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Niedersachsen Steinzeit 
wird zum 
Standortfaktor
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wird zum 
Standortfaktor
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18:54 27.11.2009
Von Simon Benne
„Teleobjektiv in die Vergangenheit“: Gabriele Zipf und Harald Meller vor den steinzeitlichen Speeren. Quelle: Herzog
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Die Vergangenheit soll Zukunft haben in Schöningen. Etwa 140 Jahre lang hat die Region von der Braunkohle gelebt. „Jetzt geht diese Zeit zu Ende, doch der Tagebau hat uns ein letztes Geschenk gemacht“, sagt Schöningens Bürgermeister Matthias Wunderling-Weilbier. Archäologen haben dort 1994 in 15 Meter Tiefe einen sensationellen Fund gemacht: Sie stießen auf mehrere Fichtenholzspeere aus der Steinzeit – mit mehr als 300 000 Jahren die ältesten Jagdwaffen der Menschheit.

Das Land will jetzt 15 Millionen Euro in ein „Forschungs- und Erlebniszentrum Schöningen“ unweit der Fundstelle investieren, das der strukturschwachen Region am Elm aufhelfen soll. „Wir setzen beim Strukturwandel auch auf Kulturtourismus“, sagt Bürgermeister Wunderling-Weilbier. Die Steinzeit wird zum Standortfaktor.

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Bereits Mitte 2012 soll das Haus eröffnen. „Ein extrem sportliches Ziel“, wie Gabriele Zipf freimütig einräumt. Die promovierte Vor- und Frühgeschichtlerin wurde jetzt am Landesamt für Denkmalpflege als Projektleiterin des dreiköpfigen „Team Schöningen“ vorgestellt. Sie hat bereits die „Arche Nebra“ in Sachsen-Anhalt mit konzipiert, jenes Zentrum, das sich der berühmten Himmelsscheibe aus der Bronzezeit widmet. „Auch das Gebäude in Schöningen soll eine Landmarke werden, so markant, dass allein schon die Architektur Besucher anzieht“, sagt Zipf. „Wir wollen dort Wissen vermitteln, indem wir spannende Geschichten erzählen.“ Tatsächlich ist der wissenschaftliche Wert der Speere immens: Sie sind ein Beleg dafür, dass der Homo erectus – anders als lange angenommen – kein tumber Aasfresser war. Er beherrschte die Großwildjagd in Gruppen, die Jäger konnten sich sprachlich verständigen und planvoll handeln.

„Doch die Speere nur zu präsentieren, wäre nicht genug – in Schöningen soll auch geforscht werden“, sagt Kulturminister Lutz Stratmann. Schulklassen, Akademiker und Bustouristen sollen den Fachleuten dort bei der Arbeit über die Schulter sehen. Wie in einem gläsernen Labor sollen Archäologen auf einem 30 Hektar großen Areal des Landes noch für lange Zeit weiter graben. „Schöningen ist eine der wichtigsten Fundstätten der Welt“, schwärmt Stefan Winghart, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege. „Das Zentrum soll wie ein Teleobjektiv sein, durch das Besucher weit in die Vergangenheit zurückblicken können.“

Unterstützt wird das Projektteam auch vom Landesamt für Denkmalpflege Sachen-Anhalt. Dessen Direktor Harald Meller schwebt vor, dort eine steinzeitliche Steppenlandschaft zu erschaffen, durch die urzeitlich anmutende Kleinpferde streifen. Kulturtourismus im Inland sei ein wachsender Markt, sagt Meller. Eine Studie habe ergeben, dass das Museum auch im schlechtesten Fall mit rund 50 000 Besuchern pro Jahr rechnen dürfe – und sich damit finanziell selbst trüge. „In Nebra hatten wir anfangs mit 60 000 Besuchern gerechnet, jetzt kommen 280 000“, sagt Meller und zeichnet das Bild einer blühenden Landschaft: Eine schon stillgelegte Bahnlinie sei dort wiedereröffnet worden, Brücke und Bootsanleger an der Unstrut instand gesetzt, das einst brachliegende Schlosshotel laufe gut. „Allerdings weiß man nie, wie sich die Betriebskosten eines solchen Zentrums entwickeln“, gibt er zu.

Genau deshalb gibt es massive Kritik an dem Forschungs- und Erlebniszentrum: Die Linke im Landtag protestiert gegen den „überteuerten Neubau“. Der Museumsbund hat zwar prinzipiell nichts gegen das Projekt, fürchtet aber, dass das Land im Gegenzug bei anderen Museen sparen könnte. „Die Region klammert sich an das Zentrum wie an einen Strohhalm, und die Initiatoren sind so sehr davon überzeugt, dass die wirtschaftlichen Risiken kleingeredet werden“, sagt Daniel Kasper vom Bund der Steuerzahler. Dieser würde die Speere lieber im Braunschweigischen Landesmuseum untergebracht wissen. Ein Erlebniszentrum in Schöningen, sagt Kasper, würde finanziell höchstwahrscheinlich auf Dauer am Tropf des Landes hängen.

Michael B. Berger 27.11.2009
Margit Kautenburger 27.11.2009