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Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von Statussymbolen und Biberratten
Nachrichten Politik Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von Statussymbolen und Biberratten
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16:43 26.10.2018
Michael B. Berger Quelle: HAZ
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Hannover

Vor der nicht unwahrscheinlichen Nacht der langen Messer nach der Hessenwahl möchten wir an diesem Wochenende, liebe Papierkorbfreunde, die Mutter aller Fragen stellen. Welche Uhr darf eine Sozialdemokratin tragen, ohne dass Sie mit Liebesgesängen oder Hasstiraden verfolgt wird?

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Da die Deutschen, bevor sie eine Revolution am Bahnhof starten zuerst eine Bahnkarte lösen würden, wie der Genosse Lenin gesagt haben soll, wäre vielleicht eine Bahnuhr das passende Requisit. Auch damit man weiß, wann endgültig der Zug abgefahren ist. Aber auf keinen Fall eine Rolex anlegen, wie jetzt die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli feststellen musste. Eine Rolex am Arm macht den Plebs mobil. Kein Wunder, die dicken Dinger wirken wie mit Brillanten besetzte Schlagringe. Auch Apple-watches haben was Klobiges, auch wenn der Träger sich besonders nah am Puls der Zeit wähnen dürfte. Aber Zeitgemäßheit und Eleganz müssen sich nicht unbedingt entsprechen. Wir sind ganz froh, dass die Uhren der niedersächsischen Kabinettsmitglieder sich durch dezente Unauffälligkeit auszeichnen. Auch wenn wir uns etwa Wissenschaftsminister Björn Thümler gut neben einer biedermeierlichen Standuhr vorstellen könnten. Aber das passt nicht hierhin, denn Thümler ist kein Sozialdemokrat und eine Standuhr trägt man nicht am Arm.

Ein wenig anders ticken die Uhren im niedersächsischen Landtag, wenn über Themen diskutiert wird, bei denen der Niedersachse zu sich selbst kommt. Wenn‘s um den Wolf geht oder die Nutrias, „auch Biberratte, Sumpfbiber oder Schweifbiber genannt“, wie der CDU-Abgeordnete Dorendorf höchst lehrreich ausführte. Dann geht‘s um „Muttertierschutz“, den man nicht einfach aufgeben könne und um Biberratten, die einfach schlau sind. Höchst lehrreich solche Debatten, in denen man erfahren kann, dass die Mütter unter den Biberratten kaum zu erkennen seien, da deren Zitzen tief im Fell säßen. Und wer auf die Idee käme, bei einer mit einer Falle gefangenen Nutria nachzufassen, den warnt der Abgeordnete Dorendorf: „Ich sage Ihnen, die Zähne der Nutria sind scharf.“ Rattenscharf sozusagen.

Übrigens zählen die Biberratten zu der in Niedersachsen immer dominanter auftretenden Spezies der „Wildpinkler“, denen man in den Städten dieses wunderbaren Bundeslandes mit öffentlichen Urinalen beikommen will, wo doch die bürgerliche Erziehung versagte. Im Kampf gegen die wilde Pinkelei schreckte die Deutsche Bahn jetzt sogar vor dem Äußersten nicht zurück – und verstieß in Cloppenburg gegen den Denkmalschutz, weil sie einen stillgelegten Fußgängertunnel mit Beton verfüllte. Doch die Stadt stoppte die Verfüllung des „Pinkeltunnels“, weil die Bahn angeblich ein Kulturdenkmal zerstört habe. So kann‘s kommen.

Von Michael B. Berger