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Niedersachsen Vergewaltiger kommt womöglich aus Sicherungsverwahrung frei
Nachrichten Politik Niedersachsen Vergewaltiger kommt womöglich aus Sicherungsverwahrung frei
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20:19 13.05.2011
Von Jutta Rinas
Sicherheit für alle oder Freiheit für Einzelne? Das Bundesverfassungsgericht hat die Sicherungsverwahrung in ihrer jetzigen Form für unrechtmäßig erklärt; für Wolfgang G. (auf einem Archivbild aus dem Jahr 1988) könnte das die Freiheit bedeuten – für die Mädchen, die er 1988 in Hannover entführte, neue Albträume. Quelle: dpa
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„Hohes Gericht, bitte helfen Sie mir, beschützen Sie mich vor mir selbst, ich bin krank.“

Es waren dramatische Sätze, mit denen der Sexualstraftäter Wolfgang G. 1988 im hannoverschen Schwurgerichtssaal um die Einweisung in eine psychiatrische Klinik bat. G. war Wiederholungstäter, er hatte in Berlin zwölf Mädchen vergewaltigt. Nur drei Monate nach seiner Entlassung – nach dreizehneinhalb Jahren Haft – hatte er dann im hannoverschen Stadtteil Bothfeld zwei weitere Mädchen entführt und eins brutal missbraucht. Wolfgang G. wurde vom Gericht ins niedersächsische Landeskrankenhaus in Moringen eingewiesen. Zwei Monate später brach er aus der Klinik aus, verschleppte eine 28-Jährige und ermordete sie. Noch einmal 15 Jahre Haft und Einweisung in die Psychiatrie lautete diesmal das Urteil.

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Jetzt – nach fast 40 Jahren hinter Gittern – steht G. wieder vor Gericht. Diesmal sind die Rollen vertauscht. Diesmal ist er der Kläger. Der 63-Jährige, der auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe als sogenannter Sicherungsverwahrter im Gefängnis bleiben musste, will frei sein. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass er seinen Willen bekommt. Der Mörder und Serienvergewaltiger Wolfgang G. ist einer der Sicherungsverwahrten, denen das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in der vergangenen Woche eine neue Zukunftsperspektive eröffnet hat.

Das Gericht hat entschieden, dass die deutsche Praxis der Sicherungsverwahrung gegen das Grundgesetz verstößt und neu geregelt werden muss. Eine Reihe von gefährlichen Straftätern, so ist die Sorge, könnte bald auf freien Fuß kommen. Die Politik weiß noch nicht, wie sie dagegen vorbauen soll; die Justiz sieht eine Klagewelle von Sicherungsverwahrten auf sich zurollen; und die Öffentlichkeit fürchtet sich vor Menschen wie Wolfgang G.
Bis Ende des Jahres muss das Landgericht Baden-Baden entscheiden, ob der Serientäter, der Therapien immer wieder abgebrochen hat, noch hochgradig gefährlich ist. Der Ausgang ist ungewiss. Denn: Die juristische Antwort auf die Frage, ob ein Straftäter gefährlich ist, kann ganz anders ausfallen als die Antwort auf die Frage, ob er deshalb zu Recht in Sicherungsverwahrung sitzt.

Wolfgang G.’s Geschichte ist ein Albtraum von einem Verbrecherleben. Zwei kleine Mädchen aus Hannover waren Teil dieses Albtraums. Die achtjährige Marina und ihre Freundin Chie-Hie sind am 20. März 1987 auf dem Weg vom Training in der Bothfelder Gartenheimschule nach Hause. Plötzlich werden sie von zwei Männern gepackt. Sie schreien, wehren sich. Den Angreifern gelingt es, die Mädchen ins Auto zu zerren. G. und sein Komplize fahren Richtung Dortmund, halten kurz vor Bad Oeynhausen. G. stülpt sich eine Frauenperücke über, fesselt Marina und zwingt sie zu sexuellen Handlungen. Vor dem Landgericht Hannover will er sich später nicht mehr an die Tat erinnern können: „Ich kam erst wieder zu mir, als das Mädchen unter mir lag.“ Gegen Mitternacht lassen die Täter ihre Opfer an einer Gaststätte in Bad Oeynhausen frei. Wenige Tage später werden sie gefasst.

G. beteuert im Prozess, dass er krank sei. Seine Eltern hätten sich ein Mädchen gewünscht und ihn bis zum fünften Lebensjahr gezwungen, Röcke zu tragen, in langen Haaren herumzulaufen, mit Puppen zu spielen. Sein damaliger Anwalt, der hannoversche Strafverteidiger Matthias Waldraff, geht von einer krankhaften Störung aus, erwirkt eine siebeneinhalbjährige Freiheitsstrafe und die Einweisung zur psychiatrischen Therapie im Landeskrankenhaus Moringen.

Ein folgenschweres Urteil. G. schraubt in der Nacht zum 19. Juni 1988 die Scharniere seines Fensters heraus und flieht in Richtung Karlsruhe. Im Hardtwald in der Nähe von Ettlingen verschleppt er eine 28-jährige Zahnarzthelferin, missbraucht und erdrosselt sie. Wenige Tage später wird er gefasst. Diesmal wird er in das als ausbruchsicher geltende Landeskrankenhaus Wiesloch eingewiesen. Aber wieder gelingt ihm die Flucht. Der 41-Jährige hebelt mit Stuhlbeinen die Gitter eines Fensters auf, seilt sich mit Bettlaken über eine sechs Meter hohe Mauer ab. Nach zwei Tagen wird er geschnappt.
Wolfgang G. hat, nachdem er einmal begonnen hatte seine Gewaltphantasien auszuleben, jede Minute in Freiheit nach Opfern gesucht. Sein zerstörerisches Potenzial hat sich von Mal zu Mal gesteigert. Wie geht man mit einem um, der eine derart gewalttätige Karriere hinter sich hat?

