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Promis Haben Sie ABBA-Platten verbrannt?
Nachrichten Promis Haben Sie ABBA-Platten verbrannt?
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10:23 18.12.2015
Kann sich auch ein Hosen-loses Leben vorstellen: Campino. Quelle: Paul Ripke
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Ist der Spaßpunk am Ende, Campino? Es gibt jetzt ungewöhnliche Projekte aus dem Haus der Toten Hosen wie Ihr Hörspiel "Peter und der Wolf in Hollywood". Was reizte Sie an Prokofjew?
Das ist eine unglaubliche Verbindung von Erzählung und Musik. Ich erinnere mich, dass ich mit Freunden als Kind vor dem Plattenspieler hing. Man spürte da förmlich das Anschleichen der Katze, die Macht des Wolfes und die Strenge des Großvaters. Lustigerweise ist diese Geschichte für mich immer Rock ’n’ Roll geblieben. Sie war nie uncool, egal ob sie nun von Peter Ustinov oder David Bowie erzählt wurde. Später kam mir "Peter und der Wolf" auch noch mal in der Schule unter – und sie haben es nicht geschafft, mir das madig zu machen. Für mich war bei der Anfrage für die Sprecherrolle entscheidend, ob die "Hollywood"-Version die Würde des Stücks wahren würde. Und das tut sie, der Kern bleibt unberührt.

Das neue Livealbum der Toten Hosen heißt nun "Entartete Musik". Die Band hat dazu vor zwei Jahren mit einem Orchester Konzerte mit Musik gegeben, die von den Nazis verfemt wurde. Schöne, intensive Musik ist das.
Das Urteil der Nazis ist rational oder ästhetisch nicht nachzuvollziehen. Da ging es nur um Herkunft: Wer hat die Werke geschaffen? Juden? Sinti, Roma? Kommunisten? – Und ab ins Feuer damit.

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Wie war es, als Punkrocker auf der Bühne mit dieser Musik umzugehen?
Die Songs aus der "Dreigroschenoper" gaben mir Sicherheit, die hatte ich ja schon 2006 in Berlin auf der Bühne gesungen. Schönbergs "Überlebender aus Warschau" musste dagegen oft geprobt werden, denn dieses schwierige Stück voller Wut und bedrohlicher Stimmung hätte leicht danebengehen können.

Die Nazi-Idee, Musik aus unliebsamer Quelle könne etwas Geheimes innewohnen, das den Hörer verdirbt, findet sich ja in den Jahrzehnten danach in den Wohnzimmertiraden der Väter gegen die "Hottentottenmusik" der Söhne wieder – gegen Elvis, Beatles, Punkrock.
Ja, eine interessante Parallele. Aber das war dann doch in unvergleichlich blasserer Version.

Wobei Punk ja auch ignorant war und viel von der vorher vorhandenen Rockmusik verdammt hat.
Für die Dauer eines Strohfeuers – ja. Da war Punk der Kontrapunkt zu den Hippies, zu Love and Peace. Das ist aber nur der erste Abschnitt in seiner Geschichte, danach verschwamm die Philosophie wieder kreativ mit anderen Genres. Und nach Punk und seinen Folgen sagte die nächste Generation: "Es reicht uns jetzt mit den Messages – Techno rules! Wir verweigern jede weitere Aussage."

Wie radikal waren Sie als Punk, Campino? Haben Sie ABBA-Platten verbrannt?
ABBA? Um Gottes willen! Besaß ich nicht. Ich habe aber meine Alben von Deep Purple und Slade behalten. Überhaupt habe ich in meinem ganzen Leben keine einzige Platte weggeschmissen. Nie! Ich kann zu jeder Scheibe in meinem Regal auch noch etwas erzählen. Da stehen sogar Alben der Bluesrockband Bad Company. Ich mochte die Stimme von Paul Rodgers. Als dann Punk regierte und genau mein Ding war, standen die weiter unter "B", sie wurden halt nur nicht mehr gespielt.

Was war Ihre peinlichste Platte?
(lacht) Zum Schluss war’s dann doch die "ABBA – Best of". Aber die hab ich mir erst Jahre später gekauft.

Was hat Sie als Teenager am Punk so begeistert?
Die Wucht. Die Kraft. Die Texte. Darin bin ich aufgegangen, das war meine Leidenschaft und mein großes Glück Das Beste am Punk war: "Hier sind drei Griffe – jetzt gründe eine Band!" Man musste nicht viel Talent haben. Das war perfekt für Autodidakten wie mich. Wäre eine nur ein bisschen qualifiziertere Musikrichtung angesagt gewesen, hätten wir den ersten Sprung nicht schaffen können. Alles, was es braucht, um professionell mithalten zu können, haben wir uns erst über die Jahre angeeignet.

