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Niedersachsen Weils Charmeoffensive im Reich der Nutztierhalter
Nachrichten Politik Niedersachsen Weils Charmeoffensive im Reich der Nutztierhalter
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22:10 10.12.2013
Von Michael B. Berger
„Sind wir noch wer?“: Landvolkpräsident Hilse (rechts) mit Meyer und Weil. Quelle: dpa
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Hannover

Besser hätte man die offenkundige Beziehungslosigkeit nicht beschreiben können. Da steht Landvolkpräsident Werner Hilse noch mit einem kleinen, weihnachtlichen Präsent vor der Mitgliederversammlung der niedersächsischen Bauern. Aber der, der das Präsent erhalten soll, ist nach seinem Grußwort schon verschwunden – der grüne Agrarminister Christian Meyer. Er muss in die gleich beginnende Landtagssitzung. Aber auf die Bauern wirkt es, als flüchtete Meyer von einer Versammlung, auf der er nicht so gern gesehen wird. Der Grüne, den die Landwirte, wenn sie unter sich sind, auch schon als „das Meyerchen“ titulieren. „Wo ist er denn?“, ruft der Landvolkpräsident etwas ratlos. „Schon raus“, tönt’s aus dem Saal.

Nein, sie lieben sich nicht, die organisierten Bauern und der Grüne, der die Agrarwende herbeiführen will. Sie leben in zwei Welten, auch wenn es zwischen diesen Welten jetzt im Zwei-Monats-Abstand reguläre Gespräche gibt, die sich wie Nahostverhandlungen anfühlen mögen. Reguläre Gespräche, um „im Dialog“ zu bleiben, haben Niedersachsens Landvolkpräsident Hilse und der grüne Agrarminister Meyer vereinbart – auf sanften Druck eines Dritten hin. Denn Ministerpräsident Stephan Weil, ein gemäßigter Sozialdemokrat, will es sich mit der Ernährungswirtschaft nicht verderben. In Niedersachsen stellt sie immerhin jeden achten Arbeitsplatz. Das verpflichtet zu respektvollem Miteinander. Deshalb adelt Weil die Jahresmitgliederversammlung in Hannover-Wülfel mit seinem Erscheinen. Deshalb beschreibt er, was auch der Grüne will, allerdings sanfter – etwas mehr Regulierung in der Landwirtschaft, mehr Transparenz im Verbraucherschutz. So sehr sind Weil und Meyer in der Sache nicht voneinander entfernt. Aber Weil weiß, dass auch der Ton die Musik macht. Deshalb die Charmeoffensive.

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Dass sie, die Bauern, beleidigt sind vom neuen Ton im rot-grünen Niedersachsen, zeigt schon Hilses Begrüßungsrede. „Wir fragen uns: Sind wir noch wer?“ Heute haben sich ziemlich viele ehemalige Agrarminister Niedersachsens unter den Gästen eingefunden – alle aus den schwarz-gelben Regierungszeiten, als der Bauer noch was galt. Der frühere Agrarminister Heiner Ehlen ist sogar Träger der Goldenen Ehrennadel des Landvolkverbandes, mit Brillant. Hilse sagt, er freue sich auch über den Herrn Meyer, „den wir bereits hier im letzten Jahr begrüßen konnten – als Oppositionspolitiker“. Gelächter. Bevor Weil als Hauptredner auftritt, will der Landvolkpräsident ihm noch etwas mit auf den Weg geben.

Dass die Bauern beunruhigt seien über  die „Agrarwende“ etwa. Dass sie hinter dem Handeln der Politiker viel zu viel Misstrauen vermuteten. Auch den Bauern gehe es um den Schutz der Umwelt, auch um die Tiere. „Es sind aber Nutztiere, keine Kaninchen“, betont der Landvolkpräsident. Jetzt den Tierschützern ein Verbandsklagerecht einzuräumen, wie Rot-Grün es plant, davon hält Hilse nichts. Ihn ärgert die Haltung, mit der manche Politiker den Bauern begegneten, die Verdachtshaltung. Dabei könne man jetzt durch den Einsatz modernster Technik viel genauer steuern, wie Dünger oder Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. „Moderne Bauern sind Könner, da nervt uns, wenn gefordert wird, sie bräuchten einen Nachweis für ihr Können.“

Ministerpräsident Weil will heute nicht nerven. Deshalb greift er Hilses Satz auf, dass es Fehlverhalten auch in der Politik gebe. „Ein schlechtes Beispiel schlägt auf die ganze Branche.“ Der Saal applaudiert, in diesem Fall sehen Bauer und Politiker die Sache ähnlich. Aber die Verbraucher seien wacher geworden, wüssten gern genauer, wo die Produkte herkommen. Sagt Weil, der keine Nudeln mit Eiern aus der Ukraine mag. Und die Debatte über die Vermaisung der Landschaft oder zu große Anbauten an Ställe werde bereits auf den Dörfern geführt. „Das ist keine Erfindung von Rot-Grün“, sagt Weil. Die aktuelle Diskussion über mehr Transparenz in der Lebensmittelwirtschaft habe sich über Jahrzehnte entwickelt. Und deshalb müsse die Landwirtschaft darauf reagieren, im eigenen Interesse. Die 300 Gäste hören zu, der Ministerpräsident trifft den Ton. Auch weil er den früheren Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) für dessen Tierschutzinitiative lobt. „Wir setzen das fort und führen das weiter.“

Und sind nicht die Bauern selbst die Gekniffenen bei Futtermittelskandalen, wenn sie vom Produzenten Falsches untergejubelt bekommen? „Deshalb setzen wir auf stärkere Kontrollen beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.“ Spätestens, wenn Weil sagt, er möchte auf mehr Produkten das Zeichen „made in Niedersachsen

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