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Promis Wären Sie gerne eine Heldin?
Nachrichten Promis Wären Sie gerne eine Heldin?
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20:00 06.05.2016
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff löste mit ihrer drastischen Kritik an der künstlichen Befruchtung 2014 eine hitzige Debatte aus. Ein Gespräch über Haltung und Heldentum. Quelle: Schleyer / Suhrkamp Verlag
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Wann sind Sie zuletzt einem Helden des Alltags begegnet?
Von diesem Begriff halte ich gar nichts. Den Alltag müssen wir alle bewältigen, ob wir das nun ein bisschen besser oder schlechter können, ist doch wurscht. Ich bin keine Heldin des Alltags, weil ich relativ gut putzen kann und ordentlich bin. Das ist lächerlich.

Sie haben einen Beitrag in einem Sammelband über Helden geschrieben. Gibt es heute überhaupt noch Raum für Heldentum?
Das Wort wird überallhin verstreut und damit entwertet man es. Man bezeichnet ja heutzutage selbst Kinder gerne als "kleine Helden". Oder jemand ist schon ein Held, wenn er irgendeinen kleinen Karrieregipfel erklommen hat – das ist absurd. Der antike Held steht immer in einem außergewöhnlichen Rahmen, er erledigt eine Aufgabe, die für normale Menschen unlösbar erscheint.

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Wie erklären Sie sich den inflationären Gebrauch des Begriffes?
In einer heldenlosen Zeit möchte man gerne welche haben. Wirklich angebracht ist der Ausdruck allerdings, wenn jemand während eines Übergriffs in der U-Bahn mutig genug ist, sich einzuschalten. Da wächst jemand über sich selbst hinaus und riskiert, für andere totgeschlagen zu werden. So wie Tugce. Auch die ermordete russische Journalistin Anna Stepanowna Politkowskaja ist für mich eine Heldin, weil sie Missstände in ihrem Land mutig angesprochen hat.

Also setzt das Heldenhafte immer den Einsatz des eigenen Lebens voraus?
Ja, das würde ich schon sagen. Ein Wissenschaftler, der wahnsinnig gut forscht, ist ein toller Wissenschaftler, aber kein Held.

Der Begriff "heros" war ursprünglich auf den Kriegerfürsten Agamemnon gemünzt. Fehlt es den Herrschenden von heute, also den Politikern, an der nötigen Fallhöhe?
Im griechischen Mythos ist der Held sehr kriegerisch veranlagt, das entspricht dem modernen Weltbild nicht unbedingt. Achilleus richtet etwa ein Riesengemetzel an. Ich bin eigentlich ganz froh, dass die westlichen Politiker anders ticken! In einem demokratischen Staat eine hohe Position zu bekleiden, hat mit Heldenhaftigkeit wenig zu tun, man muss ja eher für Ausgleich sorgen und versuchen, verschiedene Interessen unter einen Hut zu kriegen. Diktatoren, die sich gerne als Helden verehren lassen wie etwa Kim Jong-Un in Nordkorea, sind natürlich erst recht keine.

Welche Rolle spielt das äußere Erscheinungsbild beim Heldentum?
Bei den Griechen sind es schöne Männer, sehr schöne Männer, strahlende Gestalten. Vor allem die Beine werden immer betont, dazu kommt das gelockte Haar. Diese Betrachtung von Männlichkeit hat eine homosexuelle Komponente. Im wahren Leben kann natürlich auch ein kleingewachsenes Männle mit Glatze zum Helden werden.

Stichwort "WM-Held": Ist Fußball ein Stellvertreterkampf für die alten Konflikte um Leben und Tod?
Ja. Der Fußballheld ist eine moderne Version des unkriegerischen Kriegers. Er bringt Erstaunliches zustande, nur eben nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Ball. Insofern ist es eine zivilisatorische Leistung, dass man Männer dazu bringt, auf einem Feld herumzulaufen, statt sich abzuschlachten.