Als vor drei Jahren die Hitsingle "Tage wie diese" erschien, sagten viele alte Fans abschätzig, jetzt seien die Toten Hosen vom Punk endgültig angekommen im lupenreinen Pop.
Also, ich spreche hoffentlich für die ganze Band, wenn ich sage: Wir lassen uns in dieser Hinsicht nichts verbieten. Wir sind ja schon limitiert genug mit unseren Fähigkeiten. Wenn wir jetzt anfingen, uns auch noch stilistisch zu beschneiden, sähe es ganz bitter aus. Wir halten unsere Angel in jeden See, der uns in die Quere kommt.

Die Band war jüngst beim "Voices for Refugees"-Konzert auf dem Wiener Heldenplatz. In Live-Aid-Zeiten war es gang und gäbe, Musik für das Gute zu machen. Heute gibt es das kaum noch.
Musik für das Gute – das hört sich für mich zu hochgehängt an, aber diese Flüchtlingswelle ist nur zu meistern, wenn alle ihren Beitrag leisten. Lehrer arbeiten in ihrer Freizeit als Dolmetscher, Studenten leisten Nothilfe, Bäcker backen Brötchen und Brot für Flüchtlinge. So nehmen wir als Musiker halt unsere Werkzeuge in die Hand. Es ist schon bemerkenswert, was da in Wien geschehen ist. In Deutschland haben wir das in dieser Größenordnung nicht hingekriegt.

Warum nicht? Es hätte Einfluss. Und Rock hatte immer die Traute, den Zynikern den Mittelfinger zu zeigen.
Wir sowieso. Ich halte es da mit Wilhelm Busch: "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert." Aber wir sind auch gar nicht wesentlich. Denn wenn Grönemeyer und die Toten Hosen bei einer Veranstaltung für Flüchtlinge spielen, bringt das noch lange keinen Aha-Effekt. Um mit solchen Aktionen einen Aufschrei zu erzeugen, brauchen wir Künstler, die vorher nie im Zusammenhang mit diesem Thema standen.

Schon immer engagiert: Die Toten Hosen spielten zusammen mit "Live Aid"-Erfinder Bob Geldof bei "Deine Stimme Gegen Armut" in Rostock im Jahr 2007. Quelle: Matthias Muehlbradt / CC BY 2.0

Was hat die "alten" Rockstars damals dazu gebracht, sich zu engagieren?
Grönemeyer, Bap und wir kommen aus verschiedenen musikalischen Strömungen, sind ja auch nicht ein Alter (grinst). Wir sind aber alle aus Generationen gekommen – die Hippies und die Punks, die einen extremen politischen Unterbau hatten. Für uns war das gar keine Frage: Die Option, sich rauszuhalten, gab es nicht.

Sind Sie mehr durch die Punkszene oder das Elternhaus politisch sozialisiert worden?
Beides. Meine älteren Geschwister hatten viel mit der Hippiebewegung zu tun. Mein Bruder ist Ende der Sechzigerjahre nach Berlin gezogen und erzählte, wie er in der frühen Zeit der RAF von der Polizei mit vorgehaltener Maschinenpistole angehalten wurde, sodass er nicht wusste, ob er seinen Personalausweis gefahrlos aus der Tasche ziehen kann. Mein Vater war politisch sehr aktiv – konservativ zwar, aber die Diskussionskultur zu Hause war immens. Obendrauf kam, dass meine Mutter Engländerin und mein Vater Deutscher war.

War das ein Problem?
Es war ein Thema. Wenn im britischen Fernsehen damals ein Deutscher auftauchte, hat der meistens "Achtung!" geschrien. Die Engländer haben das Bild des bösen Deutschen recht lange aufrechterhalten. Und sie haben auch nicht verstanden, warum sie, die "Sieger" des Krieges, irgendwann von diesem Wirtschaftswunder überholt wurden.

Die Toten Hosen bringen nur noch alle vier Jahre ein Studioalbum heraus. Das waren mal drei Jahre, noch früher zwei.
Dahinter stecken keine taktischen Überlegungen. Wir sind reif genug, nur dann etwas zu veröffentlichen, wenn es uns rund erscheint. "Entartete Musik" fällt da heraus, das war ungeplant, ist sozusagen eine Sonderveröffentlichung. Bei einem Toten-Hosen-Album geht es auch immer um eine Standortbestimmung. Das fällt mir nicht mehr so leicht.

Können Sie sich vorstellen, dass es die Band mal nicht mehr gibt?
Das kann ich. Ich muss nicht Musik machen bis an mein Lebensende. Ich kann den Ausgang ja schon sehen und möchte nicht so tun, als wäre ich 30 und betrete gerade das Spielfeld. Wir haben die meiste Strecke unseres Weges schon hinter uns. Dieses Bewusstsein ist gut. Wenn du ins Studio gehst mit der Ahnung, es könnte das letzte Album sein – da kommt bei mir ein ganz anderer Kampfgeist auf.

Sind eigentlich damals, 1988, nach "Alex" und dem Aufstieg der Toten Hosen in die Rock-Bundesliga Süßigkeitenhersteller auf Sie zugekommen, um Bonbon-Werbung mit Ihnen zu machen?
Noch nicht mal die "eigene" Marke (lacht). Aber das hätte ich auch nicht gemacht. Um Gottes willen!

