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Niedersachsen Rechtsextreme sind heute kaum noch zu erkennen
Nachrichten Politik Niedersachsen Rechtsextreme sind heute kaum noch zu erkennen
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23:08 26.03.2009
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„Nazis raus“ steht groß auf der runden Ansteckplakette. Nur wer näher hinschaut, kann auch das Kleingedruckte darunter lesen: „raus auf die Straße“. Heike, eine 25-jährige Textilwissenschaftlerin aus Oldenburg, erklärt Lehrerinnen die Kennzeichen und Kleidungsgewohnheiten von Neo-nazis. „Manchmal erkenne ich die wahre Botschaft erst, wenn ich bis auf 20 Zentimeter rangehe“, sagt die Expertin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, zu ihren Zuhörerinnen. Zusammen nehmen sie teil an einer Tagung in der Universität Osnabrück, Fachbereich Textiles Gestalten, die von der Uni zusammen mit Polizei, Präventionsrat und Landesschulbehörde vorbereitet wurde.

Die Textilwissenschaftlerin hat ihre Abschlussarbeit über die Moden in der Naziszene geschrieben. Ihr Fazit: „Es wird immer schwieriger, Neonazis zu erkennen.“ Rechtsextreme haben Bomberjacke und Springerstiefel abgelegt und nutzen ungeniert alle üblichen Ausdrucksformen unterschiedlicher Jugendkulturen. „Das macht die Nazis gefährlicher“, sagt Heike. Selbst das Outfit des politischen Gegners wird kopiert. Den Workshop-Teilnehmern in Osnabrück zeigt die Expertin Fotos von jungen Leuten mit Palästinensertuch und Che-Guevara-Hemd – mitten in einer NPD-Demonstration. Die Neonazis verstehen eben die Palästinenser heute als Vorkämpfer gegen die verhassten Juden und deuten den Kommunisten Guevara zum nationalen Freiheitshelden um. So einfach kann das sein – und so verwirrend.

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Heike, die Textilwissenschaftlerin aus Oldenburg, vermutet hinter dieser „Nicht-Erkennbarkeit vor allem taktische Gründe“. Die rechtsextreme Szene möchte ihre Basis verbreitern und möglichst viele verschiedene Jugendliche ansprechen. Da ist ein Image von Glatzköpfen eher hinderlich. Dazu kommt der Wunsch, die Polizei verwirren zu wollen und die linke Szene zu provozieren. Besonders auffällig ist dies in der Auseinandersetzung mit der traditionell antifaschistischen autonomen Szene.

Schwarze Kapuzenpullover und Windjacke, dunkle Kappen und Sonnenbrillen – bislang den linken Autonomen und den Ultras im Fußballstadion vorbehalten – sind jetzt auch bei rechtsextremen Aufläufen angesagt. Experten wie Gerhard Bücker vom Landespräventionsrat sprechen von einer noch neuen Szene junger Leute, die sich „autonome Nationalisten“ nennen. In ihrer Kleidung aber auch in ihrer Kapitalismuskritik unterscheiden sich diese kaum noch vom sogenannten schwarzen Block in der Gegendemo. Allein die Sprache bleibt verräterisch, wenn die rechten Autonomen auf ihren Transparenten vom „Kampf“ und vom „nationalen Sozialismus“ reden.

Für Polizisten, Lehrer und politische Gegner der Rechtsextremen wird es eher schwieriger. Eine Lehrerin aus Soltau berichtet in Osnabrück, dass sie und ihre Kollegen unter den Schülern die Mitglieder der sehr aktiven rechten Szene in dem Heideort kaum noch ausmachen könnten. Die Schule sei dazu auf die Hilfe des polizeilichen Staatsschutzes angewiesen. „Nur so können wir uns noch wehren“, sagt die Pädagogin.

von Bernhard Remmers