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Niedersachsen Wie Christian Wulff im Landtag gefeiert und verspottet wird
Nachrichten Politik Niedersachsen Wie Christian Wulff im Landtag gefeiert und verspottet wird
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14:53 10.06.2010
Von Michael B. Berger
Christian Wulff Quelle: ap
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Christian Wulff lacht mit, während der koalitionäre Regierungspartner zur Rechten, der Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP), dem Dienstherrn fröhlich auf die Schulter klopft. Die nur kurz ausbrechende Fröhlichkeit an diesem Mittwoch, dem sechsten Tag der offiziell erklärten Bundespräsidentenkandidatur, scheint nicht gespielt. Denn im niedersächsischen Landtag hat Wulff heute wenig zu lachen.

Das Parlament, zumindest die Opposition, ist weit entfernt von patriotischen Gefühlen, dass bald ein Landsmann das höchste Amt im Staate bekleiden könnte. Im Gegenteil, es wird Comedy geboten, geätzt und gelästert, vor allem über Wulffs Entscheidung, erst nach der Wahl zum Bundespräsidenten seinen Verzicht aufs Ministerpräsidentenamt zu erklären. Mit „Letzte Ausfahrt Schloss Bellevue?“ haben die Grünen die Aktuelle Stunde betitelt, in der sie den Regierungschef ziemlich massiv kritisieren – vielleicht auch, weil anders als im tragisch endenden Film „Letzte Ausfahrt, Brooklyn“ Wulff am 30. Juni ein Happy End bevorstehen könnte?

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Der Mann, über den sie heute herziehen, hat jedenfalls die Ruhe weg, er lächelt, scherzt mit Nebenmann Bode oder seinem Intimus Olaf Glaeseker, während Stefan Wenzel von den Grünen zu einer Art Bußpredigt anhebt, Thema: der sofortige Rücktritt des Ministerpräsidenten. „Ausdrücklich will sich der Kandidat kein Beispiel an Altbundespräsident von Weizsäcker nehmen, der sein Amt als Bürgermeister von Berlin deutlich vor dem Zusammentritt der Bundesversammlung zur Verfügung stellte“, sagt Wenzel. Er geißelt die „Ängstlichkeit und Unentschlossenheit“ Wulffs. Der hat stets betont, dass ein vorzeitiger Amtsverzicht so aussähe, als nehme er die Entscheidung der Bundesversammlung nicht ernst. Ja, im Falle eines Scheiterns wäre es „nicht unehrenhaft, Ministerpräsident zu bleiben“, hat er im jüngsten Zeitungsinterview erklärt – ein Satz gegen jede politische Erfahrung, ein Politikersatz.

Genüsslich zitiert der Grüne Wenzel derweil das Presseecho der jüngsten Tage, in dem der Pfarrer Gauck in der Beliebtheit vor dem Ministerpräsidenten rangiert. „Ich spare mir ausdrücklich die besonders gehässigen Beschreibungen, aber“, sagt Wenzel – und wendet sich demonstrativ zu seinem Lieblingsgegner Wulff: „Macht Sie das nicht stutzig?“

Nein, nach einer Schrecksekunde macht ihn offenbar nichts mehr stutzig. Wulff schweigt, hat den Aktenberg beiseite gelegt und lächelt in sich hinein. Wer ihn kennt, weiß, dass Wulff sich schon über die Polemiken ärgert, aber dennoch täglich daran arbeitet, sein durch die verrumpelte Entscheidungsfindung angekratztes Image zu polieren.

