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Niedersachsen Statt der Sirene warnt jetzt eine Smartphone-App vor Sturmflut
Nachrichten Politik Niedersachsen Statt der Sirene warnt jetzt eine Smartphone-App vor Sturmflut
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00:15 17.01.2013
Von Karsten Röhrbein
Land unter am Hafen von Bensersiel (Kreis Aurich). Besitzer eines Smartphones können sich künftig mit einer App vor Sturmfluten warnen lassen. (Archiv) Quelle: dpa
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Hannover

Wie der Ernstfall klingt, wusste früher jedes Kind. Wer den Ton nachmachen wollte, musste mit einem Brummen beginnen und das dann ganz schnell zu einem ganz hohen Summen steigern. Ganz laut. Und ganz lange. Aber so lange hat auf dem Schulhof kein Kinderatem gereicht, um die Sirenen exakt zu imitieren, die zweimal im Jahr auf den Dächern der Städte und Dörfer losheulten. Eine ganze Minute dauerte der ohrenbetäubende Probealarm immer. Dann verstummten die Sirenen des Zivilschutzes wieder. Im Ernstfall sollten sie Millionen von Menschen in Sekundenschnelle vor ABC- und Luftangriffen und anderen Katastrophen warnen. Wer nach dem Ende des Kalten Krieges geboren wurde, kennt ihr Geräusch meist nicht mehr: Nach der Gefahr aus dem Ostblock verschwanden ab 1993 auch die meisten der rund 8. 000 Zivilschutzsirenen.

Nur noch ein Dutzend Sirenen

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Seitdem haben Leute wie Dieter Düvel ein Problem. Düvel ist im Landkreis Aurich für den Schutz der Bevölkerung im Katastrophenfall zuständig. 430 Sirenen standen ihm früher zur Verfügung, wenn er die Ostfriesen etwa vor einer Sturmflut warnen musste. Heute gebe es im Landkreis nur noch ein Dutzend, die Feuerwehren zum Alarmieren ihrer Mitglieder nutzten. Doch wie alarmiert man nun 190.000 Menschen, die auf 1300 Quadratkilometer verteilt leben, wenn das Wasser kommt?

Düvel, Abteilungsleiter des Zivil- und Feuerschutzes in Aurich, hatte 2008 eine Idee, wie das auch ohne das teure Sirenennetz – rund 200 Millionen Euro würde es kosten, in den dicht besiedelten Gebieten Deutschlands wieder Sirenen zu installieren – gehen könnte: mit dem Handy. Die Ostfriesische Brandkasse bot ihren Kunden zu diesem Zeitpunkt bereits an, ihnen gratis Wind-und-Wetter-Warnungen per E-Mail oder SMS zu schicken. Das Handy, so überlegte Düvel, wäre doch auch ideal, um die Ostfriesen schnell und umfassend vor Sturmflut und anderen Gefahren zu warnen. Und das, anders als Sirenen, sogar postleitzahlgenau.

Kostenlose SMS aufs Handy

Gemeinsam mit der Brandkasse und dem Katastrophenschutzentwickelte das Fraunhofer-Institut das Katastrophenwarnsystem Katwarn. Seit 2010 können sich alle Ostfriesen dort registrieren. Wer eine SMS mit seiner Postleitzahl an die Katwarn-Nummer schickt, bekommt dort bei Sturmfluten, Großbränden, Gefahrgutunfällen, Tierseuchen oder Bombenfunden von den Leitstellen und Katastrophenschutzbehörden gratis eine kostenlose Textnachricht mit den wichtigsten Instruktionen aufs Handy, für Smartphones gibt es neuerdings eine eigene App mit Schutzengel-Funktion für den aktuellen Standort. „Alltied warnt vör Unweer un groot Malör!“, bewirbt die Ostfriesische Brandkasse das Katwarn-Projekt.

Landkreise und Kommunen zahlen für jede verschickte Warn-SMS 6 Cent. „Wenn Gemeinden über Katwarn also im Winter mehrfach darauf hinweisen würden, dass die Schule wegen Glatteis ausfällt, kann das schnell teuer werden“, sagt Düvel. Immerhin 9000 der rund 460.000 Einwohner Ostfrieslands haben sich bereits registriert, bundesweit sind es in den teilnehmenden Regionen nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme inzwischen 50.000.

Unterschiedliche Töne bei Sirenen - doch was bedeuten diese?

Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutzund Katastrophenhilfe (BBK) verfolgt Katwarn aufmerksam – denn auch dort wird intensiv an Alternativen zu den Sirenen gearbeitet. „Der Vorteil von Sirenen ist: Sie machen Krach“, sagt Referatsleiter Hans-Gerrit Möws vom BBK in Bonn. „Jeder weiß, es ist etwas passiert.“ Das sei gleichzeitig aber auch der Schwachpunkt: „Kaum einer weiß noch, was die verschiedenen Töne bedeuten.“ Beim Bevölkerungsschutzkomme es auf drei Dinge an: Die Betroffenen müssen geweckt werden, der Alarm sollte so schnell wie möglichst überall zu empfangen sein, und er sollte die wichtigsten Informationen transportieren. Etwa: Fenster zu, Radio an! Nach zahlreichen Studien zu Warnsystemen weiß Referatsleiter Möws: „Ein System, das alle Anforderungen erfüllt, gibt es nicht.“ Eine SMS ist zwar informativ, aber das Handy darf nicht lautlos oder ausgeschaltet sein, sonst verschläft man einen nächtlichen Alarm.

Bundesamt setzt auf mehrere Kanäle gleichzeitig

Mit dem satellitengestützten Warnsystem Satwas, das seit 2001 in Betrieb ist – hauptsächlich zur Warnung vor Luftangriffen –, erreicht das Bundesamt im Ernstfall in Sekundenschnelle TV- und Radiosender, Internetanbieter und mittlerweile auch die Deutsche Bahn. Wer aber gerade nicht Radio hört, vor dem Fernseher sitzt oder im Bahnhof steht, bekommt nichts davon mit. Bis die Feuerwehr mit ihren Sirenen durch alle Straßen gefahren ist, ist es womöglich viel zu spät. Um das Problem der „letzten Meile“ zu lösen, setzt das Bundesamt für Katastrophenschutzdeshalb künftig auf mehrere Kanäle gleichzeitig. Bei dem Modularen Warnsystem Mowas, einer Weiterentwicklung von Satwas, können theoretisch auch Handys, Smartphones, Radiowecker, aber auch Autohupen und sogar spezielle Rauchmelder gezielt alarmiert werden. Mitte des Jahres geht Mowas in den sogenannten Wirkbetrieb. Ende 2013 können dann auch die Leitstellen von Rettungskräften vor Ort die vielen Kanäle nutzen, um etwa vor Bränden oder Hochwasser zu warnen.

Das Rückgrat von Mowas bilden Radiosender. „Während der Autofahrt ist das Radio meist eingeschaltet“, sagt BBK-Experte Möws. „Außerdem funktioniert es auch, wenn ringsum schon der Strom ausgefallen ist – etwa bei Hochwasser.“

Ob bei einer Katastrophe künftig plötzlich die Autos zu hupen beginnen oder eine Warnung auf alle Handys verschickt wird, ist Sache der einzelnen Bundesländer. Das niedersächsische Innenministerium etwa hat in einem ersten Schritt erfasst, wie die Katastrophenschutzbehörden des Landes bislang vorgegangen sind. Zusammen mit dem BBK soll die Alarmierung dann optimiert werden. Dazu laufen mehrere Tests parallel.

Hoffnung liegt auf neuen, digital ansteuerbaren Rauchmeldern

In Nordrhein-Westfalen etwa wird geprüft, ob eine Alarmierung über Cell­Broadcast-Technik sinnvoll ist: Alle Mobilfunkmasten würden dann allen Handys in ihrer Reichweite eine Warnung schicken. Im Gegensatz zu einer Massen-SMS wäre dabei das Netz nicht sofort überlastet, der gefürchtete „Silvestereffekt“ ließe sich mit der in den Niederlanden erprobten Technik umgehen.

Große Hoffnungen setzt Experte Möws in neue, digital ansteuerbare Rauchmelder. Vor wenigen Wochen hatte der Referatsleiter erstmals einen Prototyp mit Funkchip und Prozessor in den Händen. Wer sich so ein Gerät unter die Decke hängt, müsste zuvor nur seine Postleitzahl einspeichern. Im Ernstfall würde der Rauchmelder dann dank eines Pagingsignals bei Sturmflut oder anderen Gefahren Alarm schlagen. In Hamburg soll in Kürze die Testphase beginnen. 2014 könnten die Geräte auf den Markt kommen. „Wir wissen nicht, wie gut die Funkdurchdringung bei großen Gebäuden ist“, erklärt Möws. „Das muss der Feldversuch zeigen.“ Dort wird sich dann auch zeigen, ob die Hamburger auch richtig reagieren, wenn der Rauchmelder per Impuls anspringt, um vor Sturmflut zu warnen. Neben technischen Entwicklungen und den Kosten sei es schließlich entscheidend, dass die Signale auch verstanden werden, betont Christoph Unger, Chef des BBK. Auch die Katwarn-App soll in das neue Warnsystem von Bund und Ländern eingebunden werden.

Ob die Katastrophen-App im Ernstfall funktioniert, weiß aber in Aurich noch niemand. Bei der Allerheiligen-Sturmflut am 1. November 2006 gab es das System noch nicht. Der Probealarm funktioniere aber ausgezeichnet, meint Zivilschutzchef Düvel. Den gebe es zweimal im Jahr. So wie früher bei den Sirenen. Nur nicht so laut.