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Niedersachsen Diese Politiker haben bei der Landtagswahl verloren
Nachrichten Politik Niedersachsen Diese Politiker haben bei der Landtagswahl verloren
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00:15 20.10.2017
Von Gunnar Menkens
Quelle: HAZ-Montage
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Hannover

Er hat wirklich geglaubt, dass er es schafft. Jesse Jeng, ein sehr junger und sehr optimistischer Mann von 28 Jahren, dachte im Ernst, dass er Hannover-Ricklingen gewinnt. In diesem Wahlkreis 27 siegen üblicherweise Sozialdemokraten, und doch hoffte Jeng, seit vier Jahren in der CDU, gegen den eingesessenen Genossen Stefan Politze Direktmandat und Sitz im Landtag zu holen. Er dachte, wenn man sich reinhängt und alles gibt, kann man Gegenwind einfach wegpusten. Er scheiterte. Am Montag gab der Kandidat zu: „Ich war schon enttäuscht vom Ergebnis. Nach den Reaktionen der Menschen im Wahlkampf habe ich gedacht, ich könnte gewinnen.“

Am Ende stimmten nur knapp 29 Prozent der Wähler mit ihrer Erststimme für Jeng, 43 Prozent für Politze. Nicht schlechter, aber auch nicht besser als das Ergebnis der CDU-Kandidatin von 2013.

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So haben Ihre Nachbarn gewählt

Grafiken und Übersichten zu den Wahlergebnissen in den Wahlbezirken der Region Hannover.

Doch Jeng war durch einen besonders energiegeladenen Wahlkampf aufgefallen. Er drehte Videos, betrieb eine aufwendige Internetseite, ging in Wohnzimmer der Leute, soziale Medien kamen sowieso zum Einsatz, und er stellte sich der schwierigen Gegenwart am Mühlenberg. Jeng forderte dort eine neue Polizeiwache und erklärte bei jeder Gelegenheit, Konflikte bei der Integration müssten unbedingt benannt werden. Tenor seines Wahlkampfs war stets, er höre Menschen zu und spreche ihre Probleme an. Deshalb rechnet er es sich selbst als Erfolg an, dass die AfD in Mühlenberg nur 13,4 Prozent holte - statt 18,2 Prozent bei der Bundestagswahl vor drei Wochen.

Jeng will weitermachen in der Politik. Nach der 40-Stunden-Woche bei seiner Bank und ehrenamtlich im Bezirksrat. Wahlkampf sei das eine, sagt er, wirklich Vertrauen zu gewinnen das andere. „Ich muss weiter zuhören“, sagt Jesse Jeng und hört sich an, als würde der Wahlkampf ab sofort weitergehen. Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer wird es gefallen. Er gab dem jungen Mann gestern mit auf den Weg, dass man an Niederlagen eher wachse als an schnellen Erfolgen.

Die Niedersachsen haben ihren neuen Wahltag gewählt. Alle Abgeordneten von SPD, CDU, Grünen, FDP und AfD in der Übersicht.

Die Swiss-Life-Hall in Hannover. „Danke für diesen Herbst“, rief ein euphorisierter Ministerpräsident Stephan Weil schon am Freitag 1000 Parteifreunden auf Parkett und Tribünen zu. Da saß auch der Landtagsabgeordnete Marco Brunotte am Bühnenrand, durfte sich kurz vorstellen und wusste noch nicht, dass er 48 Stunden später seinen Arbeitsplatz im Parlament verlieren sollte. Er war draußen, nach fast zehn Jahren. Brunotte dürfte diesen Herbst etwas anders in Erinnerung behalten als Weil. Trifft sich die neue Fraktion im Landtag, ist er nicht mehr dabei. Jemand anderes wird sich um seine Themen kümmern. Die Papierstapel zu Hause mit Angelegenheiten zur Landespolitik: unnütz. Das gute Ergebnis der SPD hatte den Preis, dass kein einziger Platz auf der Landesliste genügte für ein Mandat, schon gar nicht Brunottes Rang elf. Gestern sagte er recht pragmatisch zu seinem bevorstehenden Abschied: „Wenn ich das nicht aushalte, darf ich das nicht machen.“

Raus aus dem Landtag – trotz guter Ergebnisse

Das Kuriose daran ist, dass seine Ergebnisse im für Genossen schwierigen Wahlkreis Langenhagen bei drei Landtagswahlen seit 2008 immer besser wurden. 31,9. 35,7. Und nun am Sonntag 37,0 mit dem Weil-Wind im Rücken. Es reichte nie für ein Direktmandat, seinen Sitz verdankte er bislang der Landesliste. In den vergangenen Wochen beschlich Brunotte jedoch eine Ahnung, dass es eng werden könnte. In Prognosen holte die SPD immer mehr Direktmandate in Niedersachsen, und desto fragwürdiger wurde sein Listenplatz. Am Sonntag um 23.30 Uhr hatte er Gewissheit. Er war raus, Rainer Fredermann (CDU) drin.

Und nun? Brunotte setzte früh auf Politik als Beruf. Im Landtag saß er erstmals mit 31, zuvor arbeitete der gelernte Bankkaufmann als selbstständiger Politikberater und Dozent für Kommunalpolitik. Jetzt kommt das plötzliche Ende, Marco Brunotte ist 40 Jahre alt. „Ich muss jetzt den Kopf frei kriegen“, sagte er gestern, „und dann überlegen, wo ich hin will.“

Die Politiker müssen noch gehen

Im neuen Niedersächsischen Landtag werden einige Abgeordnete aus der Region Hannover fehlen. Manche Politiker verloren ihr Direktmandat, das sie vor vier Jahren gewonnen hatten, manchen genügte ihr Platz auf der Landesliste ihrer Partei nicht, weil sie zu weit hinten rangierten.
Für Hannovers CDU fehlen in den kommenden fünf Jahren Max Matthiesen (Barsinghausen) vom Arbeitnehmerflügel seiner Partei, der seit 2003 per Direktmandat im Landtag saß. Der Lehrter Hans-Joachim Deneke-Jöhrens von der CDU muss seinen Sitz ebenfalls abgeben.
Die hannoverschen Grünen verloren mit dem Gewerkschafter Thomas Schremmer und der ehemaligen Ratsfrau Maaret Westphely zwei Abgeordnete. Westphely nutzten dabei auch sehr gute 16 Prozent Erststimmen im Wahlkreis Hannover-Mitte nichts.  

Saskia Döhner 20.10.2017
Heiko Randermann 17.10.2017
19.10.2017