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Zur Person: Margot Käßmann Die nächtliche Torheit lässt Käßmann leiden
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10:17 24.02.2010
„Ein offenes Buch“: Margot Käßmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, in ihrer Wohnung in Hannover. Quelle: Ralf Decker (Archivbild)
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Es ist ein eigenartiger Dienstag in Hannover, ein Tag mit einem Loch in der Mitte. An diesem Tag schauen alle in dieselbe Richtung, nur dass dort, wohin sie blicken, nichts ist. Eine Leere, die jeder mit Vermutungen füllt, mit Kommentaren, besorgten wie hämischen, und mit Gedanken. Die Frau jedoch, um die es an diesem Tag geht: Sie zeigt sich nicht.

Nur so ist zu erklären, dass die Worte eines hannoverschen Pastors eine besondere Bedeutung erlangen, der die Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Montag noch gesehen haben will. „Mann, sah die schlecht aus“, habe er bei sich gedacht, „angestrengt, kaputt, ein wenig abwesend.“ Ganz anders als sonst also. Ein Wunder wäre das nicht. Margot Käßmann wusste ja, was kommen würde. „1,3 Promille: Bischöfin Käßmann betrunken am Steuer“, lautete die Schlagzeile der Bild-Zeitung am Dienstagmorgen. Am späten Vormittag korrigiert ein Staatsanwalt in Hannover dann die Meldung. Die Nachricht stimmt so nicht. Margot Käßmann hat sich nicht mit 1,3 Promille ans Steuer gesetzt. Es waren 1,54 Promille.

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Das ist eine sehr, sehr ungünstige Auskunft über jemanden, dessen Kapital die Glaubwürdigkeit und dessen Rolle nicht zuletzt die eines Vorbildes ist. Es ist sicher der größte Fehler, den Margot Käßmann in ihrer Karriere begangen hat. Umso auffälliger, ja umso lauter ist ihr Schweigen, ihre Beschränkung auf einige dürre bedauernde Sätze, die die Pressestelle der EKD am frühen Morgen verbreitet und die ihr Erschrecken über sich selbst ausdrücken. Man kann ihre Zurückhaltung nicht anders deuten denn als Zeichen einer tiefen Verunsicherung, einer Ratlosigkeit, wie sie mit diesem Sturm umgehen, ob sie sich ihm stellen oder ob sie zurücktreten soll. Schließlich hat Margot Käßmann nie geschwiegen, auch nicht in Situationen, in denen ihr andere längst zum Schweigen geraten haben. Ihr Reden, ihre geradezu entwaffnende Offenheit sind eigentlich ihr Markenzeichen.

Dafür reden andere umso mehr, auch wenn sie dies an diesem Tag nur ungern unter ihrem Namen tun. „Da bin selbst ich sprachlos“, gesteht ein Bischof, der sonst keineswegs sprachlos ist, während andere vor lauter Peinlichkeit am liebsten im Boden verkriechen wollen. „Es gibt viele Leute, denen so etwas passiert. Auch unter Pastoren geschieht so etwas. Ich zitiere nur Johannes 8: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, sagt ein hoher Kirchenmann. Die Frage sei nur: „Kann sie ihr Amt als EKD-Ratsvorsitzende ausüben, ohne ständig von diesem Vorwurf der Trunkenheitsfahrt eingeholt zu werden?“

Nach Steinewerfen ist den meisten führenden Protestanten an diesem Dienstag jedenfalls nicht zumute. Keiner aus der ersten Reihe der EKD will sich öffentlich zum Fall Käßmann äußern, der gestern die Nachrichten beherrschte. Und in der EKD-Zentrale hängen Fragesteller erst einmal in der Warteschleife und hören wie zum Hohn „Freude, schöner Götterfunken“ – Beethovens „Ode an die Freude“ –, während die Presseleute in Krisensitzungen beraten, was jetzt zu tun ist und die Fragesteller mit der knappen Erklärung Käßmanns bedienen. Die beriet sich am Vormittag selbst mit ihren Leuten in der hannoverschen Landeskirche – ein Zufall, denn am Dienstag tagt immer „das Kolleg“ im Landeskirchenamt.

Um die Bischöfin jetzt nicht den Fragen der Medien auszusetzen, werden vorsorglich erst einmal alle Auftritte abgesagt. Man will das Problem, das auch ein Glaubwürdigkeitsproblem ist, jetzt nicht selbst noch größer machen. „Mit so etwas habe ich nun überhaupt nicht gerechnet“, sagte Jörn Suborg, neuer Vorsitzender des Landessynodalausschusses, eines Schlüsselgremiums in der hannoverschen Landeskirche. Er hat die Botschaft über Käßmann, die er sehr schätzt, mit Erschrecken registriert. „Das ist ohne Zweifel eine ernsthafte Verfehlung“, sagt Maria Flachsbarth, Kirchenbeauftragte der Union. Doch seien auch Bischöfe eben nur Menschen, die aber die Möglichkeit hätten, Untaten zu bereuen. Man sollte die Trunkenheitsfahrt nicht bagatellisieren: „Aber mit diesem einmaligen Fehltritt ist die Autorität des Amtes nicht beschädigt.“

Allerdings fragen sich manche auch, ob die ebenso lebensfrohe wie streitbare Bischöfin jetzt nicht den Bogen überspannt habe. „Es ist ein bißchen viel, was da in letzter Zeit zusammenkommt“, sagt ein Kirchenexperte, der Käßmann alles Gute wünscht, aber sich doch sorgt, wie sie ihr Amt unbeschadet weiter führen kann. „Wenn jemand so stark die eigene Person als Botschaft herausstreicht, wie Margot Käßmann es getan hat, geht sie bei solchen leichtsinnigen Touren ein hohes Risiko ein“, sagt der Kirchenmann, der wie viele andere ungenannt bleiben will. „Ein offenes Buch“, so nennen Freunde sie manchmal, weil man ihr so leicht ansieht, was sie denkt, wie sie sich fühlt. Kritiker haben darin immer nur die große Verletzbarkeit gesehen, eine Schwäche in der von rüden Kämpfen weiß Gott nicht freien Kirchenwelt, aber wahrscheinlich verdankt sie ihrer Offenheit einen großen Teil ihres Erfolgs.

