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Zur Person: Christian Wulff Christian Wulffs mühsamer Weg zum Bundespräsidenten
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08:41 01.07.2010
Ende gut, alles gut? Angela Merkel und Christian Wulff am Mittwochabend in Berlin. Quelle: dpa

Im dritten Wahlgang indessen, nach rund neun Stunden, kam Wulff auf 625 Stimmen. Damit erreichte Wulff die absolute Mehrheit der Stimmen in einer Phase, in der sie rechtlich schon gar nicht mehr nötig gewesen wäre: Im dritten Wahlgang hätte schon eine relative Mehrheit ausgereicht.

In Durchgang eins fehlten dem niedersächsischen Ministerpräsidenten mindestens 44 Stimmen aus dem Lager von Union und FDP, im zweiten mindestens 29. Die anfänglich sehr hohe Zahl der Abweichler bei Union und FDP gilt als Denkzettel für die Koalitionsspitze und besonders für Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Kandidaten Wulff durchgesetzt hatte.

Merkel rief die Union in einem dramatischen Appell dazu auf, den Koalitionskandidaten im dritten Wahlgang mit klarer Mehrheit zu wählen. „Ich habe eine herzliche Bitte: Lassen Sie uns im dritten Wahlgang ein kraftvolles Zeichen setzen“, sagte die CDU-Vorsitzende nach Angaben von Teilnehmern einer Sitzung der Unionsfraktion. Unter Anspielung auf die WM-Begegnungen der deutschen Fußball-Nationalelf sagte sie: „Wir haben jetzt das Serbien-Spiel gehabt, jetzt kommt das England-Spiel. Lasst uns das richtig machen!“

Niedersachsens designierter neuer Ministerpräsident David McAllister sagte am Abend im ARD-Fernsehen, er sei „erstaunt“ über die Haltung vieler Delegierter von Union und FDP, die offenbar zu Beginn der Sitzung Denkzettel verteilen wollten. Wenn es etwa um das Erscheinungsbild der schwarz-gelben Bundesregierung gehe, müsse darüber in der Partei und in der Bundestagsfraktion offen geredet werden. Für die Äußerung eines diffusen Missmuts sei jedoch die Bundesversammlung „der falsche Ort“.

Der scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch soll in letzter Minute eindringlich an die Delegierten der Union appelliert haben, „die Strategie von Rot-Rot-Grün zu durchkreuzen“, die darauf ziele, Gauck im dritten Wahlgang in einem Zusammenspiel von SPD, Grünen und Linkspartei durchzusetzen. Linksfraktionschef Gregor Gysi hatte die Abstimmung im letzten Wahlgang freigegeben.

Die Kandidatin der Linken, die langjährige hessische ARD-Journalistin Luc Jochimsen, trat im dritten Wahlgang nicht mehr an. Dies beförderte Spekulationen, nunmehr werde die Linkspartei zu großen Teilen für Gauck stimmen – ein Gedanke, der offenbar Union und FDP am Ende wieder enger zusammenrücken ließ. Tatsächlich flüchteten sich offenbar die allermeisten Abgeordneten der Linkspartei in die Enthaltung. Auch Gysi hatte zuvor noch einmal betont, dass aus seiner Sicht „selbstverständlich beide konservative Kandidaten für uns nicht wählbar sind“.

CDU-Chefin Angela Merkel, FDP-Chef Guido Westerwelle und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer betonten am Abend, Wulff sei zwar erst im dritten Wahlgang gewählt worden, stütze sich jedoch auf eine absolute Mehrheit.
Wulff selbst vermied in einer kleinen ersten Rede nach der Wahl Gesten des Triumphs. „Ich denke, das ist eine Abstimmung gewesen in freier und geheimer Wahl, wie es in den letzten Wochen auch zu Recht immer wieder eingefordert wurde“, sagte Wulff.

Besonderen Respekt zollte Wulff denen, die eine andere Wahlentscheidung getroffen haben. Er sei überzeugt, dass es auch mit ihnen zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit kommen wird. „Ich jedenfalls werde mich sehr bemühen, auch vielen ihrer Erwartungen gerecht zu werden.“ Wulff betonte, er danke vor allem Gauck für diesen fairen Wettstreit, wie wir ihn erlebt haben. Direkt an Gauck gewandt sagte er: „Ich habe Sie noch mehr schätzen gelernt.“ Gauck zeigte sich von den Worten Wulffs angenehm berührt. Wulff fügte hinzu: „Ob die Linke, die Sozialdemokraten, die Grünen, die Liberalen, die Christsozialen, die Christdemokraten - wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für unser Land.“

Reinhard Urschel und Michael M. Grüter

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