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Niedersachsen Politologen ordnen Ministerpräsidenten ein
Nachrichten Politik Niedersachsen Politologen ordnen Ministerpräsidenten ein
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20:52 08.07.2012
Von Klaus Wallbaum
Ein neues Buch typisiert die niedersächsischen Ministerpräsidenten von Hinrich Wilhelm Kopf (l.) bis Christian Wulff. Quelle: Archiv
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Hannover

In einem neuen Buch, das am Montag von Bundesministerin Ursula von der Leyen vorgestellt wird, porträtieren sie die ersten neun Regierungschefs des Landes – und loten zugleich aus, welche Gemeinsamkeiten und Gegensätze es gibt. Die Rolle der Regierungschefs hat sich in 66 Jahren Niedersachsen gewandelt. Zwischen zwei Idealtypen sehen die Autoren die Amtsträger schwanken: Die einen sind Landesväter, die anderen Landesmanager. Dazwischen agieren die charismatischen Medienfiguren wie Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel, die mit ihrer Präsenz in Zeitungen, Fernsehen und Rundfunk überzeugen und Fakten setzen und Widerstände in der eigenen Partei überwinden wollen.

Aber wie es immer mit Schubladen ist: Keiner passt so richtig hinein. So werden etwa Hinrich Wilhelm Kopf, Georg Diederichs und Heinrich Hellwege, die ersten drei Regierungschefs, zutreffend als Landesväter charakterisiert. Sie reisen im Land umher und gleichen aus, geben aber kaum neue Anstöße. Doch gerade Kopf, der erste, hatte auch viele Anstöße gegeben, war auch ein starker Manager.

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Dann wird auch Christian Wulff dem Landesvater zugeordnet. Dabei steht die Ära Wulff, zumindest in der Anfangsphase, auch für politische Gestaltung. Auf der anderen Seite sind menschliche Wärme und Herzlichkeit, die Landesväter auszeichnen, gerade nicht die hervorstechenden Merkmale Wulffs gewesen. Ihn umgab mehr kühle Distanz – wie Ernst Albrecht und Alfred Kubel, die beide als Prototypen der „Landesmanager“, beschrieben werden.

Dennoch ist das 320 Seiten starke Buch eine wertvolle Bereicherung der Literatur über niedersächsische Landespolitik. Eindrucksvoll wird beschrieben, wie stark die ersten Regierungschefs bis Mitte der siebziger Jahre oft quer zur eigenen Partei agiert haben, vorzugsweise die Sozialdemokraten. Sie konnten sich trotzdem halten, und das lag auch an der Schwäche der Parteiapparate. Ernst Albrecht hatte seinen Wilfried Hasselmann, der die Rückendeckung der CDU sicherte. Und Gerhard Schröder konnte später auf seine hohe Popularität bauen, wenn es darum ging, Widerstände in der SPD zu überwinden.

Warum wurde Diederichs 1961 Nachfolger von Kopf, nicht der Parteimann Kubel? Die SPD wollte sich damals zur Mitte öffnen, da war der Apotheker aus Northeim der richtige Mann. Warum kam Kubel dann 1970 zum Zuge? Das war die Zeit von Planung und Aufbruch, als Zugpferd konnte niemand so gut die Rolle ausfüllen wie Kubel. Das Buch nennt auch Kubel, Albrecht und Wulff als diejenigen, die durch ihre guten Detailkenntnisse in vielen Fragen eine Autorität in ihren Kabinetten waren.

Bleibt die Frage: In welche Schublade passen die aktuellen Kontrahenten um den Posten des Ministerpräsidenten, David McAllister und Stephan Weil? Vermutlich ist McAllister, der Volkstribun, eher ein Landesvater, der mit Kompromissen zusammenführen will – etwa in der Schulpolitik. Weil hingegen dürfte eher der Typ Verwaltungsmanager sein, der verspricht, lange überfällige Reformen anpacken zu wollen. Aber passt die Schublade wirklich?

„Die Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen: Landesväter und Landesmanager“. Herausgegeben von Teresa Nentwig, Frauke Schulz, Franz Walter und Christian Werwath. Hahnsche Buchhandlung Hannover, 29 Euro.

Michael B. Berger 08.07.2012
08.07.2012
07.07.2012