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Niedersachsen Er kann von Hannover einfach nicht lassen
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07:30 15.12.2018
Im Herzen Hannoveraner und ein Roter: Ministerpräsident Stephan Weil im 96-Stadion. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Jung sein will er bis zum Sterben. 18 bleiben bis zum Schluss. Der kanadische Rocksänger Bryan Adams hat vor 22 Jahren den Song „18 Till I Die“ komponiert – und ist gut damit gefahren. 2,6 Millionen Tonträger verzeichnet die Statistik. Für Stephan Weil, den Ministerpräsidenten, scheint in dem Song so eine Art Lebensmotto zu stecken. Sonst hätte er den Spruch nicht auf die Karte gesetzt, die hinweist auf seinen 60. Geburtstag am Sonnabend. Ach was. Weil winkt ab. Nein, er leide gewiss nicht am Jugendlichkeitswahn. Aber warum sollte in einem Ironiker nicht auch ein Romantiker stecken?

Plötzlich war die Kuppel weg

Stephan Weil, geboren am 15. Dezember 1958 in Hamburg, ist ein deutscher Politiker (SPD). Seit Februar 2013 ist er niedersächsischer Ministerpräsident“, verzeichnet Wikipedia. Was wissen wir sonst noch über Stephan Weil? Nun, er ist ein einfacher, Bier trinkender Arbeiter im Weinberg des Herrn (Selbstauskunft), verheiratet mit einer Professorin, die sich nur selten mit ihm in der Öffentlichkeit zeigt. Buchfan, 96-Fan, mehrfacher Wahlsieger, unprätentiös, Hoffnungsposten einer daniederliegenden Partei, die das Siegen verlernt hat, Machtmensch, Ironiker, jetzt (etwas) häufiger auch Talkshow-Ggast. Und Hannoveraner. Seit 55 Jahren. Und das, er betont es immer wieder, von Herzen. Eine seiner ersten Erinnerungen ist die Kuppel der Stadthalle, die er von der Tietkestraße aus sehen konnte. Plötzlich war die mal weg. Und der junge Weil erschrak fürchterlich. „Doch es war nur Nebel.“ Weil lacht.

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Wir beginnen den Stadtspaziergang mit dem Jubilar an einem nebelfreien Tag. Und an einem Ort, den manche noch nicht als den Endpunkt seiner Karriere betrachten. An der Staatskanzlei an der Planckstraße. Hier hat Weils Laufbahn am Anfang einen Dämpfer bekommen. „Ich war gerade mal zwei Tage SPD-Unterbezirksvorsitzender von Hannover, als uns hier Gerhard Schröder zur Sau machte“, erinnert sich Weil. Schröder wollte was ganz Großes, die Weltausstellung. Aber Weils Genossen wollten dazu die Bürger befragen, was gewagt war. Denn andere Städte hatten bereits dankend abgelehnt. Mit 51,5 zu 48,5 ging die Sache damals so knapp aus wie heute Stichwahlen um das Amt einer CDU-Parteivorsitzenden. „Das war richtig Wahlkampf. Aber im Nachhinein war die Befragung gut.“ Die Bürger hatten die Expo zu ihrer Sache gemacht.

Der größte Moment

Weiter geht’s. Sprengel-Museum, der dritte Bauabschnitt. Weil war Oberbürgermeister, als Christian Wulff (damals Ministerpräsident) während der Finanzkrise mit Bundesmillionen die lang ersehnte Erweiterung möglich machte. Toller Bau, reichlich Ärger für den Oberbürgermeister. Weiter, Weils Schritt wird schneller, zur HDI-Arena, früher Niedersachsen-Stadion. Weils Jungbrunnen. Obwohl es kaum andere Orte gibt, wo er sich richtig ärgern kann. Wir gehen durch den Spielergang, es riecht ein bisschen streng, oder? Jetzt ein Gespräch über 96er Niederlagen oder den Zustand der SPD? Lieber nicht. Stephan Weil möchte uns das Stadion zeigen, das er als von Herbert Schmalstieg zum Projektbeauftragten ernannter Finanzdezernent fit machen sollte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. „Eigentlich ein Himmelfahrtskommando: Wir hatten nur das Stadion, aber kein Geld“, sagt Weil und schwärmt von der damaligen Zusammenarbeit mit Martin Kind. Ach ja, und der Abschied von Per Mertesacker. „Anstoß mit ihm. Einer der größten Momente in meinem Leben, leider 40 Jahre zu spät.“

