Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Verbindet eine Waffe NSU und Schlapphutbande?
Nachrichten Politik Niedersachsen Verbindet eine Waffe NSU und Schlapphutbande?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:18 01.11.2013
August 2005: Nach einer Schießerei in Göttingen flog die Schlapphutbande auf.
August 2005: Nach einer Schießerei in Göttingen flog die Schlapphutbande auf. Quelle: Hinzmann
Anzeige
Göttingen

In der Bezirksstaatsanwaltschaft Koszalin in Polen ist es zu einem denkwürdigen Treffen gekommen: So kam der frühere Logistikchef der sogenannten Schlapphutbande, deren Mitglieder einst als die gefährlichsten Bankräuber der Nachkriegsgeschichte galten, mit Beamten des Bundeskriminalamts und der Bundesanwaltschaft zusammen. Sie ermitteln gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Wie die Beamten hörten, gibt es eine Verbindung zwischen dem NSU und der Schlapphutbande: Beide sollen denselben Waffenlieferanten gehabt haben, NPD-Mann Ralf Wohlleben.

Das behauptet Krzysztof Szafranski. Der 42-Jährige sitzt in Wierzchowo (Polen) im Gefängnis. Er wurde wegen einer Schießerei vor acht Jahren in Göttingen zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem Bankraub hatten er und ein Mittäter in Göttingen ein Auto geraubt und auf einen Mann aus Frankfurt geschossen, der lebensgefährlich am Kopf getroffen wurde.

Im März haben die NSU-Ermittler den Inhaftierten in Polen aufgesucht. Das Protokoll dieser Vernehmung liegt dem „Göttinger Tageblatt“ vor. Darin schildert Szafranski, wie er Anfang 2004 mit einem anderen Mitglied der Räuberbande in Jena eine Schusswaffe besorgte. Sie tauschten für einen spanischen Astra-Trommelrevolver ein Gerät, das an VW-Fahrzeugen die elektronische Wegfahrsperre überwindet.

Szafranski werden dann Fotos vorgelegt. Er tippt auf Nummer 29. Es zeigt Ralf Wohlleben, der als Waffenlieferant des NSU als Mitangeklagter neben Beate Zschäpe im Münchener NSU-Prozess sitzt. „Ich bin mir zu hundert Prozent sicher“, sagt Szafranski. Mundlos und Böhnhardt kenne er aber nicht.

Wo der Revolver jetzt sei, wollen die Ermittler wissen. Er liege zusammen mit weiteren Waffen der Schlapphutbande in einem Waldversteck bei Brandenburg, antwortet der Pole. Er könne das Versteck zeigen, wenn ihn die Behörden nach Deutschland holten. Die Bundesanwaltschaft, so Sprecher Marcus Köhler, hat die Aussagen sehr ernst genommen. Schon früher wurde nach Szafranskis Angabe ein Grundstück auf der Suche nach dem Waffenlager mit Baggern durchwühlt, jedoch ohne Erfolg.

Zwei Thesen sind denkbar. Erstens: Der Revolver stammt wirklich aus dem NSU-Umfeld, und könnte weiteren fremdenfeindlichen Taten des NSU zugeordnet werden. Der Angeklagte Wohlleben würde zusätzlich belastet. Zweitens: Das Ganze ist ein neuer Versuch Szafranskis, die Justiz zu veranlassen, ihn nach Deutschland zu holen, damit er den Rest seiner Strafe (gut zehn Jahre) hier absitzt. Anträge seiner Verteidiger hat die polnische Justiz bisher abgelehnt. Das Appellationsgericht Danzig hat endgültig entschieden, Szafranski müsse – obwohl er auch Deutscher ist – seine in Göttingen verhängte Strafe in Polen verbüßen. Darum, so Köhler, sehe die Bundesanwaltschaft keine Chance mehr. Szafranski lehne es ab, nach Deutschland zu kommen, wenn ihm nicht zugesagt werde, hierbleiben zu dürfen.

Von Jürgen Gückel

Mehr zum Thema

Union und SPD wollen in einer Großen Koalition als Konsequenz aus dem Fall der rechten Terrorzelle NSU die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden verbessern. Beide Seiten hätten sich darauf verständigt, die Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses komplett umzusetzen.

01.11.2013

Unterlagen aus der letzten Wohnung der NSU-Terroristen legen nahe, dass die Neonazis ihre Opfer sorgfältig auswählten. „Gutes Objekt und geeigneter Inhaber“ - die Notizen könnten kälter nicht sein.

15.10.2013
Meinung NPD-Verbot - Zu schwach

Die Länder beharren auf einem erneuten Verbotsverfahren gegen die NPD. Doch ein solches birgt mehr Risiken als Nutzen. Eine Analyse von Dirk Schmaler.

Dirk Schmaler 11.10.2013
Niedersachsen Verfahren gegen Ex-Bundespräsidenten - Ein Duo tritt gegen Wulff im Prozess an
Michael B. Berger 12.11.2013
01.11.2013
Niedersachsen Lage auf Niedersachsens Lehrstellenmarkt verschärft - 12.600 Bewerber ohne Ausbildungsplatz
Lars Ruzic 31.10.2013