Als Käßmann über ihre Krebserkrankung berichtete oder später über die Scheidung von ihrem Mann, da sah man ihr das Leiden an. „Ich bin sehr zurückhaltend mit persönlichen Geschichten“, hat sie vor einigen Wochen in einem Interview gesagt. Die Menschen in den Kirchengemeinden, und wohl auch jene außerhalb der Gemeinden, hatten einen anderen Eindruck. Sie kannten ihre Bischöfin, zumindest glaubten sie das. Die Kindheit in Stadtallendorf, die Tankstelle der Eltern, ihr Leben mit vier Kindern. Von zurückgehendem Zahnfleisch, erschlaffenden Brüsten und grauem Haar schrieb sie in ihrem Buch „In der Mitte des Lebens“. Viel offener ging es nicht.

Wahrscheinlich macht sie das jetzt zu einem so verlockenden Ziel für ihre Kritiker. Denn einerseits begründet diese Offenheit einen großen Teil ihres Aufstiegs. Als sie im vergangenen Jahr zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt wurde, da sehnten sich viele an der Kirchenbasis nach einem warmherzigen Gegenentwurf zum Intellektuellen Wolfgang Huber, ihrem Amtsvorgänger. Zugleich jedoch bemerkten manche Gläubige und Pastoren leicht irritiert die mediale Omnipräsenz gerade vor der Wahl.

Im Moment ihrer triumphalen Wahl zur Ratsvorsitzenden ist sie als öffentliche Person präsenter, als es allein durch ihr Amt begründet wäre. Eine Woge der Beliebtheit trägt sie an die Spitze der EKD. Zugleich jedoch wohnt solchen Augenblicken ein zutiefst ambivalentes Moment inne. Es ist, als schärfe der Jubel zugleich den Blick der Kritiker für die Fehler. Wer sich so preisgibt wie Margot Käßmann, wer so deutlich der Ehrlichkeit den Vorzug vor aller Taktik gibt, der bietet Angriffsfläche, und als sich die EKD-Ratsvorsitzende Ende vergangenen Jahres erst in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und später auch an anderer Stelle zur Lage in Afghanistan äußert, da sagt sie jene Sätze, die ihre Kritiker wie eine Einladung verstehen. „Nichts ist gut in Afghanistan“: Das war, in ihrer Neujahrspredigt in Dresden, die Formulierung, die den Sturm, den ersten, der in diesem Jahr über sie kam, entfachte. Dabei hatte Margot Käßmann eigentlich nichts anderes getan als all die Jahre als Landesbischöfin in Hannover. Sie hatte ausgesprochen, was viele Menschen denken, sie hatte beklagt, was sie als Missstand wahrnahm.

Es war vielleicht nicht sonderlich differenziert, was sie über die Situation in Kundus oder Kabul beizutragen wusste, aber es war auch nicht ungewöhnlich für eine Kirchenvertreterin. In Hannover hätte das allein sicher wenig Unruhe ausgelöst. Auf der neuen, der bundesweiten Bühne jedoch versammelte sich ein großer Chor der Kritiker, dessen Gesänge längst nicht nur von Sachlichkeit getragen waren. „Ach Mädchen, halt’ dich da raus“, so klangen einige der Kommentare. „Den Ton kenne ich, der ist nicht nicht neu für mich“, sagte sie über diese Anwürfe. Es waren andere Urteile, die sie schwerer trafen, jene aus dem eigenen Lager, zum Beispiel von dem Theologen Richard Schröder. Wenn dies die Position der EKD wäre, hatte der gesagt, „dann muss ich meine Exkommunikation beantragen“.

Man muss diese Vorgeschichte kennen, um zu ahnen, was jetzt in Margot Käßmann vorgehen mag, nach diesem Fehler in der Nacht zum Sonntag in Hannover. „Die Worte prallen auf mich ein“, hatte sie nach der Afghanistan-Debatte gesagt, noch erschrocken von der Heftigkeit der Diskussion, von der Schonungslosigkeit der Kritiker. Widerstände haben Käßmann noch nie geschreckt, auch 1999 nicht, als sie trotz teils diffamierender Gegenstimmen zur Bischöfin gewählt wurde. Dieser Sturm jedoch, der gestern eingesetzt hat, wird wohl weit heftiger wüten als der erste in diesem Jahr. Die kurze Fahrt mit ihrem Phaeton – sie wird sie sehr hartnäckig begleiten. Gestern hat Margot Käßmann alle Termine abgesagt. Sie sei zutiefst verunsichert, sagten Menschen in ihrer Nähe. Am Dienstag schwieg sie.

Irgendwann wird Margot Käßmann das tun müssen, wodurch sie so beliebt geworden ist. Sie wird reden müssen. Über sich. Manchmal, zum Ausgleich, joggt Margot Käßmann um den hannoverschen Maschsee. „Ich bin Ausdauerläuferin“, sagt sie, „und ich habe auch eine innere Ruhe.“ Beides wird sie brauchen können, egal, wofür sie sich entscheidet.

Michael B. Berger
Thorsten Fuchs