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Niedersachsen Marbach: „Es könnte weitere Täter gegeben haben“
Nachrichten Politik Niedersachsen Marbach: „Es könnte weitere Täter gegeben haben“
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17:26 22.01.2019
Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel am Dienstag im Gerichtssaal in Oldenburg. Foto: Mohssen Assanimoghaddam Quelle: dpa
Hannover

Angehörigen-Sprecher Christian Marbach vermutet eine zweiten Täter.

Herr Marbach, Niels Högel hat 43 weitere Tötungen von Patienten gestanden. Eine erschreckende Zahl, aber für Sie wahrscheinlich wenig überraschend?

Nein, im Gegenteil. Das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Das ist keine Überraschung, sondern nur das, was man ihm sowieso nachweisen wird.

Für wie glaubwürdig halten Sie Högels Aussagen? Da gibt es doch immer wieder Zweifel.

Da muss man ein bisschen unterscheiden. Er ist natürlich auch in diesem Prozess weiterhin jemand, der manipuliert und spielt. Bei den Taten, die er zugibt, hat er unheimlich viel Detailwissen und geht damit auch offen um. Neu ist in diesem Prozess, dass er bestimmte Taten von sich gewiesen und abgelehnt hat. Da halte ich ihn für glaubwürdig. Das passt ein bisschen zu den Erfahrungen des vorangegangen Prozess, dass die Einzeltäter-Hypothese nicht zwingend sein muss.

Die Ermittlungsbehörden haben weitere Täter ausgeschlossen...

Bereits 2014 gab es mehrere Hinweisen von Personen aus dem medizinischen Umfeld, die mir gesagt haben, es könne auch sein, dass sich mehrere Leute ein ganz makaberes Rennen geliefert haben. Im Klinikum Delmenhorst sind in der Högel-Zeit durchschnittlich insgesamt 210 Patienten mehr gestorben als üblich. Die Frage ist ja nicht nur: Was kann man Högel nachweisen? Sondern: Was ist mit diesen Menschen passiert? Wie sind die gestorben und durch wen? Zeugen haben ja ausgesagt, dass dort regelmäßig Medikamente illegal auch von anderen Pflegern gespritzt werden. Das ist schwere Körperverletzung, im schlimmsten Fall mit Todesfolge. Von da aus bis zum Mord ist es nur ein kleiner Schritt.

Demnach wird die Mordserie wohl niemals vollständig aufgeklärt werden?

Da Högel nicht ausreichend kooperiert, sondern nur das zugibt, was man ihm ohnehin nachweisen kann, glaube ich, dass die Dunkelziffer sehr hoch bleiben wird. Ich glaube, drei Viertel aller Morde, die er begangen hat, werden nicht vor Gericht belastbar verurteilt werden können.

Wie wirkt das auf die Angehörigen?

Das ist extrem schlimm, was jetzt passiert. Högel ist vor allem unglaubwürdig gegenüber den Angehörigen. Ich hatte gehofft, auch nach meinem Briefverkehr mit ihm, dass er es ehrlich meint mit uns, dass er konsequent zu seinen Taten steht, zur Aufklärung beiträgt und echte Schuld uns gegenüber empfindet. Das ist derzeit nicht zu sehen. Bei ihm überwiegt Selbstmitleid.

Es gibt im Prozess schwere Vorwürfe gegen das Klinikum Oldenburg. Dort sollen möglicherweise Taten von Högel gedeckt oder verheimlich worden sein. Wie sehen sie das?

Das schätze ich als sehr kritisch ein. Ich fordere da auch ausdrücklich die Klinikleitung auf, unabhängig von strafrechtlichen Anklagen herauszufinden, wer das war. Der Träger des Klinikums muss mit diesen Leuten ins Gespräch gehen. Wir reden hier nicht darüber, dass jemand einen Falschparker nicht angezeigt hat. Wir reden hier über systematischen, organisatorischen Schutz eines Serienmörders – durch ignorieren, vergessen, vermeiden. Dass Zeugen von den Kliniken juristisch begleitet und unter Druck gesetzt wurden, war übrigens nicht nur in Oldenburg so, sondern auch in Delmenhorst.

Das Gericht will jetzt eine Sicherungsverwahrung für Högel prüfen. Was heißt das?

Über Högel wurden schon mehrere Gutachten geschrieben – und alle waren falsch. Der neue Gutachter ist durchaus bekannt dafür, dass er für solche Taten Sicherungsverwahrung empfiehlt. Ich halte das bei Högel – aufgrund seiner kranken und gefährlichen Gesamtpsyche – für eine angemessene Lösung.

Von Marco Seng

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