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Niedersachsen Politik und Prominenz feiert mit Wulff
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13:32 29.06.2010
Das letzte Fest als Landesvater? Christian Wulff und seine Frau Bettina stimmen sich mit einem Drink zu zweit auf die große Party in der niedersächsischen Landesvertretung ein. Quelle: Michael Thomas
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Christian Wulff bleibt ein vorsichtiger Mensch. Manchmal habe er Zweifel, dass es im ersten Wahlgang glücke, er gehe aber davon aus, dass es danach klappe, bekannte er am Wochenende abwartend. Andere sind weniger geduldig.

Montagabend eröffnete Wulff in Berlin das traditionelle Sommerfest des Landes. Einige Gäste wollten nicht einmal einen Rest von Unsicherheit gelten lassen, dass Wulff die Woche am Freitag mit einem weiteren Sommerfest beschließen wird – mit dem des Bundespräsidenten und Wulff als Gastgeber. Die neuen Botschafter Mexikos und des Iraks wollten ihre Beglaubigungsschreiben gar nicht erst dem Interimsstaatsoberhaupt, Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen, in die Hand drücken, sondern lieber gleich an Wulff aushändigen. Ob sie denn auch ohne Akkreditierung zum Sommerfest des künftigen Bundespräsidenten kommen könnten, fragten die Diplomaten. Sie durften, ließen aber, diplomatisch korrekt, ihre Beglaubigungen in der Botschaft zurück.

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Besucherrekord beim Sommerfest der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin: Ministerpräsident Christian Wulff, Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, konnte mit mehr als 3800 Gästen in der Hauptstadt so viele Besucher begrüßen wie nie zuvor.

Die Aussicht, Deutschlands voraussichtlich nächstes Staatsoberhaupt kennenzulernen, machte die Einladung zum Fest zu einem begehrten Artikel. Rund 3800 Gäste hatten sich verbindlich angemeldet – so viele wie nie zuvor. Und mehr verkraftet die Landesvertretung in Sichtweite des Reichstagsgebäudes auch gar nicht. Schon bei 3500 Gästen, wie im vergangenen Jahr, war es drangvoll eng gewesen. „Die Obergrenze ist absolut erreicht“, befand die Bevollmächtigte des Landes beim Bund, Martina Krogmann, die „Botschafterin“ Niedersachsens in Berlin.

Nicht nur die Zahl der Besucher war außergewöhnlich, auch das Medieninteresse entsprach schon fast einem bundespräsidialen Status des Gastgebers: Acht Fernsehteams waren vor Ort, darunter die britische BBC, die auch Niedersachsens künftigen Regierungschef mit schottischen Wurzeln, David McAllister, in Szene setzte. Zum ersten Mal waren zahlreiche ausländische Printmedien gekommen, unter anderem zwei japanische Tageszeitungen, die extra um Einladung gebeten hatten. Es gab kaum eine Bitte, die Wulff den Fotografen und Kameraleuten beim Rundgang zwischen den zahlreichen Ständen niedersächsischer Unternehmen ausschlug: Wulff beim Schlürfen ostfriesischen Tees, Wulff beim Tortenschneiden, Wulff beim Brathähnchenpräsentieren, stets umgeben von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Betriebe: „Meine Frau sagt oft: ,Warum bist du immer mit so hübschen Damen auf den Bildern zu sehen? Ich dachte, du bist zum Arbeiten da!‘“, verriet ein sichtlich gut aufgelegter Wulff.

Weder die knappe Zeit noch die pralle Abendsonne konnten Wulffs Interesse an den Produkten der Unternehmen etwas anhaben. Auf dem Stand der Verlagsgesellschaft Madsack, die auch die Hannoversche Allgemeine Zeitung herausgibt, traf Wulff auf den Madsack-Geschäftsführer Herbert Flecken, von dem sich der Ministerpräsident das Zeitungsangebot des Verlagshauses erläutern ließ. Schnell fiel sein Blick auf eine Ausgabe mit Song-Contest-Siegerin Lena Meyer-Landrut auf der Titelseite. „Alles Hannover hier“, sagte Wulff und nickte anerkennend.

Niedersachsen – Land mit Energie“ lautete das Motto des Festes. Dies war natürlich im doppelten Sinn gemeint und wurde vom GOP-Varieté aus Hannover bis hin zur Musikschule aus Nordhorn in Szene gesetzt. Aber Wulff wies gern darauf hin, dass das Land tatsächlich Energieträger Nummer eins in Deutschland ist. Niedersachsen produziere mehr Erdgas, als es verbrauche, sei führend bei Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse, und, „der Vollständigkeit halber“, leiste auch mit der Kernenergie und Schacht Konrad einen wichtigen Beitrag. Eine kleine Spitze an all jene Bundesländer, die sich aus der Standortdebatte um sichere Endlagerplätze heraushalten?

Schließlich waren die Spitzen aus Politik und Wirtschaft erschienen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde von Wulff beim Eintreffen traditionell persönlich begrüßt; auch Krogmann war dabei – und erhielt von einem Berliner Fotografen im Gedränge einen Schlag mit dem Objektiv an den Kopf. Merkel brachte fast das gesamte Kabinett mit – unter anderem Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), Kanzleramtschef ­Ronald Pofalla (CDU), Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und den Staatsminister im Kanzleramt, Eckart von Klaeden (CDU). Auch Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) kam später. In voller Stärke war natürlich das Landeskabinett in die Bundeshauptstadt gereist. Für die Regierungsneulinge Astrid Grotelüschen (Landwirtschaft, CDU), Aygül Özkan (Soziales, CDU) und Johanna Wanka (Wissenschaft, CDU) war es zugleich die Festpremiere in ihrer jeweiligen Rolle. Führende niedersächsische Unternehmen werden Wulff vielleicht nicht so gern ins Berliner Schloss Bellevue ziehen lassen – allen voran VW-Chef Martin Winterkorn und der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, denen Wulff einst half, die Porsche-Attacke abzuwehren und die Schwaben in den VW-Konzern zu integrieren. Der Nord/LB-Chef Gunter Dunkel war ebenso zum Fest erschienen wie der Springreiter Paul Schockemöhle – schließlich ist Niedersachsen schon kraft seinen Wappens Pferdeland –, DGB-Chef Michael Sommer und der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin.

Rekordverdächtig wie die Gästeliste war diesmal auch die Zahl der Sponsoren, die das Fest erst möglich gemacht hatten. Rund 80 Firmen und Initiativen hatten gespendet. Den gehaltvollsten Beitrag – in Kalorien gezählt – lieferte die Arbeitsgemeinschaft Ferien auf dem Bauernhof: Sie hatte, passend zum Festmotto, eine Riesentorte mit historischer Windmühle und modernem Windrad mitgebracht.

Alexander Dahl
 und Marina Kormbaki

28.06.2010
Klaus Wallbaum 25.06.2010