Das Landgericht in Baden-Baden weist G. nach dem Mord an der Zahnarzthelferin 1990 wieder in die Psychiatrie ein. Obwohl die Gefährlichkeit G.’s bekannt ist und die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung vorliegen, billigt es dem Angeklagten wegen einer krankhaften Persönlichkeitsstörung verminderte Schuldfähigkeit zu. Das vermeintlich milde Urteil bietet zu dem Zeitpunkt zugleich den größtmöglichen Schutz vor dem Schwerstverbrecher: 1990 ist eine erstmalig angeordnete Sicherungsverwahrung noch auf zehn Jahre befristet. Dem Gutachten zufolge, das dem Urteil zugrunde liegt, müsste eine Therapie G.s aber wesentlich länger dauern. Er scheint also für lange Zeit weggesperrt.

Drei Jahre später geschieht etwas, das die Bemühungen, die Gesellschaft so lange wie möglich vor G. zu schützen, konterkariert. G. wird aus dem Landeskrankenhaus Göttingen entlassen und zurück ins Gefängnis gebracht. Er habe sich als therapieunwillig, therapieunfähig erwiesen, sagen die Ärzte. Allein aus Sicherheitsgründen will das Landeskrankenhaus G. nicht bei sich behalten. Auch wenn dessen Gefährlichkeit fortbestehe, bleibe juristisch nur die Vollstreckung der Freiheitsstrafe. Also geht es zurück in den Knast – mit weitreichenden Konsequenzen.

Es gehört zu den absurden Wendungen in der Geschichte von Wolfgang G., dass ihm gerade seine Therapieunfähigkeit ein neues Fenster zur Freiheit öffnet. Sein Aufenthalt in der Psychiatrie war zeitlich nicht genau definiert, seine Haftstrafe ist es schon. Von Rechts wegen müsste er das Gefängnis 2009 verlassen. Die Frage, ob er noch gefährlich ist, scheint plötzlich keine Rolle mehr zu spielen.

Fast keine. Denn kurz vor G.’s Entlassung greift das Landgericht Baden-Baden ein – weil es immer noch glaubt, dass G. sich womöglich sofort neue Opfer sucht. Das Bild, das die Richter in ihrem Urteil von G. zeichnen, ist allerdings ein völlig andere als das in früheren Prozessen. Nichts mehr ist übrig von dem Mann, der sich als krank bezeichnet, der verzweifelt mit seinen Taten ringt. Als kalt kalkulierend wird G. jetzt beschrieben, als hochintelligenter Mann, der schon in seiner ersten Haft in den achtziger Jahren per Fernstudium ein paar Semester Psychologie studiert hat – und später mit diesem Wissen die Gerichte belügt. Er habe damals seinen Gutachter getäuscht, um der lebenslangen Haft und der Sicherungsverwahrung zu entgehen, hat G. irgendwann einer Gefängnispsychologin gesagt.

Waren die Auftritte in Hannover und Baden-Baden also nur Show? Oder hat das veränderte Persönlichkeitsprofil G.’s einen anderen Grund?

Es ist schwierig, eine nachträgliche Sicherungsverwahrung zu erwirken – genau das aber will das Landgericht Baden-Baden im Fall G. tun. Die „Haft nach der Haft“ darf ungeachtet der Gefährlichkeit des Straftäters nicht dazu dienen, ein früheres Urteil zu korrigieren, sondern muss auf neuen Erkenntnissen über den Angeklagten beruhen. Nutzen die Baden-Badener Richter also die Prahlereien des Häftlings um zu verhindern, dass dieser Schwerstverbrecher entlassen wird?

G. sei mit fadenscheinigen Argumenten nachträglich sicherungsverwahrt worden, sagt sein Anwalt Rolf-Reiner Stanke. Der Verteidiger will deshalb bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen, wenn das Landgericht Baden-Baden seinen Mandanten weiter hinter Gittern hält. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass er gewinnt.

Die Richter in Straßburg haben die deutsche Praxis der nachträglichen Sicherungserwahrung inzwischen mehrfach gerügt. Stanke hält es für einen „Skandal“, dass das Bundesverfassungsgericht jetzt nicht sofort die Freilassung seines Mandanten verfügte, sondern den Fall an das Landgericht Baden-Baden zurückverwies.

Glaubt Stanke, dass G. heute ungefährlich ist? Der Verteidiger windet sich. In G.’s Alter lasse die Bedeutung der Sexualität nachweislich nach, sagt er. G. sei alt, habe Zucker, etliche Bypässe. Der entscheidende Punkt sei, dass G. juristisch gesehen freikommen müsse, betont er. „Aber meine Kinder mit ihm in den Urlaub geben würde ich nicht.“

Wolfgang G. zitiert im Februar dieses Jahres in einem Interview den Philosophen Ernst Bloch und dessen „Prinzip Hoffnung“, als es um seine Entlassung geht. Gleichzeitig gibt er verstörende Sätze von sich. „Ich habe in einer Pippi-Langstrumpf-Welt gelebt“, sagt er mit Blick auf den Mord an der jungen Zahnarzthelferin vor fast 23 Jahren: „Wie in dem Lied habe ich mir eine Welt geschaffen, wie sie mir gefällt. Ich habe mir gesagt: Ich verdiene diese Frau.“ Dass keine Frau einen Mörder verdient, sagt er nicht. Und dass die Allmachtsphantasien eines Mörders das denkbar zynischste Gegenstück zu Astrid Lindgrens Pippi-Langstrumpf-Welt sind, scheint er nicht einmal zu bemerken.

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