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Niedersachsen Ulrike Beisiegel: „Wir sollten uns auch mal zurücklehnen“
Nachrichten Politik Niedersachsen Ulrike Beisiegel: „Wir sollten uns auch mal zurücklehnen“
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19:55 28.01.2011
Ulrike Beisiegel ist neue Präsidentin der Universität Göttingen. Die 58-jährige Biochemikerin ist seit dem 1. Januar im Amt. Vorher war sie Direktorin des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Quelle: dpa (Archiv)
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Was hat Sie daran gereizt, Universitätspräsidentin zu werden?

Ich bin immer mit Leib und Seele Wissenschaftlerin gewesen und habe mich dann nach und nach auch in der Wissenschaftspolitik engagiert. Offenbar schien mir dies zu liegen, weil ich immer wieder vorgeschlagen wurde und schnell Vorsitzende war in den entsprechenden Gremien. Mir macht beides viel Freude, aber man kann den Spagat zwischen Forschung und Hochschulpolitik nicht ewig aushalten. Irgendwann muss man sich entscheiden.

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Sie sind die erste Frau an der Spitze der Universität Göttingen. Ist Frauenförderung für Sie ein wichtiges Thema?

Ganz klar. Ich habe mich immer dafür engagiert und werde dies auch weiter tun. Der Bereich Gleichstellung war bislang beim Vizepräsidenten der Universität angesiedelt. Ich habe darum gebeten, diesen mit übernehmen zu dürfen, denn für mich ist das Thema Chefinnensache.

Was wollen Sie konkret tun?

Ich möchte als Vorbild wirken und jungen Frauen zeigen, dass es Spaß macht, erfolgreich zu sein. Außerdem möchte ich ein- oder zweimal im Jahr junge Professorinnen zu einer Art Stammtisch einladen. Solche Treffen habe ich schon früher mit den Frauen aus dem Wissenschaftsrat veranstaltet. Dabei zeigte sich, dass alle Wissenschaftlerinnen über ähnliche Probleme und Erfahrungen berichteten. Es war ein reger Austausch, den alle sehr genossen haben.

Sie selbst haben keine Familie. Können Wissenschaftlerinnen nur Karriere machen, wenn sie auf Kinder verzichten?

Es ist in der Tat so, dass viele erfolgreiche Frauen keine Familie haben. In unserer Generation haben es Frauen in der Wissenschaft wirklich schwer gehabt. Es gibt aber Beispiele von erfolgreichen Wissenschaftlerinnen mit Kindern, und ich habe größte Hochachtung vor ihnen. Ich finde es sehr wichtig, dass Universitäten familienfreundlich aufgestellt sind. Sowohl Wissenschaftler als auch Wissenschaftlerinnen müssen die Möglichkeit haben, eine Familie zu gründen.

Sie kennen viele Hochschulen. Was sind die Stärken der Universität Göttingen?

Es gibt hier eine sehr innovative Forschung, zum Beispiel in den Neurowissenschaften. International ist Göttingen vor allem als traditionell gute Universität bekannt. Diese Tradition ist ein ganz großes Pfund.

Wie wollen Sie dieses Pfund stärker zur Geltung bringen?

Die Universität hat viele wissenschaftliche Sammlungen. Ich habe inzwischen fast alle gesehen, sie sind einfach sensationell. Ich möchte die Sammlungen stärker für Forschung und Lehre nutzen und auch der Öffentlichkeit besser zugänglich machen.

Sie plädieren seit Längerem für eine Entschleunigung der Wissenschaft. Wie wollen sie den Wissenschaftlern mehr Freiraum verschaffen?

Ich glaube, dass man die administrativen Prozesse verschlanken und Formalitäten abbauen kann. Außerdem sollten wir uns einfach auch manchmal zurücklehnen und fragen: Ist der Druck notwendig, den wir uns hier machen? Ich bin dafür, Entscheidungsprozesse reifen zu lassen. Wir müssen auch nicht auf jede Ausschreibung von Fördermitteln aufspringen und einen Antrag stellen. Derzeit sehe ich eine solche Tendenz an den Universitäten. Das Problem ist, dass es häufig heißt: Sie haben jetzt 500.000 Euro, aber ein anderer hat eine Million – wollen Sie nicht noch mal einen Antrag stellen? Man wird also nur an der Höhe der eingeworbenen Mittel und an der Anzahl der Publikationen gemessen und weniger an den Inhalten. Diese Diskussion werde ich hier auch führen, und viele Kolleginnen und Kollegen haben dafür ein sehr offenes Ohr, manche fühlen sogar Erleichterung.

Die Universität Göttingen wäre aber fast in der Exzellenzinitiative gescheitert, weil sie nicht sehr viele Drittmittel vorzuweisen hatte.

In der Tat gab es nicht sehr viele große Projekte. In den vergangenen drei, vier Jahren wurden jedoch mehrere bewilligt. Die Grundlage an Drittmitteln, Verbundprojekten und Sonderforschungsbereichen, die wir für die zweite Runde vorweisen können, ist sehr gut. Die Kolleginnen und Kollegen haben sich extrem angestrengt.

Interview: Heidi Niemann