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Niedersachsen Was ist mehr wert – Abitur oder Lehre?
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10:35 21.11.2011
Von Saskia Döhner
Sandra Randzio ist nach dem Abitur zu VW gegangen. Quelle: Surrey
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Hannover

Mit ihrer Entscheidung gegen die generelle Gleichrangigkeit von Abitur und Ausbildung haben sich die Kultusminister den Zorn von Gewerkschaften, Handwerkskammer und Wirtschaftsverbänden, aber auch von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) auf sich gezogen. Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), der zurzeit den Vorsitz in der Konferenz der Kultusminister hat, verteidigt seinen Beschluss: Man habe stets die Gleichwertigkeit im Blick gehabt und nie das Abitur höher angesehen als die Lehre.

Hintergrund des Streits ist der Versuch der EU, mit einer Werteskala die unterschiedlichen europäischen Bildungsabschlüsse vergleichbar zu machen. In den neun Ländern, die bislang nationale Regelungen verabschiedet haben, wurden Abitur und Lehre meist gleichrangig eingestuft – mit Ausnahme der Niederlande, wo das Abitur wie in Deutschland höher bewertet worden ist.

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„Das deutsche Abitur wird heute an so heterogenen Orten und Schultypen absolviert, dass die Vorstellung, dass es die optimale Vorbereitung für ein Studium ist, schlicht realitätsfremd ist“, sagt der Göttinger Sozialforscher Martin Baethge. Seit Jahren mahnen Hochschulen und Bildungsexperten ohnehin den Qualitätsverlust des Abitur an. Obwohl es einerseits immer spezieller wird – nach Ansicht Baethges wird nur noch an den 19 humanistischen Gymnasien im Land eine wirklich umfassende Grundbildung vermittelt –, garantiert die allgemeine Hochschulreife weiterhin das uneingeschränkte Recht zum Studium, ohne weitere Eingangsprüfungen wie sie in anderen Ländern üblich sind.

Zukunft im dualen Studium

Katharina Hartung macht im kommenden Jahr am Beruflichen Gymnasium Wirtschaft in Hannover ihr Abitur. Eine Lehre habe sie nach ihrem Realschulabschluss nicht machen wollen, sagt die 18-Jährige aus Burgdorf. „Mit dem Abitur hat man einfach bessere Chancen.“ Das sieht auch der gleichaltrige Ole Hansen aus Garbsen so. Mit dem wissenschaftlichen Arbeiten dürften sie später an der Hochschule keine Probleme haben, meinen die beiden. Dennoch zieht es sie auch in die Praxis. Ihre Zukunft sehen sie in einem dualen Studium, das auch gleich eine Ausbildung miteinschließt. Katharina möchte Industriekauffrau werden und gleichzeitig ihren Bachelor in Business Administration machen, Ole interessiert sich für eine Banklehre mit einem betriebswirtschaftlichen Studium.

Nicht nur beim Abitur geht Deutschland einen Sonderweg, sondern auch mit seinem dualen Ausbildungssystem. Lehre sei schon längst nicht mehr gleich Lehre, sagt Sozialwissenschaftler Baethge. Die hoch komplexe Ausbildung von heute hat oft wenig zu tun mit dem handwerklichen Lehrberuf von einst. Wenn Sergej Schäfer beim Berufs-Speeddating der Handwerkskammer Hannover Haupt- und Realschülern von seinem Job erzählt, muss er oft mit Verurteilen aus der Vergangenheit kämpfen. „Die meisten stellen sich etwas völlig Falsches unter der Tätigkeit des Drehers oder Fräsers vor“, sagt der 21-Jährige. „Die denken, dass man bis zu den Armen im Dreck steckt und schuftet.“

Dabei haben Feinwerkmechaniker heute viel mehr mit dem Computer als mit der Feile zu tun. Wenn Sergej von hochpräzisen Werkzeugen für die Erdöl- oder Automobilindustrie spricht, klingt er wie ein Profi. Seine Lehre bei der Firma Andreas Bruns Zerspannungstechnik GmbH in Isernhagen-Kirchhorst hat er in wenigen Monaten beendet. Dann will er Berufserfahrung sammeln, um später seinen Meister zu machen. Ein Studium an der Fachhochschule reizt ihn nicht. „Ach nö“, sagt Sergej, „mit Schule reicht es dann.“

Andreas Bruns bildet aus, weil er „keine Facharbeiter mehr findet“, wie der 54-Jährige sagt. Neben Sergej gibt es jetzt noch einen zweiten Lehrling in dem Familienbetrieb. Ziel sei es, jährlich einen Auszubildenden einzustellen, sagt Meister Carsten Krause. Doch es fehlt an Bewerbern. Bei Volkswagen Nutzfahrzeuge fehlt es an Mädchen. Als Sandra Randzio vor drei Jahren ihre Lehre zur Elektronikerin für Automatisierungstechnik im Werk in Hannover-Stöcken begann, war sie das einzige Mädchen unter den 32 Auszubildenden in ihrer Klasse. Später wurden es zwei.

„Allein unter vielen Jungen zu sein hat mich überhaupt nicht gestört“, sagt die zielstrebige 22-Jährige, die nach ihrem Abitur sofort in die Berufswelt wollte. Ein freiwilligen soziales oder ökologisches Jahr hätte sie für Zeitverschwendung gehalten. Die zwei Wochen, die zwischen Ausbildungsende und Studienanfang im März 2012 liegen, will Sandra für einen Mathematikvorbereitungskursus nutzen. Dass auf die Lehre ein Studium folgen soll, steht für sie außer Frage: „Ich habe Abi, warum sollte ich nicht studieren?“