Sie schreiben in Ihrem Beitrag für den Helden-Sammelband, die mythische Figur Hektor sei Ihr persönlicher Held. Wie sind Sie an ihn geraten?
Meine Großmutter las mir als Kind aus der Bibel vor, mein Vater hatte es mit Homer. Er erzählte feurig von Hektor, der sich für seinen sündigen Bruder in einen aussichtslosen Kampf begibt. Schon als Kind habe ich bittere Tränen um ihn geweint. Mich rührt besonders, dass alle Zeichen darauf hindeuten, dass er untergehen wird, und er dennoch tapfer für seinen unwürdigen Bruder den Kopf hinhält. Um auf meine Großmutter zurückzukommen: Die Bibel kreiert anders als die antiken Geschichten keine Helden – hochinteressant. Da zeigt sich zivilisatorischer Feinsinn. Selbst König David, der in seiner Jugend Heldentaten vollbrachte, endet als Sünder, der um Gnade fleht.

Jesus rettet laut Bibel immerhin die gesamte Menschheit. Ist das nicht heldenhaft?
Nein, denn die Vorstellung, ans Kreuz genagelt zu werden, ist auch für ihn erst einmal sehr schrecklich. Er zweifelt, dass Gott noch bei ihm ist. In seiner Verlassenheit, Verzweiflung und Angst ist er zutiefst menschlich. Griechische Helden haben keine Angst, sie gehen drauflos. Jesus ist als Leidensfigur vielschichtiger.

"Superheldenfilme sind fad, weil die Guten immer gewinnen": Sibylle Lewitscharoff in ihrer Wohnung in Berlin. Quelle: Reinhardt

Moderne Superhelden haben Hochkonjunktur im Kino. Spiegelt sich darin die Sehnsucht nach den alten Helden?
Nein, diese Filme sind Ausdruck der Infantilität der Gesellschaft. Das sind aufgeblasene Kinderpopos, die herumspringen und in intergalaktischen Kämpfen die ganze Welt retten wollen. Für mich ist das lächerlich. Diese Ausgangsszenarien sind mir zu irreal, ich vermisse den differenzierenden moralischen Gehalt, der im Heldentum mitspielen muss. Die Filme sind auch fad, weil die Guten immer gewinnen. Da fehlt die Gefahr des Scheiterns.

Spiderman ist aber doch durchaus eine ambivalente Figur mit Gewissenskonflikten.
Trotzdem. Es ist vielleicht lustig, wie er da an der Wand rumkraxelt, aber er amüsiert mich nur. Für mich ist das kein Held.

Wie erklären Sie sich die Vorsilbe "Super"?
Der heutige Sprachgebrauch neigt radikal zur Übertreibung, vor allem im Jugendjargon. Superaffentittengeil ist so ein Beispiel. Da reicht der einfache Held nicht mehr.

Würden Sie eine Ihrer literarischen Figuren als Helden bezeichnen?
Nein, meine Figuren sind viel zu gebrochen. Ich finde es im Übrigen irreführend, dass literarische Hauptfiguren landläufig als Helden bezeichnet werden. Ich würde eher von Protagonisten sprechen.

Mit Ihren Aussagen zur Reproduktionsmedizin wurden Sie 2014 für viele zur Antiheldin. Würden Sie die umstrittene Rede heute wieder halten?
Ich habe mich für zwei, drei Passagen entschuldigt. Man muss Menschen ja nicht ohne Not beleidigen. Wenn ich geahnt hätte, was ich mir mit dieser Rede aufhalse, hätte ich mir das noch einmal überlegt. Die Reaktionen waren sehr aggressiv, das ging bis zu anonymen Morddrohungen per Brief. Es war sehr viel Hass unterwegs. Man muss schon ein Talent dafür haben, so etwas beiseite zu drücken. Ich finde es sehr unbehaglich, dass man im Internet nicht für seine Aussagen einstehen muss. Ich bin stark im Nehmen, ich muss nicht immer recht haben. Weil ich selbst auch mal recht scharf im Ton werde, finde ich es nicht schlimm, wenn es scharf zurückkommt. Das entspricht meinem Charakter. Man kann nicht eine krasse These in die Welt hinauströten und erwarten, dass alle lieb zu einem sind. Aber mich hat die Massivität der Reaktionen schon verblüfft. Es gab aber auch Zuspruch, auch sehr enthusiastischen. Das war dann auch wieder komisch.

Weil es Zuspruch von Menschen war, mit denen man sich eigentlich lieber nicht gemeinmacht?
Teilweise schon, die haben sich in mir getäuscht. Es gab aber auch besonnene Reaktionen von Psychoanalytikern, die mit betroffenen Jugendlichen zu tun haben, die nach ihren Identitäten suchen. Im Übrigen sind Nachrichten von 65-Jährigen, die Vierlinge zur Welt bringen, Wasser auf mein Mühlchen.

