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Niedersachsen Angriffe auf Sanitäter häufen sich
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06:00 12.11.2018
Gaffer und Menschen, die Sanitäter bei Rettungsarbeiten fotografieren, werden zu einem immer größeren Problem. Quelle: Uwe Dillenberg
Hannover

Immer häufiger werden in letzter Zeit Rettungskräfte zu Gewaltopfern. Angriffe auf Rettungssanitäter haben in den letzten fünf Jahren spürbar zugenommen, berichtet Ralf Selbach, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rotes Kreuz in Niedersachsen. „Die Hemmschwelle, Sanitäter zu beleidigen, ist erkennbar gesunken, nicht selten kommt es sogar zu Tätlichkeiten“, sagt Selbach. Auch Feuerwehr, Polizei sowie der Rettungsdienst Malteser sind mit einer wachsenden Aggressivität von Passanten, aber auch von Menschen, denen man eigentlich helfen will, konfrontiert. „Die Gewalt gegen Retungskräfte hat tatsächlich zugenommen, ohne dass wir das statistisch erheben“, sagt Michael Lukas, Sprecher des Malteser Hilfsdienstes. Der krasseste Fall sei der einer verwirrten Seniorin, die den Helfern eine Waffe unter die Nase hielt – er ging glimpflich aus.

Schusssichere Westen beim Rettungseinsatz?

Das DRK Niedersachsen hat bereits eine Umfrage unter seinen Kreisverbänden zu diesem Problem gestartet und hat nach Ralf Selbachs Angaben einen erstaunlich hohen Rücklauf erhalten – 238 Mitarbeiter der DRK berichteten von unangenehmen Einsätzen. Ein gutes Drittel der ehren- und auch hauptamtlich tätigen Sanitäter habe ein bis zwei Mal im Jahr Gewalttätigkeiten erlebt, ein weiteres Drittel sogar mehr als fünfmal. „Gewaltpotenziale gehen von Patienten, deren Angehörigen aber auch von Unbeteiligten aus“, hat Selbach notiert. Dabei trete das aggressive Verhalten nicht nur in bekannten Problemzonen wie Hauptbahnhöfen auf, sondern auch am Rande von Familienfesten oder Parties. „Es ist auch kein Phänomen, auf das wir nur in Stadtteilen wie Hannover-Sahlkamp oder dem Mühlenberg treffen, sondern reicht tief in bürgerliche Schichten“, sagt Selbach der HAZ: „Meist ist Alkohol bei den Aggressionen im Spiel.“ Angesichts der Gewalterfahrungen habe man intern schon über das Tragen von schusssicheren Westen oder die Mitnahme von Pfefferspray für das ehrenamtliche Personal diskutiert – bei Einsätzen auf größeren Festen. Doch wolle man eher davon absehen.

Auch Polizei und Justiz haben das Sinken der Hemmschwelle registriert. Dass die Angriffe auf Angehörige von Rettungsdiensten zunehmen, weisen die Polizeistatistiken von 2014 bis 2017 aus. Wurden vor vier Jahren lediglich 129 Angriffe notiert, waren es ein Jahr später schon 169 und im vergangenen Jahr 215 polizeilich registrierte Angriffe auf Rettungskräfte. Dass der Ton innerhalb der Gesellschaft insgesamt rauer geworden ist, zeigt auch ein Blick in die Justizstatistik. So ist die Zahl von Verurteilungen wegen Beleidigungen nach Auskunft des Justizministeriums angestiegen – von 1743 im Jahr 2007 auf 2028 zehn Jahre später.

Viele Strafverfahren eingestellt

Der Innenausschuss des Landtages hat sich in einer ersten Anhörung vor kurzem mit der zunehmenden Aggressivität gegen Rettungssanitäter befasst. Hier wurde vor allem beklagt, dass die Justiz nach einer Anzeige zu spät reagiert oder Verfahren auch sehr schnell einstellt. „Die Justiz sollte überlegen, ob sie für solche Fälle nicht eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft bildet“, rät der stellvertretende CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Uwe Schünemann. „Wir müssen uns dieses Problem der gesunkenen Hemmschwelle annehmen“, meint sein SPD-Gegenüber Ulrich Watermann. Jan-Christoph Oetjen (FDP) bezeichnet die Schilderungen der Sanitäter als „bedrückend“. Belit Onay von den Grünen hofft, dass Strafanzeigen auch konsequent und schnell verfolgt werden. Dass viele Verfahren eingestellt werden, bleibe unbefriedigend.

Von Michael B. Berger

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