So hat er dem „Hamburger Abendblatt“ vor der Landtagssitzung noch einmal dargelegt, wie es zur Kandidatur um ein Amt kam, für das man sich nicht bewerben kann. Er habe, als Angela Merkel ihn fragte, nur „beherzt die Chance ergriffen“, sagt Wulff: „Zwischen den Prozessen, die zur Kandidatur von Joachim Gauck und zu meiner Nominierung geführt haben, kann ich keine Unterschiede erkennen“, fügt Wulff noch an, wie immer diplomatisch. Im Klartext: Auch Gauck ist nach parteipolitischen Gesichtspunkten von der Opposition ausgesucht worden. „Ich empfinde es als höchst problematisch, wenn man unterscheidet zwischen Menschen und Parteimenschen, zwischen von außen kommenden ,Heilsbringern‘ und ,Parteisoldaten‘.“

Das wurmt ihn wirklich, dass jetzt in der Öffentlichkeit zwischen angeblich „richtigen“ Menschen und Parteimenschen unterschieden werde, dabei will er doch, sofern gewählt, ein politischer Bundespräsident werden – einer, der keine Scheu hat, abends auch im Kanzleramt vorbeizuschauen, das Horst Köhler gemieden haben soll wie der Teufel das Weihwasser. „Das leise Wort kann oft sehr viel mehr bewirken als der große Aufschlag mit Pauken und Trompeten“, sagt der Kandidat in dem Zeitungsinterview. Und man kann sicher sein, dass er bereits darüber brütet, welche Botschaft er kurz nach seiner Wahl herüberbringen soll; Professoren sollen ihm bereits zuarbeiten. Mit dem Wörtchen „unverkrampft“ hatte Roman Herzog reüssiert – Christian Wulff, der nie unvorbereitet in eine neue Lage schreitet, habe, so heißt es, bereits die Eingangsvoten aller neun Bundespräsidenten studiert.

Am Mittwoch im Landtag kann er noch einmal jene studieren, die ihn zu einer Erklärung provozieren wollen, etwa die Linke Kreszentia Flauger, die ihn einerseits als „Mann ohne Positionen“ kennzeichnet, ihm andererseits aber „sozialen Kahlschlag“, „Eiseskälte“ und „Hetze“ gegen Gewerkschafter vorwirft. Sogar für grassierende Unsicherheit auf niedersächsischen Äckern spricht sie Christian Wulff schuldig: „Sie verschlampen lieber genverseuchte Maisproben, sodass das Zeug jetzt in irgendwelchen niedersächsischen Äckern liegt.“ Oben, auf der Pressetribüne, fragt der nicht zufällig anwesende Korrespondent eines großen Blattes, ob dies der Normalton im Landtag sei. Er erntet zustimmendes Kopfnicken. So geht es zu in Niedersachsen.

Unten schaut der „Regent“ jetzt doch ein wenig vergrätzt, während seine Regierungstruppen an einer Gegenerklärung arbeiten. CDU-Mann Björn Thümler erinnert daran, dass Gerhard Schröder auch erst zum Kanzler gewählt wurde und dann sein Amt als niedersächsischer Ministerpräsident abgegeben habe. Und was sei mit der Kandidatin der Linken, mit Luc Jochimsen? Gebe die etwa vor der Wahl ihr Bundestagsmandat ab? „Wir sollten uns doch alle freuen, wenn am 30. Juni ein Niedersachse Bundespräsident wird.“ Das meint auch FDP-Mann Klaus Rickert. „Kleinkariert und peinlich“ sei der Versuch der Grünen, Wulff in der Aktuellen Stunde „mit Lehm zu bewerfen“.

Darauf verzichtet SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner, der nächste Woche von einem Jüngeren abgelöst wird. Aber er fordert nach Horst Köhlers Rücktritt, der „ein dramatischer Hinweis an die Partei- und Medienelite“ sei, ein Innehalten. Man könne im politischen Geschäft nicht weitermachen wie bisher, sondern brauche eine „Katharsis“, eine „Reinigung auf offener Bühne“. „Und was ist mit Herrn Gabriel?“ tönt es da aus der CDU.

Christian Wulff macht jedenfalls nicht den Eindruck, dass er im Traum daran dächte, die Bühne freizumachen. Der Gedanke, demnächst am Schloss Bellevue auszusteigen, könnte für ihn durchaus kathartische, befreiende Züge haben. Er träume davon, das Amt, das sonst nur alten Patriarchen zufiel, jung zu machen, heißt es. Denn eines will Christian Wulff, der verhältnissmässig alte Vater und Mann einer jungen Frau, vermutlich nicht: Ein Amt, das ihn alt aussehen lässt.

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