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Niedersachsen „Wir wollen hier kein braunes Nest“
Nachrichten Politik Niedersachsen „Wir wollen hier kein braunes Nest“
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20:09 28.07.2009
Von Hannah Suppa
Das ehemalige „Landhotel Gerhus“ in Faßberg.
Das ehemalige „Landhotel Gerhus“ in Faßberg. Quelle: Nigel Treblin/ddp
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„Los, alle umdrehen!“ Als der junge Mann mit Glatze, Camouflagejacke und Sonnenbrille neben den Polizeibeamten auf der anderen Straßenseite seine Digitalkamera zückt, drehen ihm auf dem Acker gegenüber 45 Menschen den Rücken zu. „Der will uns nur einschüchtern“, sagt Ulrike Münstermann und wirft doch einen bösen Blick hinüber zu dem Mann mit der Kamera.

Trotzdem, ein mulmiges Gefühl bleibt. Einschüchtern lassen will sich jedoch keiner der Faßberger. Seit Sonntag sind die Bürger mit einer täglichen Mahnwache im friedlichen Widerstand gegen die Neonazis, die sich hier bereits seit knapp zehn Tagen im Auftrag des rechtsextremen Anwalts Jürgen Rieger im ehemaligen „Landhotel Gerhus“ in der 7000-Seelen-Gemeinde aufhalten.

Es ist ein komplizierter Rechtsstreit um Pachtvertrag, Vorkaufsrecht und Zwangsverwaltung. So recht weiß in dem kleinen Heidedorf im Landkreis Celle keiner mehr, worum es genau geht. Was sie wissen: Nazis haben das alte Landhotel bezogen, eine schwarz-weiß-rote Reichsflagge gehisst und ein Transparent mit der Aufschrift „Nationaler Widerstand Celle“ zwischen zwei Fenstern befestigt. Auf der Einfahrt zum Hotel prangt ein Plakat: „Die Presse lügt!“, steht dort geschrieben. Worin sich die Faßberger auch sicher sind: Die Neonazis sollen wieder weg aus der Heide. „Wir wollen sie nicht hier und auch sonst nirgendwo“, sagt die Faßbergerin Anna Jander, die die tägliche Mahnwache organisiert. Bedroht fühlten sie sich, sagen die Demonstranten – und erinnern an einige unangenehme Begegnungen mit Neonazis in der Vergangenheit. Viele, die jetzt in Gerdehaus versammelt sind, haben bereits in den neunziger Jahren im 15 Kilometer entfernten Hetendorf gegen das geplante Schulungszentrum des Rechtsradikalen und NPD-Politikers Rieger protestiert – mit Erfolg.

Auf der Homepage der Neonazis werden die protestierenden Faßberger derweil als „trauriger Haufen“ und „ewiggestrige Gutmenschen“ bezeichnet. Und dennoch kommen nun mit jedem Tag mehr Anwohner auf den verlassenen Acker gegenüber des alten Hotels. Erst waren es 20, am Dienstag bereits 45. Mit Anti-Nazi-Plakaten und frischen Äpfeln aus dem eigenen Garten halten sie täglich eine Stunde Mahnwache – so lange, bis die Neonazis aus ihrem Ort verschwunden sind. Der Pastor aus dem Nachbardorf ist da, Schüler und Studenten, Mütter mit ihren Kindern und der Faßberger Bürgermeister Hans-Werner Schlitte.

Auch Günter Nagler reiht sich zwischen den Plakaten ein. Von seinem Fenster aus kann er das Grundstück, über das in diesen Tagen so viel geredet wird, sehen – es sind nur wenige Meter. Wie ein gemütliches Hotel wirkt das alte „Landhaus Gerhus“ nicht mehr, zwischen den dichten Bäumen hängt ein Tarnnetz. Nur die mit Moos überzogenen Laternen am Straßenrand und das Schild mit der Aufschrift „Biergarten“ verweisen noch darauf, was hier früher war. „Ich habe keine Angst vor den Nazis, die sind ja friedlich bisher“, sagt Nagler. Abends sitzen sie oft draußen und grillen, Kampfhunde halten sie. Aber die Polizei sei ja da, beruhigt man sich.

Die hat ihre Präsenz um das Hotel verstärkt. Angeblich sollen auf dem Hotelgrundstück Schüsse gefallen sein, als Rechte und Linke aufeinandertrafen. Seither gilt besondere Wachsamkeit. Als einer der Neonazis am vergangenen Sonnabend mit einem Baseballschläger vor einer Kneipe im Ortszentrum gesichtet wurde, schritt die Polizei sofort ein.

Der parteilose Bürgermeister Schlitte sitzt an seinem Schreibtisch im Faßberger Rathaus. Hier ist er viel im Moment, sichtet Paragrafen und guckt, was er tun kann. „Nicht viel“, sagt er. Zumindest solange keine juristische Entscheidung über das Grundstück getroffen ist. Am kommenden Dienstag wird im Landgericht Lüneburg verhandelt, vier Tage später als zunächst angesetzt. Schlittes größte Sorge ist, dass Faßberg in Zukunft nur noch mit Rechtsradikalismus in Verbindung steht. „Dabei leben hier 70 verschiedene Nationalitäten“, betont er. Jetzt soll es mehr Jugendarbeit und mehr Aktionen gegen Rechts geben. Vor einem rechtsradikalen Ruf des Ortes haben viele Angst. Wilfried Manneke, Pastor aus dem benachbarten Unterlüß sagt: „Rieger hat wohl eine Vorliebe für diese Gegend – wir wollen hier kein braunes Nest.“