Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Promis Gibt es noch Freiheit in Putins Russland?
Nachrichten Promis Gibt es noch Freiheit in Putins Russland?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 27.05.2016
Lebt seit Kurzem in Bonn: Schanna Nemzowa, Tochter des ermordeten russischen Politikers Boris Nemzow, über ihr neues Leben in Deutschland und ihre Hoffnungen für Russland. Quelle: Imago
Anzeige

Frau Nemzowa, im Februar 2015 wurde Ihr Vater mitten in Moskau ermordet. Im August verließen Sie Russland und kamen nach Bonn. Sind Sie in Deutschland im Exil?
Ich fühle mich nicht wie eine Exilantin. Ich könnte problemlos nach Russland fahren, es gibt keine anhängigen Strafverfahren. Halt, es gibt eine formale Beschwerde: Ich soll bei einer Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an meinen Vater in Toronto teilgenommen haben – und dafür kann ich in Russland angeklagt werden, das ist deren Ernst! Also fahre ich nicht, denn ich weiß nicht, ob ich 100 Prozent sicher wäre in Russland. Immerhin bin ich jetzt die Gründerin der Boris-Nemzow-Stiftung und keine Privatperson. Zudem bin ich Teil der Untersuchung des Todes meines Vaters.

Haben Sie sich schon an Deutschland und an Bonn gewöhnt?
Ich habe mich in diese kleine Stadt Bonn verliebt. Jedenfalls fast. Ich bin hier wegen des Jobs hingezogen. Ich arbeite beim russischen Programm für das Fernsehen der Deutschen Welle. Zurzeit bin ich mit Interviews beschäftigt, das ist ein größeres Projekt. Ich habe ja auch schon in Moskau als TV-Journalistin gearbeitet. Ich reise viel für die Interviews, ich war in London, Paris, Brüssel. Ich bin Kosmopolitin, ich kann vergleichen. Bonn ist eine der besten Städte zum Leben. Bonn liegt perfekt. Hier ist das Herz Europas.

Anzeige

Wie war der Anfang in einem fremden Land?
Ich hatte ein sehr hartes Jahr und musste sehr viel in sehr kurzer Zeit erledigen. Ich musste mich in einem neuen Land zurechtfinden, in einer anderen Kultur zurechtfinden. Ich musste einen neuen Job anfangen, der ganz anders ist als mein Fernsehjob in Moskau. Ich habe meine Stiftung in Deutschland gegründet. Das war ganz schön kompliziert für mich, mit der deutschen Bürokratie umzugehen. Ich hatte ja auch keinerlei Erfahrung mit gemeinnützigen Stiftungen. Ich lerne Deutsch, aber ich mache noch sehr viele Fehler, deswegen führen wir das Interview auch auf Englisch. Aber gerade ist etwas sehr Gutes passiert: Wir hatten eine Redaktionskonferenz, und der Leiter der russischen Redaktion, Ingo Mannteufel, der perfekt Russisch spricht, meinte: "Heute machen wir die Konferenz auf Deutsch. Denn ich habe allen erzählt, wie schön Frau Nemzowas Deutsch ist. Also bitte." Ich habe immerhin 80 Prozent verstanden, und ich konnte auch etwas sagen, obwohl ich mich ziemlich gequält habe.

Was haben Sie mit Ihrer Stiftung vor?
Die Stiftung ist eingerichtet mit einem Teil des Preisgelds des Lech-Walesa-Preises, den ich im vergangenen Jahr bekommen habe. Wir haben zudem zusätzliches Stiftungskapital eingeworben. Am 12. Juni, dem "Tag Russlands", werden wir in Bonn den Boris-Nemzow-Preis für Courage verleihen. Dazu gehört ein Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro. Die in Russland inhaftierte ukrainische Pilotin Nadja Sawtschenko steht auf der Liste, und der Anti-Korruptions-Kämpfer Alexei Nawalny.

In Ihrem Buch "Russland wachrütteln" schreiben Sie, in Russland gebe es nur noch Angst, und nach dem Tod Ihres Vaters keine einigende Figur in der Opposition mehr.
Es gibt keine Massenproteste in Russland – außer zum Todestag meines Vaters, da gab es 40 Kundgebungen überall in Russland und auch im Ausland. Aber sonst? Die Angst regiert, und ein Anführer fehlt, der die Unzufriedenen vereinigen könnte. Das Leben in Russland ist zurzeit wie das Leben in einem Sumpf. Die Lage ist schlecht, aber nicht so schlecht, dass man untergeht. Es kann noch sehr lange so weitergehen.

