Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Rolle rückwärts beim Turbo-Abitur?
Nachrichten Politik Niedersachsen Rolle rückwärts beim Turbo-Abitur?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:03 07.06.2013
G8 oder G9? Das klassische Abitur nach 13 Jahren Schulzeit erlebt im Westen Deutschlands eine Renaissance. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Unter den niedersächsischen Bildungsexperten gibt es laut Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt ebenso viele Kritiker wie Befürworter des Turbo-Abiturs an Gymnasien. „Das Bild ist nicht einheitlich, pro und kontra halten sich etwa 50 zu 50 die Waage“, sagte die SPD-Politikerin am Freitag in Hannover.

Für Montag hat Heiligenstadt rund 50 Vertreter von 30 Verbänden, Kirchen und Politik zum ersten Dialogforum zur möglichen Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren an Gymnasien geladen. Laut Heiligenstadt sei es nicht umstritten, dass die Einführung des Turbo-Abiturs an den Gymnasien vor zwei Jahren den Stress für alle Beteiligte erhöht habe. Die rot-grüne Landesregierung gehe offen für alle Sachargumente in die Debatte. Eine Entscheidung werde es am Montag nicht geben.

Anzeige

Die rot-grüne Landesregierung hat die Beibehaltung des Abiturs nach 13 Jahren an Integrierten Gesamtschulen dagegen bereits kurz nach der Regierungsübernahme beschlossen. Bei den Gymnasien will Heiligenstadt deshalb aber keine „überhastete Debatte“: „Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen.“ Unter anderem gehen die Meinungen bei der Wahlmöglichkeit für einzelne Schulen bei der Zahl der Jahre, wie in manchen Bundesländern praktiziert, weit auseinander.

Neben der Zahl der Schuljahre gehe es in dem Dialogforum auch um die Frage, ob eine Reduzierung der Abiturprüfungsfächer, derzeit drei schriftliche und eine mündliche Prüfung, dazu geeignet wären, den hohen Leistungsdruck zu reduzieren. Überprüft werden solle auch, ob der generelle Inhalt der Lehrpläne überarbeitet werden müsse. Laut Heiligenstadt dürfe dies aber nicht zulasten der Bildungsqualität gehen. Neben den Schülern würden aber auch Lehrer über zunehmende Belastungen klagen. Ob die vom Rechnungshof geforderte Verlängerung der Wochenarbeitszeit für Lehrer um 1,5 Stunden umgesetzt werde, wollte Heiligenstadt indes weder ausschließen noch zusagen.

Der Philologenverband hat sich unterdessen für die generelle Abschaffung des Turbo-Abiturs an Gymnasien ausgesprochen. Das gewonnene Jahr solle zur Vertiefung des Stoffes genutzt werden. „Die Chance bei 13 Jahren ist, dass es stressfreier wird“, sagte der Verbandsvorsitzende Horst Audritz im Gespräch mit der dpa. „Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, dass wir Leistung abbauen.“ Auch die Gewerkschaft GEW plädiert für eine Rückkehr zum alten Modell.

Länder lassen die Wahl

Das klassische Abitur nach 13 Jahren Schulzeit erlebt im Westen Deutschlands eine Renaissance. Hintergrund ist die weit verbreitete Klage von Schülern und Eltern über die Belastung durch das sogenannte Turbo-Abitur. Im Osten Deutschlands hat das achtjährige Gymnasium Tradition und wird kaum infrage gestellt. Allerdings ist noch kein Land generell zum Abitur nach 13 Jahren zurückgekehrt, wie es der Philologenverband und die GEW in Hannover für Niedersachsen fordern.

Im grün-rot regierten Baden-Württemberg streiten die Regierungsparteien derzeit über das Turbo-Abi. Die Koalition hatte sich auf den Kompromiss geeinigt, nur 44 Modell-Gymnasien mit neun Schuljahren zuzulassen. Die SPD verlangt, dass 120 ganz oder teilweise zum alten Modell zurückdürfen - das wären knapp ein Drittel der Gymnasien. Gemeinschaftsschulen und Berufliche Gymnasien bieten ohnehin das Abitur nach 13 Schuljahren an.

In Schleswig-Holstein hatte die abgewählte schwarz-gelbe Koalition eine Wahlfreiheit für die Schulträger eingeführt. Der neue Ministerpräsident Torsten Albig will aber für die normalen Gymnasien wieder G8, also das Turbo-Abi, einführen und den längeren Weg zum Abitur auf die Gemeinschaftsschulen beschränken.

In Hamburg hat eine Elterninitiative eine Volksinitiative für die längere Schulzeit G9 auf den Weg gebracht.

In NRW gibt es neben den Gesamtschulen Modellzüge für G9 an Gymnasien. In Rheinland-Pfalz geht sowohl G8 als auch G9. Das Turbo-Abi ist aber nur in Verbindung mit einer verpflichtenden Ganztagsschule ab der Klassenstufe 7 möglich.

Aber auch in konservativ regierten Ländern gibt es Bewegung: In Hessen gibt es vom nächsten Schuljahr an Wahlfreiheit für Schulen und Eltern. Das CSU-dominierte Bayern plant ein "Flexibilisierungsjahr" - danach können Gymnasiasten vom kommenden Schuljahr an entscheiden, ob sie in der Mittelstufe ein zusätzliches Schuljahr mit Förderangeboten einlegen. Die Freien Wähler wollen aber per Volksentscheid G9 offiziell als Alternative wieder einführen.

dpa

05.06.2013
Michael B. Berger 04.06.2013