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Niedersachsen Verbände üben massiv Kritik an Flüchtlingspolitik
Nachrichten Politik Niedersachsen Verbände üben massiv Kritik an Flüchtlingspolitik
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22:10 09.11.2015
Von Michael B. Berger
Dolmetscher helfen am Umsteigebahnhof in Laatzen.  Quelle: Frank Wilde
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Hannover

„Die Politik muss sich am Riemen reißen und Diskussionen wie etwa über eine Unterbindung des Familiennachzugs oder über die Schaffung von Transitzonen unterlassen. Wer geschlossene Grenzen will und inhumanes Handeln, der muss sich dazu bekennen“, sagte Diakoniechef Christoph Künkel, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, die in der kommenden Woche ihr 70-jähriges Bestehen feiert. „Wenn wir die Ehrenamtlichen nicht hätten, würden wir die Flüchtlingskrise nie bewältigen“, mahnte Künkel. In der Bewältigung der aktuellen Probleme komme die Wohlfahrtspflege an ihre ursprünglichen Wurzeln zurück – „die Bekämpfung großer Not“. Die derzeit geführten politischen Debatten wirkten sich demotivierend auf die vielen ehrenamtlichen Helfer aus, meinte Künkel. Ähnlich äußerten sich Birgit Eckhardt vom Paritätischen und Hans-Jürgen Marcus, Direktor der Caritas.

Marcus hob hervor, es habe seit Mitte des vorigen Jahrhunderts eine solche „zivilgesellschaftliche Chance“ nicht mehr gegeben, „dass sich so viele Menschen engagieren“. Ralf Selbach, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes Niedersachsen, gab allerdings zu bedenken, dass auch die Ehrenamtlichen jetzt deutlich an die Grenze der Belastung gerieten – zumal immer weniger Firmenchefs bereit seien, ihre Mitarbeiter freizugeben. „Der Regeldienst in den Notunterkünften muss professionalisiert werden. Wir haben als DRK schon etliche Stellen ausgeschrieben“, sagte Selbach. Ein großer Teil der 15.000 hauptamtlichen Mitarbeiter des DRK habe schon jetzt mit der Flüchtlingsaufnahme zu tun.
Die Hilfsorganisation rechnet damit, dass der Andrang noch weitere Jahre bestehen werde und in Niedersachsen im kommenden Jahr sogar wachsen werde. „Das hat uns das Innenministerium avisiert“, sagte Selbach.

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Angesichts des aktuellen Drucks habe auch die Arbeiterwohlfahrt Notunterkünfte eingerichtet, berichtet Hannah Naber von der AWO. Wieder aktiviert ist auch der Suchdienst des DRK, der nach dem Zweiten Weltkrieg viele Familien zusammenführte. Derzeit sind nach Niedersachsen 2600 unbegleitete Minderjährige gekommen, weitere 2700 sollen nach Künkels Worten folgen. „Es ist schwierig angesichts unserer Standards mit Wohngruppen von neun Jugendlichen plus Betreuer, das umzusetzen.“ Künftig müssten mehr Pflegefamilien gewonnen werden. Insgesamt zeigten sich die Wohlfahrtsverbände zuversichtlich, die Herausforderungen auch künftig bewältigen zu können. „Aber die ständige Frage, wer darf bleiben, wer muss gehen, führt bei uns keinen einzigen Schritt weiter“, betonte DRK-Chef Selbach.

Heiko Randermann 09.11.2015
Michael B. Berger 08.11.2015