Auch nach Putin?
Ich glaube nicht, dass Putin schnell seine Macht verliert. Das meine ich mit dem Sumpf. Es kann noch jahrelang so weitergehen. Wie in den Jahren der Stagnation bei Breschnew. Die Regierung ist korrupt und kriminell, sie hat keine Vorstellung von einer Zukunft für Russland. Und die Leute haben ebenfalls keine Vorstellung davon. Diese Atmosphäre der Stagnation ist keine gute Voraussetzung, Dinge in Russland voranzutreiben. Für Leute, die etwas bewegen wollen, gibt es kaum Freiräume.

Nach der Falschmeldung um die angeblich vergewaltigte 13-jährige Lisa in Berlin-Marzahn war Anfang des Jahres viel vom russischen Informationskrieg gegen den Westen die Rede. Wer soll damit erreicht werden? Die Menschen in Russland? Oder russischsprachige Bürger im Westen?
Die Hauptzielgruppe sind die Russen zu Hause. Russlanddeutsche und Russen, die in Deutschland leben, sehen zwar russische Sender, aber eben auch deutsches Fernsehen. Und daher kennen sie die Realität. Ihnen kann man nicht so schnell etwas vormachen.

Aber sie waren schnell zu mobilisieren, wie wir im Januar gesehen haben.
Das war doch wenig! 2000 Leute in ganz Deutschland sind damals auf die Straße gegangen. Das haben die deutschen Medien übertrieben dargestellt. Natürlich versucht Putin, die Europäische Union zu schwächen. Aber die Schwäche der EU geht doch nicht auf Putin zurück! Natürlich unterstützt er europakritische Parteien. In einigen Ländern mag er damit gewissen Einfluss haben, aber in Deutschland kaum.

Immer wieder gibt es Berichte oder zumindest Vermutungen, dass Putin rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien im Westen unterstützt. Ist das eine Strategie des Kremls?
Natürlich ist es möglich, dass solche Parteien von Russland finanziert werden. Das wäre in vielen Ländern noch nicht einmal illegal. Ja, es gibt einige Putin-Unterstützer in Deutschland. Aber wollen die jemanden wie Putin als Kanzler? Ich glaube nicht!

Ich glaube, es gibt bei vielen, die so denken, diese nostalgische Sehnsucht nach einem Land, in dem Frauen noch Frauen sind, Männer noch Männer und Glühbirnen noch Glühbirnen. Das war jetzt sehr sarkastisch ...
Aber wenn wir mal ernst sind: Russland ist kein starkes Land mehr. Es ist schwach. Seine Wirtschaft ist schwach, seine Forschung ist schwach, seine Schulen sind schlecht. Es hat nur noch seine Waffen und es hat die Opferbereitschaft der Russen. Das ist furchtbar! Putin kann Soldaten nach Syrien schicken, in die Ostukraine, und wenn sie dort sterben, gibt es keine Diskussion, weil es keine freien Medien gibt. Ich habe Putins Politik gespürt. Er unterstützt immer noch Ramzan Kadyrow, den mutmaßlichen Mörder von Anna Politkowskaja und meinem Vater. Ich verstehe Putin nicht. Hat er Ziele? Hat er eine Vision von Russlands Zukunft? Für mich sieht es oft so aus, als sei sein einziges Ziel der Machterhalt. Will Putin Herrscher auf Lebenszeit sein? Und wenn ja, was will er darüber hinaus? Mein Vater hat viele Dinge für Russland getan. Aber was macht Putin? Das Land hat die Ära der hohen Ölpreise überhaupt nicht genutzt. Und der Anschluss der Krim war ein Riesenfehler.

Sie waren auch in Putins Russland Journalistin. Gibt es dort noch Pressefreiheit?
Die Nischen werden immer kleiner. Gerade mussten die drei Chefredakteure der RBK-Mediengruppe gehen, der Firma, für die auch ich gearbeitet habe. RBK hat kritischen investigativen Journalismus betrieben, hat über Auslandskonten der Machtelite berichtet und über das Vermögen von Putins mutmaßlicher Tochter. Bereits jetzt kann Putin ungestraft Lügen in die Welt setzen. Nur die sozialen Medien und einige wenige unabhängige Journalisten halten dagegen, aber die breite russische Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit. Sie hat nur noch die Propaganda ihres Präsidenten.

Welche Wirkung haben die Sanktionen auf Russland?
Ich bin gegen die Sanktionen, denn sie treffen alle russischen Bürger. Und die russischen Gegensanktionen treffen die russischen Bürger noch viel stärker. Sie haben die Inflation angeheizt. Importe mit heimischen Produkten zu ersetzen, hat nicht funktioniert – aus einem einfachen Grund: Niemand investiert, weil völlig unklar ist, wann die Importverbote wieder aufgehoben werden. Es gibt jetzt sogar einen Schwarzmarkt für Käse in Russland.