Reden Sie manchmal zu impulsiv?
Ja, schon. Ich halte aber nichts davon, die Rede so schmiegsam zu gestalten, dass sie allen gefällt. Bei einem Außenminister muss das so sein, aber bei anderen finde ich das falsch. Ein Mensch muss für eine Position stehen. Man kann später durchaus zugeben, dass man geirrt hat. Aber zunächst sollte man seine These mit einer gewissen Vehemenz verteidigen.

Zurück zum Thema: Mal ehrlich, wären Sie selbst gerne eine Heldin?
Ich würde gerne mal jemanden retten, der in Lebensgefahr schwebt. Wenn ich da mit Klugheit und Tapferkeit eingreifen könnte – das wäre schon toll. Aber es wird mir wohl nicht gelingen, ich bin so nicht.

Zur Person

Spiel mit Grammatik: Lewitscharoffs Das Spielbrett gleicht einer altertümlichen Landkarte.

"Luftikus", "seufzt", "Wehe", "Hornhauthobel", "erbleicht": Sonderbare oder pathetische Begriffe hat Sibylle Lewitscharoff auf kleinen Plättchen versammelt, die sie fein säuberlich in Schubladen verwahrt. Sie gehören zu einem Grammatikspiel, das sich die renommierte Autorin ausgedacht hat. Die Spielfiguren erinnern an altmodische Zinnsoldaten, eine von ihnen trägt ein Schild mit dem Wort "Leib", auch kunstvoll bemalte Chips zählen zum Inventar des Spiels.

An der Wand ihrer Wohnung in Berlin-Wilmersdorf hängt das opulente Spielbrett wie ein Gemälde, es sieht aus wie eine prächtige alte Landkarte, samt Weltmeeren und Gebirgen. Die Büchnerpreisträgerin ist sichtlich stolz auf ihre intellektuelle Spielerei. Einen Raum ihrer großzügigen Wohnung hat die 62-Jährige als Werkstatt hergerichtet. Ihre Kunst hat System: Zum Beispiel verzierte sie ihren wuchtigen Wohnzimmerschrank mit kleinen Bildern, die sie daran erinnern, was sie darin verstaut hat.

Die Frau mit der Doppelbegabung hat rotgeschminkte Lippen, sie verleihen ihr selbst am frühen Morgen etwas Mondänes. Die langen, dunkelblonden Haare trägt sie meist offen, dazu an diesem Tag eine schwarze Spitzenbluse und darüber ein saloppes Hemd. Ähnlich ambivalent ist auch Lewitscharoffs Auftreten. Sie spricht noch immer mit dem schwäbischen Dialekt ihrer Geburtsstadt Stuttgart, von den Einwohnern der Wahlheimat Berlin hat sie sich einen gewissen ruppigen Ton angeeignet.

Bachmann- und Büchnerpreisträgerin

Das Lieblingswort ihrer kategorischen Ausführungen ist "lächerlich". Doch als Gastgeberin ist Lewitscharoff charmant, reicht eine Teemischung aus Assam, Kräutern und frischem Ingwer und englische Shortbread-Kekse.

Lewitscharoff wurde 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sie studierte Religionswissenschaften in Berlin und arbeitete als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Für die Erzählung "Pong" über einen Verrückten, der die Welt retten will, erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Der Roadmovie-Roman "Apostoloff" wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis. Ihre jüngste Romanveröffentlichung fiel 2014 aus dem Rahmen: "Killmousky" ist ein Katzenkrimi. Im September erscheint bei Suhrkamp "Das Pfingstwunder"– über Danteforscher, die ein Sprachwunder erleben und infolge mit ihrem wissenschaftlichen Weltbild ringen.

Wirbel um Rede zur Reproduktionsmedizin

Eine Rede am Dresdener Staatsschauspiel, in der Lewitscharoff 2014 die moderne Reproduktionsmedizin als "absolut widerwärtig" geißelte, schlug hohe Wellen. Die Autorin verglich darin das "gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse" mit "Kopulationsheimen", welche "die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden, blauäugigen SS-Männern zu versorgen".

Kinder, die auf "solch abartigen Wegen" entstanden seien, sehe sie als "Halbwesen" an. Aufgrund dieser Äußerungen forderten zahlreiche Kritiker, Lewitscharoff den Büchnerpreis abzuerkennen, die Autorin wurde von einigen Veranstaltungen ausgeladen.

Von Nina May

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