Fußball, sagt Stephan Weil mit der ihm üblichen Ironie, sei übrigens das Gegenteil von Erholung, weil man sich hier so richtig ärgern könne. Muss was mit Ekstase zu tun haben. „Aber ich komme nicht davon los.“ Bloß weiter, die Bruchmeisterallee herunter, die der frühere Oberbürgermeister schon von Amts wegen kennt, an der Landesbibliothek vorbei. Hier hält Weil inne. Hier soll er einst Akten an die Wand geschleudert haben wie weiland Luther das Tintenfässlein an die Wand der Wartburg. Ein Dreivierteljahr habe er über das Thema „Tarifvertragsfreiheit und das Grundrecht auf Berufsfreiheit“ gebrütet, doch die Promotionsarbeit dann lieber sein lassen. „Ich bin nicht zu einsamer Arbeit fähig.“ Dann doch lieber ins benachbarte Justizministerium, wo er einige Jahre in der Strafrechtsabteilung tätig war. Da sei er doch sicherlich als hannoverscher SPD-Chef „geparkt“ worden? Nichts da. Weil wehrt ab. „Ich habe da richtig gearbeitet.“ So habe er in seiner Zeit als Staatsanwalt ein Angebot abgelehnt, einen hannoverschen Landtagswahlkreis zu übernehmen, weil er unabhängig bleiben wollte. Bis ihn Herbert Schmalstiegs Ruf ins Rathaus ereilte.

Das Rathaus ist verhüllt

Jetzt stehen wir vor dem Rathaus. Es ist eingehüllt. Nicht wegen der sogenannten Rathausaffäre, zu der Stephan Weil wieder einmal nichts sagt, aber einen Gesichtsausdruck macht, der alles andere als begeistert wirkt. Seine Züge hellen sich auf, als eine etwas asiatisch wirkende Dame vor den Stadtmodellen auf ihn zuschießt und ganz begeistert erzählt: „Sie haben mich eingebürgert.“ Ach, das Oberbürgermeisteramt muss schön sein, wenn man den Überblick hat. Weil zeigt uns den Flügel des Finanzdezernenten und berichtet, dass er irgendwann auch mal vom Amt des Kämmerers genug hatte, „weil du immer nur den Leuten sagen musst, was nicht geht“. Schnell noch dem Pförtner guten Tag sagen, ein Hallo hier und ein Hallo dort, und schon sind wir heraus aus dem Rathaus. Ach ja, und der große, spontane Empfang für Lena Meyer-Landrut, als die 2010 den Eurovision Song Contest gewann. Das hatte was.

Wir (Weil, Sicherheitskräfte, die Regierungssprecherin, der Reporter, eine Fotografin) laufen in die Markthalle ein, ein bisschen wie einst die „Queen Mary“ in den Hafen von New York. Nur dass die Hannoveraner keine Fähnchen schwenken. Aber das Hallo hier und Hallo dort geht weiter. „Herr Weil, nur ein Los.“ Weil greift zur Brieftasche. Immerhin, ein Politiker, der noch Bargeld bei sich hat. Drei Lose für fünf Euro, für die „Aktion Sonnenstrahl“, die Straßenkindern in Hannover und Umgebung helfen soll. Weil hat Glück, sein Gewinn ist eine Art Expander, Stiftungs-Geschäftsführerin Sigrid Schubach-Kasten übergibt den kleinen Preis, schnell noch das Preisschild für den „Schlingentrainer“ abmachen. Und nun? Vielleicht doch noch ein kleines Pläuschchen über die SPD, weitere Karrierepläne nach dem 60.? Stephan Weil, der Ironie so liebt, weil sie mit leichten Verfremdungen auch Humor in festgefahrene Gespräche bringen kann, winkt ab. „Wie Sie sehen, bin ich Hannover sehr stark verbunden.“ Wenn das mal keine Liebeserklärung ist. Aber ob sie hält?

Von Michael B. Berger

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