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Niedersachsen Oberstufenschüler sollen deuten lernen
Nachrichten Politik Niedersachsen Oberstufenschüler sollen deuten lernen
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22:19 28.07.2010
Von Saskia Döhner
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Der Vorsitzende des Geschichtslehrerverbandes, Martin Stupperich, hatte kritisiert, dass das Kerncurriculum den Nationalsozialismus vernachlässige. Zudem würden zu wenige Inhalte vorgegeben, das verunsichere Lehrer und Schüler.

Ein Mitglied der achtköpfigen Kommission, die den neuen Lehrplan erstellt hat, ist Peter Heldt. Der Fachberater für Geschichte und Lehrer am Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasium in Braunschweig weist die Vorwürfe zurück. Anders als im Geschichtsunterricht der unteren Jahrgänge 5 bis 10 gehe es nicht um eine chronologische Wissensvermittlung von der Steinzeit bis in die Gegenwart, in der Oberstufe sollten die Schüler – auch in Vorbereitung auf das später mögliche Studium – lernen, historische Zusammenhänge einzuordnen und zu deuten: „Es reicht nicht zu wissen, wer war Cäsar und wann hat er gelebt, sondern auch, was hat er bewirkt.“ Die Rahmenthemen wie „Krisen, Umbrüche und Revolutionen“ oder „Wurzeln unserer Identität“ seien deshalb extra weit gefasst. „Wir geben den Lehrern den Freiraum zurück, den sie an eigenverantwortlichen Schulen haben sollten.“

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Von einer Vernachlässigung des Themas Nationalsozialismus könne aber gar keine Rede sein. Im Gegenteil, es passe beinahe in jedes der vorgeschlagenen acht Wahlmodule. Zudem heiße es in dem Entwurf ausdrücklich: „Es ist sicherzustellen, dass die Schülerinnen und Schüler sich im Laufe der Qualifikationsphase in mindestens einer Unterrichtssequenz mit Aspekten des Nationalsozialismus auseinandersetzen.“

Dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland reicht dies nicht. Stephan Kramer hat in einem Protestbrief an Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) gefordert, dem Thema Holocaust in der Oberstufe größeren Raum zu geben. Das Antwortschreiben des Ministers konnte Kramer noch nicht lesen, weil er sich bis Ende der Woche im Urlaub befindet.

Hintergrund des Konflikts ist, dass seit gut vier Jahren nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz die alten Lehrpläne nach und nach durch neue Kerncurricula ersetzt werden. Grundsätzlich steht dabei nicht mehr die Vermittlung von reinen Fakten, sondern von Kompetenzen im Vordergrund. In Geschichte sollen die Oberstufenschüler neben Sachwissen auch Kompetenzen in den Bereichen Methoden, Deutung und Reflexion erwerben.

Heldts Kommissionskollege Sönke Jaek, Geschichtslehrer am Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium und Träger des Deutschen Lehrerpreises, erteilt der Forderung, auch in der Oberstufe einen zweiten Schnelldurchlauf durch die Geschichte zu machen, eine klare Absage: „Ich will die Schüler nicht noch einmal durch die Zeiten hetzen müssen.“