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Deutschland / Welt Air Berlin schwenkt auf Sparkurs ein
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08:51 19.08.2011
Die eigene Größe ist für Air Berlin zu einem Problem geworden - das schnelle Wachstum führte in die roten Zahlen. Quelle: dpa
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Berlin

Bei Air Berlin stehen nun heftige Einschnitte und ein Schrumpfkurs bevor. Der Abgang Hunolds kam überraschend. Während eines Pressegesprächs gab der Manager, der Air Berlin 20 Jahre lang leitete, bekannt, dass er zum 1. September sein Amt zur Verfügung stellen wolle. Schon am Mittag berief der Verwaltungsrat der in London angesiedelten Fluggesellschaft den ehemaligen Bahnchef zum Nachfolger. Hunold hatte seinen alten Bekannten zuvor selbst vorgeschlagen. Der bereits 69-jährige Mehdorn gehört seit Jahren selbst dem Kontrollgremium an und gilt als Übergangslösung, bis ein neuer Spitzenmann gefunden ist. Hunold will im Hintergrund weiter für Air Berlin tätig bleiben.

Die Ablösung des Managers kam zwar plötzlich, für Branchenbeobachter aber fast zwangsläufig. Seit drei Jahren fliegt Air Berlin in der Verlustzone, der teure Wachstumskurs zahlt sich nicht aus. Allein in diesem Jahr musste der Konzern bereits zwei Gewinnwarnungen veröffentlichen. Im zweiten Quartal fiel das Ergebnis mit rund 32 Millionen Euro Minus noch schlechter aus als in den ersten drei Monaten. Noch im Frühjahr hatte Hunold schwarze Zahlen zumindest im operativen Geschäft für 2011 in Aussicht gestellt. Nun musste er wieder einmal einräumen, dass das nicht zu schaffen sei. Da riss bei den Eigentümern offenbar der Geduldsfaden.

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Air Berlin leidet nach eigenen Angaben unter steigenden Ölpreisen, der Luftverkehrssteuer und den Krisen in Nordafrika, die viele Ferienflieger hart treffen. Voriges Jahr flogen die Berliner unterm Strich fast 100 Millionen Euro Verlust bei 3,7 Milliarden Euro Umsatz ein. Auch das operative Geschäft schreibt rote Zahlen. Mit 169 Flugzeugen wurden 2010 zwar 33,6 Millionen Fluggäste befördert, ein Plus von fast vier Prozent. Die Auslastung der Maschinen sank jedoch auf nur noch 76,8 Prozent. Air Berlin sitzt zudem auf einem sehr großen Schuldenberg.

Hunold kündigte deshalb am Donnerstag noch selbst einen harten Sparkurs an, den sein Nachfolger nun „unbelastet“ umsetzen soll. Dazu soll die Beschränkung auf wenige Drehkreuze wie Berlin, Düsseldorf und Palma de Mallorca gehören. Viele Verbindungen zwischen kleineren Flughäfen sollen gestrichen, Erfurt und weitere Regionalflughäfen als Standorte ganz aufgegeben werden. Wegfallen sollen Strecken wie FrankfurtHamburg, FrankfurtNeapel, Stuttgart−St. Petersburg, München-Kairo und DüsseldorfParis. Auch Flughäfen wie Nürnberg, Münster/Osnabrück, Paderborn und Köln/Bonn werden unter dem Schrumpfkurs zu leiden haben.

Insgesamt soll schon bis Jahresende die Kapazität um mehr als eine Million Sitze verringert werden. Die Flotte soll um acht Flugzeuge schrumpfen. Im kommenden Jahr sollen dann rund 16 000 Flüge und rund 2,2 Millionen Sitzplätze wegfallen. „Um profitabel zu werden, müssen wir Einschnitte in unser Streckennetz und in unserer Flotte vornehmen“, verkündete Hunold selbst noch die endgültige Abkehr von seiner bisherigen Wachstumsstrategie.

Strategisch setzte Air Berlin in letzter Zeit auf den Ausbau von Interkontinentalflügen, auf den Markt in Osteuropa und auf die wachsende Zahl von Geschäftskunden. Damit entfernten sich die Berliner immer weiter vom klassischen Konzept der Billigflieger. Dazu passt auch der für nächstes Frühjahr geplante Beitritt zur Luftfahrtallianz Oneworld, die allerdings zunächst einmal weitere Kosten verursacht.

Air Berlin ist bereits seit einiger Zeit dabei, die hochfliegenden Pläne früherer Jahre deutlich zu korrigieren und setzt auf einen harten Sparkurs, der nun noch verschärft werden wird. Erst voriges Jahr bestellte man zehn Boeing 787 Dreamliner im Wert von 1,7 Milliarden Dollar ab. Viel mehr Mühe und Kosten als gedacht verursachte auch die Integration der zahlreichen Zukäufe, zum Beispiel des Ferienfliegers LTU und des österreichischen Ablegers Niki Luftfahrt.

An der Börse kam Hunolds Rücktritt zum 1. September zunächst gut an. Die Aktie von Air Berlin legte zeitweise um 4 Prozent zu, rutschte dann aber wieder ins Minus. Zum Handelsschluss notierte das Papier bei 2,50 Euro, das war ein Verlust von einem halben Prozent. Mehrere Analysten zeigten sich erleichtert und erklärten, man hoffe nun auf einen Neuanfang. Hunold habe den Konzern zu stark bestimmt und verpasst, einen Nachfolger aufzubauen.

Thomas Wüpper