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00:15 22.01.2014
Von Alexander Dahl
Helfen, wenn nichts mehr geht: Die Pannenhelfer des ADAC stehen Autofahrern bei, wenn das Fahrzeug liegen bleibt. Jetzt muss sich der Club nach einer Leserwahlaffäre selbst wieder flottmachen. Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Damals knöpfte sich der WDR in seiner Reihe „Markencheck“ den ADAC vor - und zog ein wenig schmeichelhaftes Fazit. Das Vertrauen in Deutschlands größten Verein sei „übertrieben“; der Automobilclub setze seine politische Macht keineswegs immer im Sinne seiner Mitglieder ein. Zudem erscheine der Club als „zweifelhafter Arbeitgeber“. Immerhin stellten die Autoren aber fest: Die ADAC-Helfer sind in der Tat rettende Engel für Millionen. Und der Automobilclub ist ein „überzeugender Tester“.

Seit diesem Wochenende aber mag niemand mehr so recht darauf vertrauen, dass es bei all den Auto-, Kindersitz- und Tunneltests immer mit rechten Dingen zugegangen ist. Wenn einer schon bei harmlosen Unterfangen wie der Wahl des Lieblingsautos der Deutschen schummelt - manipuliert der dann auch Testberichte? Ist er wirklich, ganz und gar, unabhängig von den Herstellern der Produkte, die er den Autofahrern empfiehlt?

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Der Kommunikationschef des Clubs, Michael Ramstetter, ist ein Mann, der es ernst nimmt mit dem Begriff Verantwortung. Er ist seit 16 Jahren auch Chefredakteur der Mitgliederzeitschrift „ADAC Motorwelt“, und als solcher hat er in einem Interview kürzlich einmal eingeräumt, dass er sich schwertue mit dem Verfassen politischer Kommentare: „Man darf die Gefühle der Mitglieder nicht verletzen“, sagte er damals. Heute muss sich der 60-Jährige entschuldigen, weil er nicht nur Gefühle verletzt, sondern 18,5 Millionen zahlende Mitglieder schlicht betrogen hat.

Ramstetter hat die Leserwahl zum Lieblingsauto beim Mobilitätspreis „Gelber Engel“ auf absurde Weise manipuliert. In mehreren Ausgaben hatte er 2013 die Leser aufgerufen, aus 249 Modellen ihren Favoriten für das Jahr 2014 auszuwählen. Trotz einer Auflage von 13,6 Millionen Exemplaren offenbar ohne besonderen Erfolg: Lediglich 3409 Menschen votierten für das spätere Siegerfahrzeug, VW Golf. Diese läppische Zahl machte Ramstetter offenbar zu schaffen - und er beschloss, das Wählervotum „ein bisschen hübscher und opulenter aussehen zu lassen“. So jedenfalls räumt es ADAC-Sprecher Christian Garrels am Sonntag gegenüber der HAZ ein.

Dem Chefredakteur kam dabei zupass, dass er die Auswertung der Stimmen im kleinen Kreis vollzog. Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ vom Dienstag gab es nämlich unverhofft 34 299 Stimmen für das Siegerauto. „Er ist mit einer großen Zahl stolz durchs Haus gelaufen und bei der Geschäftsführung und im Präsidium aufgetaucht. Wir haben ihm das einfach geglaubt“, sagt Garrels. Laut Club wurden zwar die „absoluten Zahlen frisiert“, nicht jedoch die Rangfolge der Fahrzeuge: Sieger der Leserumfrage sei der VW Golf, gefolgt von der Mercedes A-Klasse und dem Audi A3. Volkswagen erklärte am Sonntag ziemlich schmallippig, die Frage sei, was dieser Preis bei den Begleitumständen überhaupt noch wert sei.

Nach der Wahlfälschung hat der Vereinsriese Demut lernen müssen. Am vergangenen Donnerstag, als der ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair während einer Feier den VW Golf prämierte, höhnte er noch über die „Süddeutsche Zeitung“ und deren „Unterstellungen und Unwahrheiten“: „Mit der Zeitung von gestern packt man den Fisch ein.“ Jetzt musste Ramstetter einpacken. Mit sofortiger Wirkung lege er seine Ämter nieder und übernehme allein die Verantwortung, sagte er. Zugleich sprach er von „einem persönlichen Fehler“ und bedauerte, der Glaubwürdigkeit des ADAC „großen Schaden zugefügt zu haben“.

Für den nach der US-amerikanischen American Automobile Association zweitgrößten Kraftfahrerverein der Welt ist die Affäre damit nicht ausgestanden. Seit 2005 findet die Leserwahl zum Lieblingsauto statt; alle Wahlen, die seither stattgefunden haben, will der ADAC nun überprüfen. 2015 soll der Leserpreis zudem in einem notariell beaufsichtigten Verfahren vergeben werden.

Zudem ist die Wahlfälschung längst kein hausinternes Thema mehr. „Der ADAC hat jetzt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Karten auf den Tisch gelegt werden“, forderte am Sonntag Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Der ADAC-Konkurrent Auto Club Europa hielt dem Vereinsprimus „Blendwerk und aufgeblasene Selbstinszenierung“ vor. Wer wirklich wissen wolle, welche Wagen am beliebtesten seien, solle auf die fälschungssicheren Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamts schauen. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen verlangte gar, „auch die Pannen- und Tunnelstatistik des ADAC müsste man jetzt untersuchen“.

Davon aber will der Verein nichts wissen. Manipulationen seien nach derzeitigem Kenntnisstand nur im Umfeld von Ramstetter vorgekommen, betont ADAC-Sprecher Garrels: „Alle anderen Tests werden im Technikzentrum in Landsberg am Lech vorgenommen - und sind zum 100 Prozent sauber und über jeden Zweifel erhaben.“

Dem Club können Pannen wie diese auch im unternehmerischen Sinne gefährlich werden. Schon lange gibt es Diskussionen, warum der Club, der etwa 1,6 Milliarden Euro jährlich umsetzt, noch Vereinsstatus genießt. Bayern, Stammsitz des Clubs, hat ihm eingeräumt, nur zehn Prozent seiner Einkünfte versteuern zu müssen; nur in diesem Umfang sei er gewerblich tätig. Der Vereinsstatus verhindert zudem die in vielen Wirtschaftsunternehmen übliche Transparenz und Kontrolle. Auch die Mitglieder, mit ihrem Beiträgen Rückgrat des Clubs, reagieren empfindlich auf den Skandal. Die Facebook-Seite des Clubs und Twitter sind voll höhnischer Kommentare wie diesem: „Kommt nach der Austrittswelle aus der Kirche nun die aus dem beliebtesten Verein Deutschlands?“(mit: dpa)

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