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Zur Person: Christian Wulff Erste Anfrage an Wulff, Medien favorisierten von der Leyen
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22:43 04.06.2010
Von Matthias Koch
„Man kann es auch positiv sehen, es gibt jedenfalls Schlimmeres“: Von der Leyen und Wulff am Freitag nach einer CDU-Landesvorstandssitzung in Hannover. Quelle: dpa
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Im Bundeskanzleramt kam am Freitag nach vielen wirren Tagen erstmals wieder ein Gefühl allmählicher Entspannung auf. Mit Blick auf die Chefin im Haus sagte eine Mitarbeiterin, bevor sie sich seufzend ins Wochenende verabschiedete: „Sie ist und bleibt unser Albatros – sie landet immer irgendwie, aber schön sieht es nicht aus.“

Diese Woche gab es mal wieder eine unelegante Stolperei. Zwar verkündete Angela Merkel bereits am Donnerstag, wer der Nachfolger des am Montag überraschend zurückgetretenen Bundespräsidenten sein soll. Doch für die unterm Strich schnelle Problemlösung konnte sie öffentlich kaum Punkte sammeln, denn es gab eine irritierende Zwischenphase: Am Dienstag und am Mittwoch wurde in sämtlichen Medien Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen als Favoritin der Kanzlerin dargestellt – fast so, als sei die Entscheidung schon gefallen.

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Wie kam es zu dem Hin und Her? Gab es Missverständnisse? Lag es an der Eigendynamik der Medienwelt? War Absicht im Spiel? Fest steht: Alle Beteiligten haben ein paar Schrammen abbekommen.

Von der Leyen muss damit leben, dass aller Welt die Beschränkung ihrer Macht vor Augen geführt wurde. Einmal mehr sieht sich von der Leyen durch ihre Entdecker und Schöpfer, Wulff und Merkel, zurückgeworfen auf ihren Status als politische Kreatur, über deren Wohl und Wehe letztlich andere entscheiden.

Wulff wiederum muss es aushalten, dass die Medien zwei Tage lang schon landauf, landab große Sympathie für von der Leyen geäußert hatten, bevor er auf die Bühne trat. Seine Kandidatur erscheint vielen Kommentatoren als die weniger strahlende Lösung. Laut „Spiegel online“ etwa ist jetzt der „Geht-so-Kandidat“ am Start.

Den wohl stärksten Schaden hat Merkel selbst. Sie muss sich nachsagen lassen, sie habe von der Leyen gewollt und dann Wulff hinnehmen müssen. „Merkel hat offensichtlich auf Frau von der Leyen gesetzt und ist in der eigenen Partei auf harten Widerstand gestoßen“, höhnt SPD-Vize Olaf Scholz. „Sie hat sich nicht durchgesetzt.“

Aber stimmt diese Deutung wirklich? Zum wahren Ablauf der vergangenen Tage vorzudringen, ist schwer. Die Schilderungen, die auf der CDU-Führungsebene kursieren, sind in vielen Punkten unterschiedlich, je nach der Nähe zu dem Lager Wulffs, Merkels oder von der Leyens. In anderen Punkten aber stimmen sie überein. Danach hat Merkel Wulff bereits am Montag kurz auf die Köhler-Nachfolge angesprochen und sich mit ihm zu einem Abendessen am Dienstag in Berlin verabredet, „um nicht die Frage der Nominierung des künftigen Staatsoberhaupts am Telefon zu behandeln“. Bei dem Essen wurde unter anderem der Gedanke erörtert, dass ein neuer Bundespräsident zu einem gefühlten Neustart von Schwarz-Gelb beitragen könne. Wulff zeigte sich, der Erwartung Merkels entsprechend, offen für den Wechsel nach Berlin, bat sich aber einen Tag Bedenkzeit aus. Am Mittwochabend rief er Merkel an und sagte zu. Sofort wurde das Kanzleramt aktiv und streute die Warnung an die Medien, man solle Wulff nicht abhaken, nur weil jetzt so viel von von der Leyen die Rede sei. Am

Donnerstagmorgen wurde in den Medien nach und nach Wulff sogar als Favorit ausgerufen, nach abschließenden Beratungen in internen Zirkeln gab Merkel dieses Ergebnis um 19.30 Uhr öffentlich bekannt.

Von der Leyen hatte in der gesamten Zwischenzeit den Status einer Auffanglösung für den Fall, dass Wulff absagt – nicht mehr und nicht weniger. Erstmals genannt wurde die Option von der Leyen in einer Dreierrunde mit Merkel und den Parteichefs Horst Seehofer (CSU) und Guido Westerwelle (FDP). Seehofer soll der Erste gewesen sein, der von der Leyen erwähnte, allerdings nur im Zusammenhang mit weiteren Namen. Unklar bleibt, wie Merkel mit von der Leyen genau verblieben war. Die Arbeitsministerin bekam jedenfalls weder am Dienstag noch am Mittwoch das Signal, dass sie es nicht werden könne. Im Gegenteil: Am Dienstag meldete die Marktführerin bei Meldungen aller Art, die Deutsche Presse-Agentur (dpa), von der Leyen sei in der engsten Auswahl. Noch am Mittwoch verschickte dpa sogar Heiko-von-der-Leyen-Porträts, um Zeitungsredaktionen bundesweit über den Ehemann der angehenden Bundespräsidentin zu unterrichten. „Das war wie ein Wirbelsturm, der sich um sich selbst dreht“, sagt ein Merkel-Mann. Andere streuen den Verdacht, die Kanzlerin habe die Sache auf Kosten von der Leyens und Wulffs eine Weile laufen lassen, um beiden zu zeigen, wer letztlich die Fäden in der Hand hat.

Die Public-Relations-Schäden für alle drei erschienen am Freitagabend, im milden Licht eines nahenden sommerlichen Wochenendes, schon nicht mehr ganz so gravierend. Wulff freute sich, Staatsoberhaupt werden zu können; er ist nun endlich am Ziel. Von der Leyen freute sich, dass sie fürs höchste Staatsamt nicht nur von der Koalitionsführung, sondern auch quer durch die Republik für tauglich befunden wurde, zwei ganze Tage lang. „Man kann es auch positiv sehen, es gibt jedenfalls Schlimmeres“, hieß es in ihrem Umfeld. Und Merkel? Die hat ihren Rivalen Wulff in einen goldenen Käfig gesetzt. Vor Vertrauten betonte sie erneut die Fernsichtperspektive. Was in der Zeitung des nächsten Tages stehe, sei nicht so wichtig. Die gesamte Regierung müsse sich darauf einstellen, dass es für sie in der Außenwahrnehmung sogar noch schlimmer kommen könne, bevor es wieder besser werde. Anfang der kommenden Woche will Merkel das Sparpaket bekannt geben. Sie richtet sich auf einen Sturm der Entrüstung ein, erwartet aber auch, dass sich der Eindruck der innenpolitischen Führungslosigkeit zerstreuen werde. An wieder kletternde Zustimmungswerte denkt man im Kanzleramt erst „zur Jahreswende hin“. Offenbar stehen noch viele Landungen an, bei denen nicht auf Schönheit geachtet wird.

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