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Niedersachsen Ramaswamy setzt sich knapp durch
Nachrichten Politik Niedersachsen Ramaswamy setzt sich knapp durch
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19:07 26.08.2012
Von Klaus Wallbaum
Neues Führungsduo: Erstplatzierter Meinhart Ramaswamy (r.) und Katharina Nocun. Quelle: Ingo Wagner
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Delmenhorst/Hannover.

Für einige Minuten macht sich blankes Entsetzen breit im Tagungssaal. Schon eine Stunde lang warten die Mitglieder auf die Verkündung des Wahlergebnisses, und dann tritt der Landesvorsitzende Andreas Neugebauer nach vorn und bittet „mal eben alle Mitglieder des Vorstandes, zu mir zu kommen“. Auf Twitter kommen die ersten ängstlichen Kommentare: „Das kann nichts Gutes heißen.“ Mutmaßungen machen die Runde: Hat es etwa schon wieder einen Formfehler gegeben? Droht auch der dritte Piratenparteitag im Desaster zu enden - nach Nienburg Ende April und Wolfenbüttel Ende Juli?

Es geht dann noch einmal gut, zumindest, wenn man der offiziellen Mitteilung des Vorstandes Glauben schenken will. Bei der Auszählung des komplizierten Wahlverfahrens habe es Missverständnisse gegeben, und einige meinten wohl, man müsse das alles ganz anders machen. Dann aber sei „ein Einspruch zurückgezogen“ worden - und prompt wurden am Sonnabend kurz vor 16 Uhr die ersten fünf Listenplätze präsentiert: Meinhart Ramaswamy (59) aus Göttingen, der schon im April zur Nummer eins gekürt worden war, führt die Piraten als Spitzenkandidat an. Im komplizierten Wahlverfahren, bei dem jedes der 170 anwesenden Mitglieder jedem Kandidaten bis zu fünf Punkte geben konnte, erreichte Ramaswamy 693 Punkte, nur vier mehr als die 25-jährige Katharina Nocun aus Dissen bei Osnabrück, die auf Position zwei aufsteigt. Nocun, seit Jahren engagierte und bundesweit vernetzte Datenschützerin, gilt für viele in der Piratenpartei als Hoffnungsträgerin.

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Aber ist jetzt alles gut bei den Piraten, wie die Führung zu vermitteln sucht? Das Team der ersten fünf bleibt so, wie schon im April ausgeguckt - allerdings in leicht veränderter Reihenfolge. Hinter Nocun folgt der kaufmännische Angestellte Christian Koch (41) aus Hildesheim, danach Landesgeschäftsführer und Softwareexperte Christian Peper (29) aus Hildesheim und dann der Kraftfahrzeugmeister Mario Espenschied (32) aus Diepholz. Aber es gibt auch Verlierer des monatelangen innerparteilichen Ringens mit Einsprüchen und Schiedsgerichtsentscheidungen.

Mehrere Piraten aus der Region Hannover, die im April noch auf vorderen Listenplätzen lagen, rutschten ab - der frühere Bundesvorsitzende Dirk Hillbrecht etwa fällt von Platz acht auf 14, Ylva Meier aus Barsinghausen von zehn auf 15, der Regionsvorsitzende Steven Maaß kommt nur auf 24. Das könnte eine Quittung dafür sein, dass der innerparteiliche Streit um die Rechtmäßigkeit der Wahlverfahren nirgendwo so erbittert geführt wurde wie in Hannover.

Auch überraschende Gewinner hat die Partei, so auf Listenplatz elf den Manager des Vereins „Mehr Demokratie“, Tim Weber. Die Kandidatenkür fand diesmal unter Beobachtung höchster Parteikreise statt. Der Bundesvorsitzende Bernd Schlömer, Beamter im Bundesverteidigungsministerium und gebürtiger Emsländer, hielt nicht nur ein Grußwort, sondern verlas sogar für den abwesenden Kandidaten Carsten Bätge eine Bewerbungsrede. Als Schlömer darin schilderte, dass Bätge gerade heute als Musiker bei einer Werbeveranstaltung eines Versandhauses nicht fehlen dürfe, da er sonst Konventionalstrafe zahlen müsse, war über „Twitter“ plötzlich so etwas wie eine heimelige Wir-Atmosphäre der Piraten spürbar. Dass der oberste Pirat herabsteigt, um stellvertretend eine Bewerberrede vorzulesen, belegt den kumpelhaften Umgangsstil in dieser Partei.

Ob das aber alles ausreicht, die Piraten nach Monaten erbitterter Konflikte zu befrieden? Merkwürdigkeiten bleiben bestehen: Die Kandidaten durften sich in Delmenhorst nur eine Minute lang vorstellen, das ist sehr kurz. Zwischen dem Beginn der Aufstellung Ende Juli und jetzt liegen fünf Wochen, das ist sehr lang. Außerdem war die Nominierung mitten in den Sommerferien. Es wäre wohl ein Wunder, wenn es diesmal keine Einsprüche geben würde.