Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Zur Person: Christian Wulff Wulff will als Brückenbauer nach Berlin
Nachrichten Politik Themen Archiv Zur Person: Christian Wulff Wulff will als Brückenbauer nach Berlin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:33 25.06.2010
„Auf gelassene Weise eingewoben in die christliche Gemeinschaft“: Der strenge Pflichtmensch Christian Wulff ist mit wachsender Lebenserfahrung gelassener geworden.dp Quelle: dpa
Anzeige

Kürzlich veröffentlichte eine Wochenzeitung bei der Frage nach den ästhetischen Vorlieben des möglichen künftigen Bundespräsidenten eine kleine Stilkunde. Sie arbeitete heraus, dass der Kandidat Christian Wulff gepflegte Anzüge von der Stange bevorzuge, bei Hemden eher zu mittelteuren Modellen greife, insgesamt auf ein eher zurückhaltend konservatives Äußeres Wert lege. Nur die Frage nach der Marke von Wulffs Armbanduhr konnte die Wochenzeitung nicht beantworten. Das sei reine „Privatsache“, entgegnete Staatssekretär Olaf Glaeseker, der zu den intimsten Kennern des potenziellen Bundespräsidenten zählt.

Glaesekers Zurückhaltung ist gewiss in Wulffs Vorsicht begründet, bloß keinen Neid erregen zu wollen. Immerhin: Zumindest am Handgelenk fällt der vermeintlich so spröde Niedersachse aus der selbstgewählten Rolle des Unauffälligen, wie die „Financial Times Deutschland“ vor etlichen Monaten in einem Artikel über „Die Uhren der Macht“ notierte. Wulff trägt eine edle Uhr, eine Rolex Oyster Cosmograph Daytona Stahl, „gekauft im Jahre 1978 für 825 Deutsche Mark“, Angela Merkel übrigens eine Boccia Titanium für 89 Euro.

Anzeige

Daraus ist nun nicht zu schließen, wie die beiden Mächtigen wirklich ticken, die bei dieser Bundespräsidentenwahl die entscheidenden Rollen spielen. Aber in diesen Tagen, in denen meist höchst Vernünftiges über Christian Wulff geäußert, gesendet und geschrieben wird, erscheint die eher nebensächliche Extravaganz nicht ohne Bedeutung. Zeigt sie doch, dass bereits der damals zum Bundesvorsitzenden der Schüler-Union gewählte 19 Jahre alte Christian Walter Wulff, damals gerne als junger Wilder beschrieben, eine Vorliebe für noblen Handschmuck hatte.

Wer nur ein wenig in den Biografien über Wulff gelesen oder selbst von ihm gehört hat, wird daraus schwerlich Neidgefühle entwickeln wollen. Denn die Jugend dieses Christdemokraten muss hart gewesen sein, geprägt von Pflichten, die keineswegs jeder in jungen Tagen abzuleisten hat. Christian Wulff, mehr oder minder vaterlos aufgewachsen, musste sich um seine Mutter kümmern, die an multipler Sklerose erkrankt war. Die Ausflüge aufs politische Parkett, das er zuerst als Bundesvorsitzender der Schüler-Union und später als Bundesvorstandsmitglied der Jungen Union betrat, könnten sogar als kleine Fluchten einer eingeschränkten Jugendzeit erscheinen. Wegen seiner kranken Mutter wird der spätere Jurastudent vom Wehrdienst freigestellt.

Wulff wächst in Osnabrück politisch in einem Milieu heran, das auch als „Remmers-CDU“ bezeichnet wird (nach dem früheren Umweltminister Werner Remmers). Es ist ein von der katholischen Soziallehre geprägter Konservatismus, der ebenso stark auf Selbsthilfe setzte wie auf Abgrenzung gegenüber dem völlig säkularisierten, „evangelischen Lager“.

Mittlerweile sind diese Lager geschleift, auch eine Folge der Entkirchlichung der Gesellschaft. „Er ist kein traditionell Konservativer, auch wenn er eine relativ konservative Auffassung vom Staat hat“, sagt Wulffs langjähriger Mitstreiter in Niedersachsens Landesregierung, der frühere Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP). Aber auf die oft geschmähten Sekundärtugenden wie „Fleiß, Verbindlichkeit, Pünktlichkeit“ lege er großen Wert. „Vielleicht hat auch die schwere Kindheit zu dem überaus entwickelten Pflichtgefühl geführt“, sagt Hirche.

Auf das wirklich besondere Maß an Pflichtgefühl hebt auch David McAllister ab, CDU-Landesvorsitzender und potenzieller Nachfolger: „Wer Christian Wulff einmal auf einer Auslandsreise begleitet hat, weiß, was ich meine.“

Als ernster Pflichtmensch, ja zuweilen als Bußprediger trat Christian Wulff in den Jahren nach 1994 als Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag in Erscheinung. Am dominanten und lebensfrohen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder rieb er sich immer wieder ab, um den einstmals verschmähten Gegner später in Vielem zu kopieren. Zweimal verlor Wulff krachend Wahlen gegen Schröder, musste sich im Landtag viel Spott gefallen lassen, bis er 2003 im dritten Anlauf die Wahl in Niedersachsen gewann. 48,3 Prozent der Stimmen kassierte die CDU damals ein, als Rot-Grün in Berlin regierte.

