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Niedersachsen Praxis wegen Überfüllung geschlossen
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22:59 19.04.2009
Von Gabriele Schulte
Die Geräte sind noch da, der Arzt nicht mehr: Vermieter Heinz-Helmut Hoja hofft auf einen Praxisnachfolger.
Die Geräte sind noch da, der Arzt nicht mehr: Vermieter Heinz-Helmut Hoja hofft auf einen Praxisnachfolger. Quelle: Schulte
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Die Praxis wirkt gespenstisch. Seit einem halben Jahr ist hier alles ungenutzt stehen und liegen geblieben, zur Weiterverwendung bereit: das Ultraschallgerät, die Blutdruckmanschette, Verbandsrollen und Medikamente. Neun Behandlungsräume, mit Computern und Telefonanschluss, ein Labor, ein Wartezimmer mit Zeitschriften.

Was seit Oktober fehlt, ist der Arzt. Er kam mit der Bürokratie nicht zurecht, überschritt sein Budget, meldete für die beliebte Praxis in Schwarmstedt (Kreis Soltau-Fallingbostel) Insolvenz an – und arbeitet jetzt in der Schweiz. Für die sanierten Räume, die Geräte und den – kostenlos zu übernehmenden – großen Patientenstamm hat sich noch kein Nachfolger gefunden. „Ich habe bundesweit inseriert“, sagt Vermieter Heinz-Helmut Hoja. „Die Reaktion war gleich null.“

Schwarmstedt liegt von Hannover nur eine halbe Auto- oder Bahnstunde entfernt. Es gibt Supermärkte, Kindergärten, Schulen bis zum Abitur. Doch selbst Kommunen mit solcher Infrastruktur haben unter dem Landärztemangel zu leiden. Da Anfang des Jahres auch noch ein Arzt bei einem Autounfall ums Leben kam, sind von vier gut ausgelasteten Praxen in der 12.000-Einwohner-Samtgemeinde innerhalb weniger Monate zwei weggefallen.

Die beiden verbliebenen Kollegen geraten an ihre Grenzen. Patienten werden, wenn kein Notfall vorliegt, oft wieder nach Hause geschickt. Nicht wenige haben dafür sogar Verständnis. Denn die Mediziner hätten, so sieht es das deutsche Gesundheitssystem vor, für „überzählige“ Neuaufnahmen keinen Cent Honorar zusätzlich bekommen. „Gleich bei der Anmeldung wurde mir gesagt, dass ich mir woanders einen Hausarzt suchen muss“, berichtet eine Schwarmstedterin. Bloß wo? In der Nachbarsamtgemeinde Ahlden ist die Ärzteversorgung ebenfalls ein Problem. Auch dort müssen Hausärzte vereinbarte Termine kurzfristig absagen, wenn Dringenderes dazwischenkommt. Nicht wenige Patienten verschieben anstehende Arztbesuche deshalb zunächst ganz und hoffen auf eine Besserung der Lage.

Die ist nur ansatzweise in Sicht. Die Kassenärztliche Vereinigung in Verden hat mit einem Aushilfsarzt einen Dreimonatsvertrag geschlossen. Und eine in der Vergangenheit bei einem Schwarmstedter Kollegen angestellte Ärztin hat sich im Ort Anfang April selbstständig gemacht – aber nur mit halber Stelle. Die Kommune hatte ihr mit einem zinslosen Darlehen den Verbleib in Schwarmstedt schmackhaft gemacht. Auf ähnliche Weise versucht rund 15 Kilometer weiter nördlich Hodenhagen, eine Ärztin zu locken. Ob das im noch ländlicheren Dorfmark gelingt, wo zwei von drei Arztpraxen wegfallen, ist fraglich.

Björn Gehrs, stellvertretender Samtgemeindebürgermeister in Schwarmstedt, findet das neue Buhlen der Gemeinden um Hausärzte bedenklich. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) und der Städte- und Gemeindebund hatten sich 2008 auf eine verstärkte Zusammenarbeit in dieser Frage geeinigt. „Die Ärzteversorgung sollte eigentlich nicht von der Finanzkraft der jeweiligen Kommune abhängen“, meint SPD-Ratsherr Gehrs – auch wenn Schwarmstedt dabei recht gute Karten habe. Ärztekammer und KVN warnen vor einer Verschlimmerung des Mangels. Zu erwarten sei, dass in den kommenden zwölf Jahren mehr als 4200 Ärzte in den Ruhestand gehen, sagt Ärztekammerpräsident Martina Wenker.

Wie Michael Schmitz als Geschäftsführer der KVN in Verden berichtet, geben allein in diesem Bezirk innerhalb der nächsten fünf Jahre 80 Ärzte ihre Praxis auf, die Hälfte davon Hausärzte. „Mit flexiblen Möglichkeiten, auch Teilzeit“, wolle man die Anziehungskraft auf den Nachwuchs erhöhen. Doch das Landarztdasein gilt bei Medizinern als wenig lukrativ und ist voller bürokratischer Hürden.

Ohne die Gesundheitsbürokratie wäre wohl auch kein Arzt aus Schwarmstedt in die Schweiz ausgewandert. So aber verschrieb Hausarzt K. seit 2001 immer wieder über sein Budget hinaus Medikamente – ohne der Kassenärztlichen Vereinigung die dafür erforderliche Begründung zu liefern. Die KVN Verden überwies das Geld, obwohl K. Einladungen zu Beratungsterminen ausschlug, pünktlich zu jedem Quartal, erst nach sieben Jahren war Schluss. Geschäftsführer Schmitz bleibt auf Nachfrage vage: „So etwas zu klären ist aufwendig“, sagt er bloß. Am Ende jedenfalls hatte K. Hunderttausende Euro Schulden – und das Land verlor einen weiteren Hausarzt.