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Niedersachsen Wulff kehrt zum Antrittsbesuch in die Heimat zurück
Nachrichten Politik Niedersachsen Wulff kehrt zum Antrittsbesuch in die Heimat zurück
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22:27 18.05.2011
Von Reinhard Urschel
Christian Wulff mit seiner Frau Bettina. Quelle: dpa
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Er ist noch nicht lange im Amt, da bittet Bundespräsident Christian Wulff zum offiziellen Foto in sein Amtszimmer im Schloss Bellevue. Die futterneidischen Fotografen drängeln, der Protokollbeamte muss schlichten. Als das Motiv „Präsident am Schreibtisch“ abgeschossen ist, tritt Wulff ans Fenster und weist auf den prächtigen Garten. „Das sollten Sie mal fotografieren“, rät der Präsident und fügt hinzu: „Wir haben viele Füchse im Garten. Die fürchten sich vor nichts.“

Heute, ein Jahr später, würde Wulff einen solchen Satz nicht mehr sagen. Heute weiß er, dass es im nervösen Berlin anders zugeht als im beschaulichen Niedersachsen. Hier in der Hauptstadt sind ständig Hunderte politischer Feinwaagen in Betrieb, um alles zu wiegen, was die politische Kaste so von sich gibt. Die feixende Meute der Fotografen hat ihn seinerzeit für zu leicht befunden: „Huch, der fürchtet sich“, grienten die einen. „Der wär’ wohl gerne ein Fuchs“, meinten die anderen.

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Kein Politiker wird in Berlin so unbarmherzig bewertet wie der Bundespräsident, womöglich gerade deshalb, weil das Staatsoberhaupt der Politik entrückt sein soll, aber doch nicht gänzlich im politikfreien Raum leben und arbeiten kann. Die Hauptstadtpresse hat Wulff erst gar nicht zum Fuchs werden lassen, sie haben einen Raben aus ihm gemacht, einen Unglücksraben. Sein Urlaub in der Maschmeyer-Villa, seine sorglose Bemerkung zur Rolle der Bundesbank bei der Entlassung des Erbgutforschers und Bankers Thilo Sarrazin – der Anfang war missglückt. Weil der Neue sich lange Zeit ließ vor seiner ersten großen Rede, blieb der Eindruck eine Weile haften.

Wulff ist nicht der erste Bundespräsident, der die Erfahrung macht, dass die Anerkennung seiner Arbeit mit der Entfernung von der Hauptstadt zunimmt. Sein Vorgänger Horst Köhler galt in Berlin, nicht nur bei den Medien sondern zuvörderst auch in der Politik, als ein sensibler Herr, eigenwillig, ein bisschen skurril sogar wegen seines Afrika-Ticks und seiner Neigung zur Politikerbelehrung. Draußen im Lande aber waren seine Beliebtheitswerte schon geradezu unerklärlich hoch, sogar über seinen Abschied hinaus.

Bei Köhlers Nachfolger Wulff verhält es sich ein wenig anders. Er hat seinen anfänglichen Ruf als ein aus dem Anzug gewachsener Ministerpräsident eines ländlich geprägten Bundeslandes zwar ablegen können, aber nicht etwa, weil er zum großen gesellschaftspolitischen Wegweiser geworden wäre, zum Leuchtfeuer für eine orientierungslos dahinschippernde Bundesregierung. Wulff, der langjährige Landespolitiker, hat sich seine Meriten im Ausland erworben, durchaus im Sinne der Mütter und Väter des Grundgesetzes: „Der Bundespräsident vertritt den Bund völkerrechtlich“ (Artikel 59, Grundgesetz).

Der Gedanke, als erster nach dem Krieg geborener Präsident seine Tochter Annalena mit nach Israel zu nehmen und damit vor Augen zu führen, dass die Erinnerung an das besondere der Beziehungen weitergereicht wird an die junge Generation, ist im Lande großartig aufgenommen worden. Israels 87-jähriger Präsident Shimon Peres lobte Wulff, er sei „ein Präsident der besonderen Art“. In der Türkei flogen Wulff die Herzen schon entgegen wegen seiner Erklärung, auch der Islam gehöre zu Deutschland. Der politische Umkehrschluss, auch das Christentum müsse seinen Platz in der Türkei haben, war zu Hause von ihm erwartet worden. Beim jüngsten Besuch in Brasilien hat Wulff Rückgrat bewiesen, als er einen Besuch beim Thyssen-Krupp-Konzern kurzfristig abgesagt hat, weil er sich von der Ankündigung eines erheblichen Personalabbaus überrumpelt fühlte.

Das Bild, das Wulff und nicht zuletzt seine Frau Bettina bei Auslandsreisen in den einheimischen Medien hinterlassen haben, war durchweg positiv. Der Vergleich, Wulff sei womöglich der bessere Außenminister als der Amtsinhaber ist insofern ungerecht, als Guido Westerwelle in der Einschätzung seines eigenen Hauses die gängigen Qualitätskriterien beständig unterläuft.

Er habe nicht geahnt, hat Wulff schon früh in seiner Amtszeit gesagt, wie hoch der Anteil an Außenpolitik an seiner täglichen Arbeit sei. Die auswärtigen Angelegenheiten, die ein Staatsoberhaupt zu betreuen hat, beginnen gewissermaßen in den eigenen vier Wänden. Die Vertreter der Länder, mit denen Deutschland diplomatische Beziehungen unterhält, verlangen nach Aufmerksamkeit. Wenn dann die niederländische Königsfamilie zu Besuch kommt, ist der Auftritt zwischen Hüten und Schirmen eher ein Schaulaufen.

Für die Daheimgebliebenen, die ihren Präsidenten nicht ständig im Blick haben, ist die Liste seiner Auslandsreisen erstaunlich lang und vielfältig: Antrittsbesuche beim EU-Parlament in Straßburg, beim Präsidenten der französischen Republik in Paris, bei der EU-Kommission, beim Europäischen Rat und bei der Nato in Brüssel, in Südafrika – dort wurde angenehmerweise gerade eine Fußballweltmeisterschaft gespielt, in Polen, Österreich, Italien, Katar, in der Schweiz, in Russland, Luxemburg in der Tschechischen Republik, in Israel und in den Palästinensischen Gebieten, in Spanien und Portugal. Staatsbesuche, also eine Stufe höher auf der diplomatischen Leiter, stattete Wulff der Türkei, Mexiko, Costa Rica und Brasilien ab. Auslandsreisen „aus besonderem Anlass“ führten ihn unter anderem nach Warschau („Gedenken an 40 Jahre Kniefall Willy Brandt“) und nach Auschwitz, (Gedenkveranstaltung zum 66. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau) und nach Amsterdam (Besuch des Anne-Frank-Hauses).

Natürlich hat sich Wulff nicht nur in der weiten Welt herumgetrieben, sondern zwischendurch, wie es im Laufe der Jahre Brauch geworden ist, seine Antrittsbesuche in den Bundesländern absolviert. Begonnen hat die Reise im Herbst 2010 in Sachsen. Niedersachsen war am Mittwoch die 14. Station. Nordrhein-Westfalen und Hamburg warten noch auf die Visite des Staatsoberhauptes.