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Niedersachsen Noch keine Spur vom Sexualstraftäter
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23:19 03.06.2009
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Die Flucht des 46-jährigen Patienten sei möglicherweise eine Reaktion auf ein Gespräch mit einem externen Gutachter gewesen, sagte der Ärztliche Direktor des LKH Moringen, Dirk Hesse. Bei diesem Termin, der am vergangenen Wochenende stattgefunden hatte, habe sich der 46-Jährige offenbar durch den Gutachter überfordert gefühlt. Dies könnte der Auslöser gewesen sein.

Solche Begutachtungen seien für die Patienten psychisch enorm anstrengend, sagte Hesse. Der 46-Jährige habe sich vermutlich auch intellektuell der Situation nicht gewachsen gefühlt. Er habe deshalb später um ein Gespräch mit der Leiterin seiner Wohngemeinschaft gebeten. Dieses war für Dienstagmittag angesetzt. Kurz vorher ergriff er jedoch bei einem Arbeitseinsatz auf dem Gelände der LKH-Außenstelle in Göttingen die Flucht.

Der 46-Jährige war gemeinsam mit einem Mitarbeiter der klinikeigenen Gärtnerei auf einer Grünfläche außerhalb des geschlossenen Bereiches mit Rasenmähen beschäftigt gewesen. In einem offenbar unbeobachteten Moment flüchtete er vom Gelände. Im Zuge der sofort eingeleiteten Fahndung fand sich in einem nahe gelegenen Wäldchen der von ihm benutzte Handrasenmäher. Der 46-Jährige selbst blieb indes verschwunden. Das niedersächsische Sozialministerium will jetzt prüfen, ob der LKH-Mitarbeiter möglicherweise seine Aufsichtspflicht verletzt hat. „Wir haben deshalb einen Bericht angefordert“, sagte Ministeriumssprecher Thomas Spieker.

Der auch per Öffentlichkeitsfahndung gesuchte Detlef Schneider befindet sich seit fast 20 Jahren aufgrund eines Urteils des Landgerichts Oldenburg im Maßregelvollzug. Seitdem ist er im LKH Moringen untergebracht. Zuletzt hatte er in halboffenen Bereich der Klinik in einer Wohngemeinschaft gelebt, so dass er sich innerhalb des umzäunten Geländes frei bewegen konnte. Seit März hatte er außerdem die Erlaubnis, die rund 30 Meter vom Haupthaus bis zu seiner Arbeitsstätte in der klinikeigenen Gärtnerei ohne Begleitung zurückzulegen.

Anlass für die Unterbringung in dem Krankenhaus für psychisch kranke Straftäter in Moringen war ein Vorfall aus dem Jahr 1989. Damals hatte er eine Frau in einem Imbiss mit einem Messer bedroht, sie vergewaltigt und zu töten versucht. Die Frau konnte verletzt entkommen. Zur Tatzeit habe der 46-Jährige ohne Sozialkontakte in völlig desolaten Verhältnissen gelebt und viel getrunken, berichtete LKH-Direktor Dirk Hesse. Während der fast 20 Jahre andauernden Unterbringung habe er keinen Alkohol getrunken und auch keine anderen Drogen genommen. Da der Patient außerhalb der Klinik keine Freunde und sonstige Anlaufstellen habe, sei es gut möglich, dass er sich weiterhin in der Umgebung aufhalte. „Das LKH ist seine Familie.“

Ministeriumssprecher Spieker verwies darauf, dass Patienten des Maßregelvollzugs einen gesetzlichen Anspruch auf Resozialisierung hätten. Bei dem 46-Jährigen sei es auch im Zuge der bisherigen Lockerungen bis Dienstag zu keinerlei Vorfällen gekommen. Er habe sich auch bei Arbeitseinsätzen immer sehr kooperativ verhalten.

Detlef Schneider ist nicht der erste Patient, der aus dem LKH Moringen geflohen ist. Unter anderem hatte im vergangenen Sommer ein Patient einen Ausflug an den Edersee zur Flucht genutzt. Wenige Stunden später fanden ihn Passanten völlig betrunken und orientierungslos auf einem Fußweg.

Vor vier Monaten gelang einem Sexualstraftäter aus dem Maßregelvollzug des Asklepios Fachklinikums in Göttingen die Flucht. Ihm war es gelungen, sich im geschlossenen Bereich während der Arbeitstherapie aus einem Fenster zu zwängen. Am nächsten Morgen stellte er sich am Bahnhof in Hannover der Polizei.

Insgesamt sei die Zahl der Entweichungen aus dem LKH Moringen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, betonte Ministeriumssprecher Spieker. Gab es im Jahr 1988 noch 77 Fluchten, wurden 2000 noch 20 Fälle registriert. Im vergangenen Jahr kam es zu zehn Vorfällen, in denen die Klinik eine Fahndung eingeleitet hat. Die Statistik erfasse auch Fälle, „in denen der Patient von Ausgängen ohne Begleitung zu spät ins Haus zurückkehrt und deshalb eine Fahndung eingeleitet werden muss“, betont Klinikleiter Hesse.
Detlef Schneider ist am Dienstag aus dem LKH Moringen geflohen.

von Heidi Niemann