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Niedersachsen Den Wolf abschießen - oder nicht?
Nachrichten Politik Niedersachsen Den Wolf abschießen - oder nicht?
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00:19 14.11.2015
Von Michael B. Berger
„Nutztierrisse sind kein neues Phänomen“: Umweltminister Wenzel versucht vor dem Landtag, die Schäfer zu beruhigen.
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Hannover

Zwischen hannoverscher Marktkirche und dem provisorischen Landtag haben sich am Mittwoch Männer mit breitkrempigen Hüten aufgebaut. Es sind Schäfer, zornige Schäfer, die Plakate mit blutgetränkten Tieren hochhalten. Fotos von Schafen, deren Gedärme aus dem Leib hängen. „Hier in der Stadt finden natürlich alle den Wolf gut“, sagt Rudolf Michaelis im Gespräch mit Passanten und Reportern. „Wir auf dem flachen Land sehen das ganz anders.“

Es geht, wieder einmal, um den Goldenstedter Wolf, einen „Problemwolf“, der im Landkreis Vechta sein Raubtierwesen auslebt. 80 Schafe soll die Wölfin - „Fähe“ sagt der Waidmann, der das streng geschützte Tier nicht schießen darf - bereits auf dem Gewissen haben. Behaupten die Schäfer, während die Behörden erst einmal genaue DNA-Beweise haben wollen, ob ein- und derselbe Wolf so viele Schafe gerissen hat. So ist die Lage an diesem Mittwoch, als draußen die Schäfer protestieren und drinnen im Landtag auch über den Wolf gestritten wird, der so gerissen vorgeht, das ihn auch relativ hohe Zäune und Passanten nicht schrecken können.

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Drinnen spricht Umweltminister Stefan Wenzel von den „Prädatoren“, von Raubtieren, zu deren Wesen eben die Tötung von Tieren gehöre. „Nutztierrisse durch Prädatoren sind kein neues Phänomen“, sagt Wenzel. „Das Thema ist so alt wie der Beruf des Bauern.“ Die Bauern vor dem Landtag hingegen erleben das Thema Wolf schon als neu, denn noch vor ein paar Jahren sind sie nicht, wie Schaftierhalter Joachim Rehse aus Bad Bevensen erzählt, mit einem flauen Gefühl auf ihre Weiden gegangen und haben ihre Muttertiere nachgezählt. „In meiner Umgebung sind von 45 Schafen 18 gerissen worden“, sagt Rehse, der Vorsitzender des Verbandes der Schafzuchthalter ist. Sie fordern die sofortige „Entnahme“ des Goldenstedter Problemwolfs, also seinen Abschuss.

Das fordert drinnen im Landtag auch der CDU-Abgeordnete Ernst-Ingolf Angermann aus Celle. Noch höhere Zäune oder der Einsatz von Herdenschutzhunden, wie die Landesregierung empfiehlt, reichen ihm und dem FDP-Abgeordneten Gero Hocker nicht. Interessanterweise springt ihnen auch der SPD-Abgeordnete Marcus Bosse bei. Wenn DNA-Tests ergeben würden, dass es sich tatsächlich um ein und denselben Wolf handele, müsse „etwas passieren“.

Umweltminister Stefan Wenzel, der nach längerem Fernbleiben am Mittag auch mit den Schäfern spricht, reicht dies noch nicht. Er will dem auffälligen Wolf erst einmal einen Sender umhängen.

Kommentar

Auch mal schießen

Ginge es nach den Schäfern müssten alle Wölfe in Niedersachsen abgeschossen werden. Aber so geht es nicht, weil der Wolf in ganz Europa unter Naturschutz steht. Jeder Jäger, der den „Goldenstedter Problemwolf“ erschießt, müsste mit einem Strafverfahren rechnen. Tatsächlich wird einem Nutztierhalter aber zu viel abverlangt, wenn er Umweltminister Wenzels Wolfsliebe auch noch teilen sollte. Es spricht viel dafür, dass die Wölfin, die den Landkreis Vechta verunsichert, wenig Scheu hat. Extra gebaute Zäune überspringt sie offenbar schlicht. Viel größer ist die Scheu der Politik, das Problem überhaupt beim Namen zu nennen. Das zeigt auch die Landtagsdebatte, bei der von „Entnahme“ die Rede ist – wo es doch um den gezielten Abschuss des Tieres geht.
Sollten DNA-Tests erweisen, dass ein und derselbe Wolf sich immer wieder an die Herden macht, muss das Tier getötet werden. Ein ziemlich auffälliger Wolf trägt wenig zur Akzeptanz dieser Tiere bei der Landbevölkerung bei.

11.11.2015
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