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Deutschland / Welt Amerikas Rentner müssen Ruhestand verschieben
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Amerikas Rentner müssen Ruhestand verschieben
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13:57 27.04.2012
Von Stefan Koch
Foto: Talkmaster Larry King war mit seiner Show noch mit 76 Jahren täglich auf Sendung.
Talkmaster Larry King war mit seiner Show noch mit 76 Jahren täglich auf Sendung. Quelle: dpa
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Washington

Langsam schiebt Lisa Milton den Tisch zur Seite. Dann hebt sie zerknüllte Servietten und eine leere Plastikflasche vom Fußboden auf und fegt den Platz sauber, den ein Studentenpärchen nach ihrem Kaffeetrinken ziemlich verdreckt hinterlassen hatte. Milton ist die gute Seele der Starbucks-Filiale an der Wisconsin-Avenue in Washington. Fast an jedem Werktag ist die alte Dame mit afroamerikanischen Wurzeln in dem gemütlichen Café anzutreffen.

Mit den jungen Starbucks-Mitarbeitern hinter dem Tresen, die so oft in Eile den vielen Bestellungen nachkommen, wechselt sie hin und wieder ein freundliches Wort. Aber wenn sie den Gästeraum reinigt, geht sie meistens schweigend und mit behutsamen Bewegungen ihrer Arbeit nach. Viele Gäste könnten ihre Enkel sein, die Jüngsten sogar ihre Urenkel: Milton ist 78 Jahre und gehört zum festen Personalstamm des Hauses.

Äußerlich fällt Lisa Milton nur durch ihre offenen Stoffschuhe auf, die an bequeme Hauspantoffeln erinnern. Ansonsten ist sie unauffällig gekleidet, trägt beim Fegen und Putzen Kittel und Kopftuch. „Der Job ist in Ordnung„, sagt sie freundlich lächelnd. Und dann wiederholt sie zweimal, dass sie pünktlich bezahlt werde.In all den zurückliegenden Jahren sei der monatliche Scheck immer rechtzeitig gekommen. Auf die Frage, warum sie in ihrem hohen Alter noch berufstätig ist, antwortet sie nicht direkt: „Arbeit gehört doch zum Leben. Es ist gut, dass es in dem Café immer so schön warm ist.“

Sie erzählt, dass sie ursprünglich aus Tennessee stammt und mit ihrem Ehemann mehrmals den Wohnort wechselte, da er bei der Armee diente. Nach dessen Tod sei sie zu ihrem Sohn in die Hauptstadt gezogen und habe den Job hier bei Starbucks gefunden.

Millionen Rentner arbeiten noch

Ebenso wie Frau Milton arbeiten Millionen Amerikaner, die längst das Pensionsalter überschritten haben. Ganz gleich, ob in Supermärkten oder an Tankstellen – Personal, das schon als betagt bezeichnet werden kann, gehört in den USA zum Alltagsbild.

Zu den wohl bekanntesten älteren Berufstätigen in Washington/DC zählt Diane Rehm, eine renommierte Radiomoderatorin, Jahrgang 1936. Die fast tägliche „Diane Rehm Show“ der bald 76-Jährigen gehört zu den populärsten Sendungen von NPR – „National Public Radio“. Eine Interviewanfrage dieser Zeitung blieb allerdings über mehrere Tage unbeantwortet. Dann meldete sich ihr Büromitarbeiter: „Sorry, aber im Moment ist zu viel zu tun.“

Im amerikanischen Journalismus ist Rehm mit ihrem Fulltime-Job im Alter keine Ausnahme. Sehr populär ist auch Talkmaster Larry King. Der heute 78-Jährige war mit seiner Show „Larry King Live“ von 1985 bis 2010 beim Nachrichtensender CNN fast täglich auf Sendung. Unzählige Prominente wurden von ihm befragt, unter anderem der frühere Präsident Richard Nixon und der heutige Amtsinhaber Barack Obama. Bei großen nationalen Ereignissen ist King weiterhin im Fernsehen ein gern gesehener – und hochbezahlter – Gesprächspartner.

Dass so viele Menschen mit 70 oder sogar 80 Jahren noch im Job stehen, gehört vielleicht mit zu den auffälligsten Unterschieden im Alltagsvergleich zwischen den USA und Westeuropa. Während das Renteneinstiegsalter auf dem alten Kontinent wie eine feste Grenze wirkt, geht man damit in den Vereinigten Staaten von Amerika flexibler um. Für ältere Erwerbstätige wie Lisa Milton folgt dieser Fleiß allerdings harten finanziellen Zwängen.

US-Rentensysteme sind problematisch

Murray Gendell, emeritierter Soziologieprofessor an der Georgetown-Universität in Washington, macht dafür zum Teil veränderte Rentenmodelle verantwortlich. In einer Studie über ältere Vollzeitarbeitnehmer nennt Gendell problematische Rentensysteme, die zunächst mit niedrigen Beiträgen locken und ein langes Berufsleben propagieren würden. Diese Modelle, die Mitte der achtziger Jahre entwickelt wurde, stellen nach Einschätzung des Wissenschaftlers vor allem für Frauen eine große Belastung dar, da sie zum Teil bis ins hohe Alter arbeiten müssten. Drastische Auswirkungen hätten auch die wirtschaftlichen Turbulenzen, in die einige Pensionsfonds aus der Stahl- und Autoindustrie geraten seien. So manche Beitragszahler hätten erhebliche Einbußen erlitten. Um nicht in Not zu geraten, bleibe ihnen gar nichts anderes übrig, als möglichst lange im Geschäft zu bleiben.

Es gebe aber auch die andere Seite der Medaille. So kann der Job im Alter durchaus lohnend sein. Seit zwölf Jahren ist es Arbeitnehmern nach Vollendung des 65. Lebensjahres erlaubt, so viel zu verdienen wie sie wollen, ohne dass ihre Rentenbezüge gekürzt werden. Gendell weiß, wovon er spricht: Der Wissenschaftler ist mittlerweile 88 Jahre alt und baute als Pensionär ein kleines Institut in Springfield unweit von Washington auf.

Bei seinen Nachforschungen stieß Gendell auf eine weitere Besonderheit: Entgegen der landläufigen Meinung sind viele Rentner nicht nur in Teilzeitjobs tätig, sondern Vollzeit. „Insbesondere Arbeitnehmer nahe des Renteneintrittsalters sorgen sich, ob ihre Bezüge ausreichen, um weiterhin die Rechnungen bezahlen zu können – gerade auch für die medizinische Versorgung“, sagt Gendell. Viele Finanzberater würden daher dazu raten, den Eintritt in den Ruhestand zumindest um ein paar Jahre nach hinten zu verschieben.

Die Folgen sind erheblich: Nach Gendells Studien sind etwa 30 Prozent der 65- bis 69-Jährigen noch am Arbeiten. Unter den 70- bis 74-Jährigen sollen es immerhin 19 Prozent sein. Eine Entwicklung, die die anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise weiter befeuere: Mit den fallenden Immobilienpreisen in einigen Gebieten der USA breche vielen Amerikanern das finanzielle Fundament weg. Bei ihnen platze der Traum, das eigene Haus gewinnbringend zu verkaufen, um anschließend unter der Sonne Floridas das Rentnerleben zu genießen.

Lisa Milton kann mit diesen Gedankenspielen nicht viel anfangen. Sie sagt, dass es ihr bisher nicht in den Sinn kam, im fernen „Sunshine State„ ihren Lebensabend zu verbringen: „Ich freue mich, dass ich diesen Job bei Starbucks habe und abends bei der Familie meines Sohnes sein kann.“