Wie war das mit dieser Bonbonschlacht in der Schule, der Sie angeblich Ihren Spitznamen verdanken?
Ich hab mit den Dingern im Klassenzimmer herumgeworfen. Hatte sie in der Hosentasche. Bei meiner ersten Band ZK hieß ich noch Billy Alibi, aber dann holte ich mir so einen großen Zaubererkoffer mit allem möglichen Kram darin, da stand "Der große Campino" drauf. Und das war’s. Hätte ich gewusst, wie lange das hält, hätte ich mir einen anderen Namen gesucht. Auch was den Bandnamen angeht – wir hätten besser was genommen, was man auch auf Spanisch versteht.

Zum Beispiel?
Am besten ein in vielen Sprachen verständliches Wort. Ich finde, die Schlagerband Amigos haben ihren Namen gar nicht schlecht gewählt. Oder Bandidos (lacht). Aber dann gäb’s Ärger mit den Rockern.

Von Matthias Halbig

Zu Hause auf vielen Bühnen – doch die Hauptrolle spielt Sohn Lenn Julian

Herbstregen fällt, als Campino (53) mit Schiebermütze durch die Tür von Jochens Kleiner Plattenfirma in Düsseldorf kommt, dem Label der Toten Hosen. Vor einer Dreiviertelstunde ist er mit dem Flugzeug aus Berlin gelandet, dort hat er "den wichtigsten Menschen in meinem Leben" besucht, seinen elfjährigen Sohn Lenn Julian aus der Beziehung mit der Schauspielerin Karina Krawczyk.

Kreatives steht zu vermelden, Campino hat sein erstes Hörspiel eingesprochen: "Peter und der Wolf in Hollywood" ist eine modernisierte Version des Musikdramas von Sergej Prokofjew, in das auch andere Musik collagiert wurde – Wagners "Walküre" etwa. Und auf dem am Freitag erschienenen Live-Doppelalbum "Entartete Musik" widmen sich die Toten Hosen mit dem Sinfonieorchester der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule Musikern, die von den Nazis verfemt wurden.

1993 waren die Toten Hosen mit dem Album "Kauf mich!" Nummer eins in den deutschen Albumcharts, mit dem Song "Sascha" sang der 30-jährige Campino gegen Neonazis und Rassismus an. Quelle: Gregor Fischer

Als sein Bruder John den zwölf Jahre jüngeren Andreas "Campino" Frege Mitte der Siebzigerjahre mit der neuen Musikwelle aus Großbritannien bekannt machte, stand Punk für das Hinwegfegen all der zäh gewordenen Rockmusik der Post-Beatles-Dekade. Dilettanten an den Instrumenten machten in schmuddligen Outfits Krach und brüllten ihren Zorn über die sich regieren lassende bürgerliche Gesellschaft in Zweiminutensongs in die Welt.

Musik war Abgrenzung und Statement. "Anarchy in the U.K." sangen die britischen Sex Pistols und wurden dafür von Royalisten überfallen und verprügelt. In dieser Szene war Düsseldorf bald führend in Deutschland und Campino mischte früh mit, 1978 wurde er mit 16 Jahren Sänger der Band ZK. Zweimal fiel Campino in der Schule durch, als er 1983 sein Abitur bestand, stand er schon am Mikrofon der Toten Hosen.

Seit dem Album "Auf dem Kreuzweg ins Glück" belegen sie notorisch Platz eins oder zwei der deutschen Hitparaden. In Argentinien zählen sie seit einer 1992er-Tour zu den beliebtesten Rockgruppen. 2012 wurden "Los Pantalones Muertos" zu Ehrenbürgern von Buenos Aires.

Interview mit Angela Merkel

Campino traut sich was in vielen Künsten. Er interviewte Rockstarkollegen für den "Stern" und die "Süddeutsche Zeitung" und 1994 die damalige Jugendministerin Angela Merkel für den "Spiegel". "Ich war schockiert, dass jemand mit so einem beschränkten Horizont eine Ministerposition innehaben kann", gestand er später der "Tageszeitung".

2008 spielte er in der Berliner Inszenierung von Klaus Maria Brandauer den Mackie Messer in der "Dreigroschenoper", im selben Jahr rang er Wim Wenders Bewunderung ab, weil er seine waghalsigen Szenen in dessen Film "Palermo Shooting" (2008) ohne Stuntman erledigte. Trotz aller Nebenjobs sind die Toten Hosen weiterhin kreativer Mittelpunkt bei Campino. "Ohne Musik", sagte er einmal, "würde ich eingehen wie eine Primel."

Hosen tot? Für diesen Fall haben die Düsseldorfer vorgesorgt und Anfang der Nullerjahre eine gemeinsame Gruft erstanden: "Sie hat 18 Plätze", verriet Campino in einem früheren Interview mit Matthias Halbig, "für uns fünf und alle, die mitkommen wollen. Eine Liegeordnung ist festgelegt. Der Schlagzeuger liegt weiter hinten, die vier anderen ein Stück weiter vorn."

 big

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