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Niedersachsen Studenten müssen zur Prüfung in den Kinosaal
Nachrichten Politik Niedersachsen Studenten müssen zur Prüfung in den Kinosaal
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22:49 18.08.2011
Volles Haus: Medizinstudenten sitzen im Hörsaal in einer Anatomie-Vorlesung. Quelle: dpa
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Hannover

Weil im Sommer gleich zwei Jahrgänge das Abitur gemacht haben und dazu die Wehrpflicht abgeschafft wurde, erwartet Ministerin Johanna Wanka (CDU) gut 16 Prozent mehr neue Studenten als noch im vergangenen Jahr. Sie spricht von einem „Rekord“. Vorsorglich haben Universitäten und Hochschulen rund 7500 zusätzliche Studienplätze geschaffen.

Die zusätzlichen Studienplätze stehen zunächst einmal nur auf dem Papier, die zusätzlichen Studenten müssen aber auch tatsächlich auf dem Campus untergebracht werden. Daher dürfte es eng werden in einigen Hörsälen. Die Universität Hannover etwa hat darum acht Millionen Euro aus dem Hochschulpakt in zwei neue Hörsäle investiert.

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Andernorts mieten die Universitäten zusätzliche Gebäude an. In Braunschweig will die Technische Universität ihre Studenten notfalls ins Kino schicken. Dort wird ernsthaft über die Anmietung eines Filmsaals und bei ganz großen Prüfungen eventuell auch der Stadthalle diskutiert. Auch die Uni in Oldenburg will sich eigenen Angaben zufolge in Campus-Nähe nach Räumen umsehen, um Studenten vorübergehend auszulagern. Die Carl-von-Ossietzky-Universität rechnet mit einem Drittel mehr Studienanfänger.

Andere Hochschulen wie die Universität Göttingen setzen auf Modernisierung und haben die Mittel aus dem Hochschulpakt in neue Übertragungstechnik investiert: Vorlesungen können in weitere Hörsäle übertragen werden. „Wir können 1000 neue Studienplätze anbieten“, sagt Uni-Sprecher Bernd Ebeling.

Aufgrund der Vielzahl von neuen Kommilitonen müssen sich viele Studenten darüber hinaus auf bisher eher ungekannte Unannehmlichkeiten einstellen wie Sechstagewochen, Kompaktseminare in Ferien und an Wochenenden sowie Lehrveranstaltungen, die etwa am Freitagabend zwischen 20 und 22 Uhr stattfinden. An der TU Braunschweig wird künftig von 8 bis 22 Uhr unterrichtet, sonnabends ist um 15 Uhr Feierabend. Auch in Göttingen wird darüber nachgedacht, Lehrveranstaltungen auf den Sonnabend zu legen.

Die Braunschweiger haben zur Entzerrung des Stundenplans ihre Erstsemester in den technischen Fächern bereits in diesem Sommer auf den Campus gerufen, um Mathematik zu büffeln. Die Studierenden müssen nicht nach-, sondern „vorsitzen“. An Mathematik kommt an der TU kaum jemand vorbei, die im Sommerkurs erworbenen sogenannten Creditpoints sind anrechenbar auf das Studium.

Die Zahl von 36 000 Erstsemestern ist zunächst nur eine Prognose. Wie viele Studenten sich am Ende tatsächlich einschreiben werden, sei noch nicht voraussehbar, sagt Wanka. 47 506 Schüler haben im Sommer Abitur gemacht, laut den Forschern beim Hochschulinformationssystem wollten ein halbes Jahr vor der Reifeprüfung 52 Prozent von ihnen studieren, weitere 25 Prozent überlegten noch. Würden möglichst viele von ihnen in Niedersachsen zum Studium bleiben, hätten die Hochschulen viel Arbeit, aber Wanka wäre die Debatte um die Studiengebühren los.

Karl Doeleke