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Niedersachsen Stephan Weil: Das Land geht vor
Nachrichten Politik Niedersachsen Stephan Weil: Das Land geht vor
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07:51 29.08.2012
Von Michael B. Berger
Oberbürgermeister Stephan Weil besucht am Mittwoch den Schacht in Gorleben. Quelle: Wilde
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Hannover

Herr Weil, Sie fahren heute das erste Mal als Ministerpräsidentenkandidat in den Schacht nach Gorleben. Sie wollen das Erkundungsbergwerk lieber heute als morgen dicht machen. Wie erklären Sie das den Bergleuten, die damit ihre Jobs verlieren?

Bei Gorleben handelt es sich um ein Jahrtausendprojekt. An der geologischen Sicherheit eines künftigen Atomendlagers darf auch nicht der leiseste Zweifel bestehen. Es gibt nun aber einen jahrelangen, lebhaften Streit um die angebliche Sicherheit Gorlebens und große Vorbehalte. Deshalb muss Gorleben als möglicher Endlagerstandort meiner Ansicht nach sofort gestrichen werden. Das werde ich auch den Bergleuten unter Tage erklären.

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Diese Erklärung ist für die Bergleute aber nun gar kein Trost.

Das ist bestimmt kein Trost. Aber es gibt eben Situationen, wo grundlegende Entscheidungen Vorrang haben vor dem Interesse, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Bei einem Atomlager, das mindestens tausende Jahre sicher sein muss, handelt es sich um eine solche grundlegende Frage. Möglicherweise bietet die Suche nach einem neuen Standort auch Alternativen für die betroffenen Arbeitnehmer.

Macht sich ihre SPD bei ihrer widersprüchlichen Haltung zum möglichen Standort Gorleben nicht einen schlanken Fuß? SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel will Gorleben vorerst auf der Karte möglicher neuer Standorte für ein Atomendlager lassen, während Sie fordern, Gorleben von vorneherein zu streichen?

Nein, im Gegenteil. Wir machen uns nicht einen schlanken Fuß, sondern tragen diese Diskussion sehr offen aus. Ich habe persönlich immer gesagt, dass bei einer entsprechenden geologischen Eignung auch ein anderer Standort in Niedersachsen in Betracht genommen werden müsste.

Auch im Emsland oder im Landkreis Hildesheim?

Theoretisch auch im Emsland, auch in Hildesheim, in allen Teilen Niedersachsens, vor allem aber auch in Baden-Württemberg und Bayern. Die Geologie muss entscheiden, nicht die Politik.

Wie will die SPD diesen merkwürdigen Spagat zwischen der Haltung des Bundesvorsitzenden Gabriel und der des Landesvorsitzenden Weil erklären. Wenn jetzt mit Gorleben weiter nach einem möglichen Standort gesucht wird, haben Sie sich nicht durchgesetzt...

Sie wird die Diskussion erklären können. Meine Position ist klar: Erst kommt das Land, dann die Partei.

Für Gabriel gilt im Umkehrschluss die Parole: Erst die Partei, dann das Land.

(lacht) Nein, diesen Umkehrschluss kann man nicht ziehen. Sigmar Gabriel führt als Argument ins Feld, dass man erst einmal das Verfahren einer neuen Standortsuche in Gang bringen muss. Für meine Person nehme ich eine klare Haltung ein. Es gibt eben unausräumbare Bedenken gegen Gorleben aus geologischer Sicht

Das Interview führte Michael B. Berger

Hintergrund: Das Atommüll-Endlagerprojekt Gorleben
Den Salzstock Gorleben im Wendland schlug der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) 1977 als mögliches atomares Endlager vor. Das Elbdorf sollte zum Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) werden. Die Pläne umfassten ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, ein Zwischenlager für Castorbehälter mit hoch radioaktiven, abgebrannten Brennelementen und ein Endlager im Salzstock Gorleben.

Der Salzstock ist etwa 14 Kilometer lang und bis zu 4 Kilometer breit. Er reicht aus einer Tiefe von 3,5 Kilometern bis etwa 260 Meter unter der Oberfläche hinauf. Das Erkundungsbergwerk umfasst zwei Schächte von 840 und 940 Metern Tiefe.

Seit Ende der 70er Jahre protestieren Atomkraftgegner gegen die Pläne, die strahlende Fracht dauerhaft in dem Salzstock zu lagern. Sie zweifeln daran, dass der Standort wegen seiner geologischen Beschaffenheit sicher genug für ein Endlager ist.

dpa

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