ist zwar schon im November 2012 erteilt worden, allerdings hält ein schwebendes Verfahren den Bau auf. Das bestätigte gestern eine Sprecherin des brandenburgischen Landesamtes. Der Antragsteller habe gegen Nebenbestimmungen geklagt. Unter Nebenbestimmungen fallen beispielsweise Auflagen wie vorgeschriebene Zuwegung oder die Entsorgung von Hühnerkot. Obwohl noch unklar ist, wann der Stall tatsächlich fertig sein wird, suchen die Firmen bereits schon jetzt auf ihren Internetseiten nach Mitarbeitern für die Hähnchenmast.

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Wittstock ist etwa 400 Kilometer von Wietze entfernt. Was heißt das für den Tiertransport?
Man kann die Tiere nur nachts ausstallen, weil sie am Tage für einen Transport zu unruhig sind. Im Lkw ist es üblich, jeweils zehn Tiere in einer luftdurchlässigen Plastikkiste mit Deckel zu verstauen. Tierschützer kritisieren, dass sich die Hühner unter anderem beim Verladen verletzen, zum Beispiel die Flügel brechen.

Wie alt sind die Hähnchen, die in Schlachthöfe transportiert werden?
Die sogenannten Broiler, die im Kühlregal des Supermarktes landen, kommen aus der Kurzmast, das heißt, sie haben etwa 35 Tage gelebt. Hühner aus der Schwermast sind rund 40 Tage alt.

380 000 Tiere – ist das eine übliche Stallgröße?
Nein, denn der geplante Maststall in der Nähe von Wittstock gehört zu einem Komplex aus zehn Einzelställen. Die herkömmliche Standardgröße für Mastställe bietet nach Angaben des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) Platz für 20 000 bis 40 000 Tiere. In Ostdeutschland sind Stallkomplexe wie der jetzt geplante allerdings üblich. 

Wie viele Hähnchen werden in Niedersachsen gemästet?
Nach Angaben des ZDG werden in Niedersachsen mehr als 36,5 Millionen Hühner jährlich gemästet. Das ist mehr als die Hälfte der in Deutschland gemästeten Hähnchen. Damit ist Niedersachsen größter Geflügelproduzent. Wegen der Umweltschäden, die die Massentierhaltung verursacht, kritisiert der Umweltverband BUND, dass auch hierzulande immer mehr Bauanträge für Mastställe gestellt werden. Schon jetzt gebe es eine Überkapazität, und das, obwohl ein weiterer Preisverfall absehbar sei. Jeder neue Stall bringe weitere Betriebe näher an den Ruin, so der BUND.

Wie viel Hähnchen braucht das Land?
Ein Deutscher verzehrt im Jahr etwa zwölf Kilogramm Hühnchenfleisch. Der Verbrauch ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, doch in der ersten Hälfte 2013 ist der Konsum erstmals rückläufig. Experten gehen davon aus, dass die Deutschen auch zukünftig weniger Fleisch vom Huhn essen. Auch Eckehard Niemann warnt vor einer Überproduktion. Bis vor drei Jahren hätten gute Mäster mit vielen Tieren durchschnittlich noch sechs Cent pro Huhn Gewinn gemacht, heutzutage müssten sich viele auf einen Verlust von sechs Cent einstellen.

Wo gibt es die größten Mastställe in Deutschland?
Die größte Anlage steht in Mecklenburg-Vorpommern mit 800 000 Tieren. Ein genaueres Ranking ist fast unmöglich, da bei Besitzerwechsel oft nicht klar ist, wie viele Tiere der einzelne Mäster hat. Bei der Beantragung neuer Ställe hat Brandenburg die Nase vorn. Hier soll eine Anlage mit rund 760 000 Tieren entstehen. Die zweitgrößte Anlage mit 630 000 Tieren soll demnächst im Landkreis Vechta gebaut werden, dort, wo es bereits heute eine hohe Viehdichte gibt. Auch die bundesweit drittgrößte geplante Hähnchenmastanlage liegt über einer halben Million Hühner und wurde in Sachsen-Anhalt beantragt.

Wie leben die Hähnchen in den Ställen?
Hähnchen aus Großmastbetrieben sehen in ihrem kurzen Leben keine grüne Wiese. Sie stehen zusammengepfercht. Je größer die Tiere werden, desto enger wird es, und sie produzieren mehr Kot. Der durchnässte Boden, auf dem sie leben, ist ein Herd für Krankheitskeime.

Wie häufig werden Antibiotika eingesetzt?
Damit die Tiere nicht erkranken oder verenden, greifen Mäster öfter vorbeugend zu Antibiotika. Wirbel löste vor zwei Jahren eine Studie aus, die das Ausmaß des Einsatzes aufzeigte. Danach wurden in 83 Prozent der untersuchten Ställe in Nordrhein-Westfalen Antibiotika an Geflügel verfüttert. In Niedersachsen wurden die Mittel sogar noch etwas öfter eingesetzt – in 85 Prozent der Masthähnchenbetriebe, wie eine landesweite Erhebung zeigte. Zwar ist die Verabreichung von Antibiotika in der Tiermast in Deutschland nur im Krankheitsfall erlaubt. Kritiker vermuten jedoch, dass die Mäster die Mittel oft nicht als Arznei, sondern auch als Wachstumsdoping einsetzen. Die Geflügelwirtschaft kritisiert, dass die Daten immer nur auf Stichproben beruhten.

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