Sie haben Ihr Buch auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt und viel mit den Besuchern diskutiert. Wie wurden Sie in Deutschland aufgenommen?
Ich hatte erwartet, dass viele Russen zu meinen Lesungen kommen. Aber es waren hauptsächlich Deutsche da, etwa 80 Prozent der Besucher. Deutsche interessieren sich wirklich sehr für Russland. Was mich gefreut hat, waren die Besprechungen, die herausstellten, dass ich keine Abrechnung geschrieben habe, sondern eine nüchterne Analyse.

Wird es je ein unabhängiges Gerichtsverfahren gegen den oder die Mörder Ihres Vaters geben?
Natürlich. Direkt nach Putin. Er ist das einzige Hindernis für die Untersuchung.

Zur Person

Glückliche Tage: Schanna Nemzowa 2006 mit Vater Boris tanzend auf einer Hochzeit. Quelle: privat

Schanna Borissowna Nemzowa kommt fast pünktlich in das kleine Café in einer schmalen Seitenstraße in Bonn-Beuel, nur einen Steinwurf vom Rhein entfernt. Nach einem langen Arbeitstag bei der Deutschen Welle ist sie immer noch perfekt gestylt und ausnehmend höflich. Die 32-Jährige hat ein bewegendes, aber auch verwirrendes Buch geschrieben. "Russland wachrütteln" heißt es und vermischt ganz persönliche Erinnerungen an ihren im Februar 2015 ermordeten Vater Boris Nemzow mit einer Analyse des heutigen Russlands.

Verwirrend ist auch die Begegnung mit dieser Frau, die in einem Moment unsicher und mädchenhaft wirken kann, im nächsten geschäftsmäßig und erfahren, auch ein bisschen arrogant. Nemzowa ist in der Provinz aufgewachsen, als ihr Vater noch Gouverneur in Nischni Nowgorod war. Schanna Nemzowa ging auf eine normale Schule und schämte sich nach eigenen Worten, wenn sie mit dem Dienstwagen des Vaters dorthin chauffiert wurde. Sie stieg nicht vor dem Schultor, sondern um die Ecke in das Fahrzeug. Doch auch so wusste jeder, wie die Tochter des Gouverneurs zur Schule kam.

Dennoch waren die Jahre in der Provinz nichts im Vergleich zu ihrer Zeit in Moskau, als Boris Nemzow zum neuen Star der politischen Klasse unter Boris Jelzin wurde – und erst zum Kollegen, dann zum Konkurrenten und schließlich zum gefährlichsten innenpolitischen Gegner des neuen Präsidenten Wladimir Putin aufstieg. Nemzowa ging auf eine Moskauer Eliteschule, studierte Management und danach Jura. Sie heiratete den 15 Jahre älteren Banker Dmitri Stepanow. Die Ehe ist seit 2011 geschieden.

Gut angekommen im Exil

Schanna Nemzowa stieg in den Journalismus ein. Sie interviewte Politiker und Wirtschaftsexperten für den Sender RBK, den Ableger einer Wirtschaftszeitung. Auch den eigenen Vater interviewte sie – und in ihrem Buch schildert sie, wie es zunehmend schwieriger wurde, Prominente für Diskussionen mit Boris Nemzow vor die Kamera zu holen.

Der frühere Star und Anführer der neoliberalen "Union der rechten Kräfte" wurde in Putins Russland immer mehr zum Paria. Seine Tochter schreibt über gemeinsame Urlaube, über seinen Rat und sein politisches Gespür, das sie vermisst, für sich und für Russland. Und gleichzeitig wirkt sie unbeschwert und gut angekommen in einem Exil, das sie nicht als solches bezeichnen will. Sie hat Bonn zu ihrem Zuhause gemacht.

Sie hat mit ihrer Arbeit beim russischsprachigen Fernsehen der Deutschen Welle eine Plattform, um sich weiter mit Moskauer Politik zu beschäftigen. Und sie pflegt mit der im vergangenen Jahr gegründeten Boris-Nemzow-Stiftung das politische Erbe ihres Vaters. Am Schluss des Gesprächs besteht Nemzowa darauf, dem Reporter ein Taxi zu rufen. Schließlich ist Bonn ihre Stadt. Sie wiederholt den Straßennamen – Hermannstraße – dreimal, bis die Zentrale ihn verstanden hat. Höflich und hartnäckig. Ihr Akzent ist zu schön, um klischeehaft zu sein.

Promi-Talk Interview mit Schauspieler Omar Sy - Wie gemein muss ein Comedian sein?
Stefan Stosch 20.05.2016
Promi-Talk Interview mit Schauspielerin Nilam Farooq - Gibt es ein Leben nach Youtube?
14.05.2016
Promi-Talk Interview mit der Autorin Sibylle Lewitscharoff - Wären Sie gerne eine Heldin?
06.05.2016