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Niedersachsen Rot-Grün will den Leistungsdruck nehmen
Nachrichten Politik Niedersachsen Rot-Grün will den Leistungsdruck nehmen
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21:20 04.11.2014
Von Michael B. Berger
Foto: Das Abi-Zeugnis gibt es wieder später: Die Lutherschüler auf unserem Bild, die im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht haben, hatten nur zwölf Schuljahre Zeit.
Das Abi-Zeugnis gibt es wieder später: Die Lutherschüler auf unserem Bild, die im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht haben, hatten nur zwölf Schuljahre Zeit. Quelle: Hagemann
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Hannover

Mit dem neuen Schulgesetz, das Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) am Dienstag vorstellte, gibt es wieder das Abitur nach dreizehn Jahren – es soll mit dem Schuljahr 2015/2016 beginnen, die Schuljahrgänge 5 bis 8 werden einbezogen.

Was wird aus der Schullaufbahnempfehlung?

Die Schullaufbahnempfehlung, die an der Grundschule am Ende des vierten Schuljahres gegeben wurde, fällt künftig weg. Ministerin Heiligenstadt betont, dass damit der „nicht kindgerechte Leistungsdruck im Primarbereich“ abgeschafft werde. Außerdem argumentiert sie mit dem freien Elternwillen. Schon jetzt hätten sich die meisten Eltern über die Empfehlung hinweggesetzt, wenn den Schülern der Besuch einer Hauptschule angeraten worden sei. „Die Eltern sind gute Experten für ihre Kinder“, findet die Ministerin. Allerdings sollen die Lehrer zwei Beratungsgespräche mit den Eltern führen.

Was passiert mit den Gesamtschulen?

Die Landesregierung will den Ausbau von Gesamtschulen weiter fördern. Sie müssen nur noch vierzügig aufgebaut sein und nicht fünfzügig wie früher. Im neuen Schulgesetz gelten sie als ersetzende Schulform. Das bedeutet, dass die Schulträger – Städte und Landkreise – künftig von der Pflicht befreit werden, neben der Gesamtschulen noch andere Schulen des gegliederten Schulwesens vorhalten zu müssen. Andererseits will die Ministerin den Gymnasien auch eine Art Bestandsschutz geben. Schülerinnen und Schüler müssen bei der Errichtung einer Gesamtschule unter „zumutbaren Bedingungen“ ein Gymnasium erreichen können, heißt es im Gesetz.

Was heißt „zumutbarer Schulweg“?

„Zumutbar“ heißt nach Heiligenstadts Worten, dass Schüler innerhalb einer Stunde ein Gymnasium in ihrem jeweiligen Landkreis erreichen können müssen – mit Bus, Bahn oder zu Fuß. Im Flächenland Niedersachsen sei diese eine Stunde Wegzeit für viele Schüler und Schülerinnen „eine Realität“, sagt die Ministerin. Hier setzt die Kritik der Landtagsopposition an. Sie befürchtet, dass mit dem neuen Schulgesetz die bisherige Schulvielfalt zerstört werde. Äußerst skeptisch betrachten CDU und FDP den Plan der Landesregierung, den Kommunen zu ermöglichen, verschiedene Schultypen organisatorisch mit Gesamtschulen in einer Schule zusammenzufassen.

„Die Gleichbehandlung führt zu Gleichmacherei“, meint der FDP-Schulexperte Björn Försterling. Die Ministerin wolle Niedersachsen „in kürzester Zeit ein leistungsfeindliches Einheitsschulsystem überstülpen“, meint sein CDU-Kollege Kai Seefried. Sie glauben den Versicherungen der Ministerin nicht, dass man den Gymnasien einen Bestandsschutz einrichte, sondern fürchten, dass das Schulsystem ausgedünnt wird. Scharfe Kritik kommt auch an der Absicht der Regierung, die Förderschulen Sprache und Lernen aus dem Schulgesetz zu nehmen.

Wenn die Schullaufbahnempfehlungen entfallen, was heißt dies für Schüler, die aufs Gymnasium gehen und dort mehrmals sitzen bleiben?

Bisher wurden Schüler, die zweimal bis zur sechsten Klasse das Klassenziel verfehlten, „abgeschult“, auf die Real- oder Hauptschule. Diesen Automatismus soll es künftig nicht mehr geben. Stattdessen soll in Gesprächen und im Rahmen einer Klassenkonferenz ausgelotet werden, was zu tun ist. Die Klassenkonferenz soll die Entscheidung fällen.

Werden mit dem neuen Schulgesetz auch die Noten abgeschafft, wie manches Mal rot-grüne Politiker forderten?

Nein. In den ersten beiden Jahrgängen der Grundschule gibt es schon jetzt statt der Noten sogenannte Lernentwicklungsberichte, verfasst von den Lehrern. Sie geben ein differenziertes Bild der Leistung ab, allerdings in Worten. Ministerin Heiligenstadt will den Schulen die Möglichkeit geben, diese Berichte auch für die Jahrgänge drei und vier einzuführen. Das hat sie allerdings nicht im Schulgesetz so festgeschrieben, sondern will es per Erlass tun. Wann hier eine neue Regelung kommt, die Kritiker für „leistungsfeindlich“ halten, ist unklar.

Wenn das Abitur nach 13 Jahren abgelegt werden soll, was geschieht mit Kindern, die Klassen überspringen wollen?

Gar nichts. Sie werden auch weiterhin ein Jahr überspringen können, wenn ihre Leistungen es zulassen. „Die Wiedereinführung des Abiturs nach 13 Jahren schließt nicht aus, dass einzelne Schüler ein Jahr überspringen können“, sagt die Ministerin.

Was geschieht mit dem Gesetzentwurf, den das Kabinett am Dienstag verabschiedet hat?

Er geht jetzt erst einmal in die Expertenanhörung, in der sich die Verbände äußern können. Das wird sich bis Weihnachten hinziehen. Dann wird sich erneut das Landeskabinett mit der Angelegenheit befassen, voraussichtlich Anfang Februar kommenden Jahres. Der Landeselternrat hat das Recht, ein Veto gegen die Pläne einzulegen. Die Ministerin sagt, sie habe ein hohes Interesse an der Rückmeldung.

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