„Wir nehmen für uns in Anspruch, als Entscheider angetreten und als Entscheider gewählt worden zu sein, und deshalb werden wir auch Entscheider sein, wenn wir auch manchen dadurch verunsichern mögen, dass wir das, was in unserem Wahlprogramm stand, nach der Wahl auch tatsächlich tun“, hielt Wulff damals in „Wir“-Form fest – und in einem merkwürdig geschraubten Satz. Tatsächlich trat der Ministerpräsident, der damals wesentlich unsicherer wirkte als heute, als entschlossener Reformer auf.

Mit einem Federstrich schaffte er mit den Bezirksregierungen eine gesamte Verwaltungsebene ab. „Die Reform hat er allerdings nicht zu Ende geführt, sondern uns eine ziemliche Baustelle hinterlassen“, moniert der Grüne Stefan Wenzel, der anfangs Wulffs Entschlossenheit noch gut fand. Unverkrampft machte sich Wulffs CDU-FDP-Regierung auch an andere Tabus heran und schaffte sowohl die Lernmittelfreiheit wie die Orientierungsstufen an den Schulen ab, was die SPD ihm noch heute verübelt. „In der Schulpolitik ist er ein konservativer Ideologe geblieben“, meint SPD-Landtagsfraktionschef Stefan Schostock. Entschlossen straffte Wulff mit seinem Minister Hartmut Möllring in der ersten Regierungsperiode auch die Landesfinanzen und führte bei Kabinettssitzungen eine Art Brötchengeld ein. Die VW-Affäre nutzte Wulff zu einer harten Auseinandersetzung mit der IG Metall, die er zeitweise wie ein feindliches Lager betrachtete. Im industriepolitischen Kampf zwischen Porsche und VW um die Vorherrschaft im Konzern verbündete sich der Ministerpräsident indes zum rechten Zeitpunkt mit dem heimlichen Konzernherrscher Ferdinand Piëch, dessen Modellpolitik er noch als junger Ministerpräsident in Hintergrundrunden gegeißelt hatte. „Immer dann, wenn die Realität ihm entgegenrauschte, hat er nachreguliert“, meint Schostock. Er hält Wulff für einen „konservativen Pragmatiker“, der viel stärker in Lagertheorien denke, als dass er vorgebe. „In Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik hat Christian Wulff eher liberale Ansichten, was die Werte angeht eher konservative Züge“, meint demgegenüber Wulffs politischer Freund David McAllister.

Der Ministerpräsident sei jedenfalls in vielen Dingen milder geworden, heißt es etwa in Bezug auf seine zweite Ehe mit der 14 Jahre jüngeren Medienreferentin Bettina Körner (jetzt Wulff). Die hatte er 2006 kennen- und lieben gelernt, als seine Ehe mit Christiane Wulff nach 18 Jahren auseinander gegangen war. In verschiedenen Ozeanen habe man navigiert, sagte Wulff damals. Die neue Frau Bettina brachte aus einer früheren Beziehung einen Sohn in die neue Ehe mit, sodass sich die Wulffs heute als Patchwork-Familie präsentieren. Durch geschickte Medienarbeit seines Beraters Glaeseker (und dank einer toleranteren Öffentlichkeit) nahm das Image des einst als Schwiegermutters Liebling erscheinenden Christdemokraten keinen Schaden.

Der einst als sehr katholisch geltende Wulff fühlt sich heute nach eigenem Bekunden „auf gelassene Weise eingewoben in die christliche Gemeinschaft“, wie er gestern im „Rheinischen Merkur“ offenbarte. Dort sprach sich Wulff übrigens gegen Sterbehilfe und für Sterbebegleitung sowie für eine medizinische Forschung mit adulten Stammzellen aus.

So ist die Frage, wofür Christian Wulff, der Noch-CDU-Mann, eigentlich steht, schwer zu beantworten. „Bei jedem Politiker gibt es Schnittmengen in die eine oder andere Richtung, das changiert“, sagt der FDP-Altvordere Walter Hirche. Die Opposition im Landtag kommentierte die Frage nach Wulffs Standort kürzlich mit einem Bestsellertitel: „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“

Michael B. Berger

Mehr zum Thema

Er ist ein Wanderprediger der Demokratie: Joachim Gauck setzt im Wettstreit um das Bundespräsidentenamt auf Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit – und die Pflicht zum Handeln.

24.06.2010

Christian Wulff will die Bundespräsidentenwahl nicht mit dem Schicksal der Koalition verknüpft sehen. Er weiß aber, dass es in der Öffentlichkeit am 30. Juni darauf hinausläuft. Wulff wirft den Medien vor, die Sympathien für Joachim Gauck zu sehr ins Zentrum zu stellen.

21.06.2010

Der Kandidat von Union und FDP für das Amt des Bundespräsidenten, Christian Wulff (CDU), hat die Medien für den Umgang mit seiner Kandidatur kritisiert. Dabei bezog er sich auf die möglichen Gegenstimmen aus dem schwarz-gelben Lager.

21.06.2010