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Deutschland / Welt „An den Schnittstellen hapert es“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „An den Schnittstellen hapert es“
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21:44 09.11.2009
Der Bordcomputer auf dem Traktor steuert den Düngerstreuer – dank Satellitentechnik sogar zentimetergenau. Quelle: Surrey
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Der typische Bauer, den sich Städter vorstellen, ist Wolfgang Täger-Farny nicht. Statt auf dem Mähdrescher oder Traktor verbringt der Landwirt aus Volksmarsdorf im Kreis Helmstedt die meiste Zeit in seinem Büro – am Computer. Die Feldarbeit überlässt er den beiden Mitarbeitern. Er steuert, kontrolliert und dokumentiert von seinem PC aus alles, was wann und wo auf dem Acker geschieht.

Was der 58-Jährige auf seinem 450 Hektar großen Ackerbaubetrieb praktiziert, heißt „Precision Farming“, zu deutsch Präzisionslandwirtschaft. Satellitentechnik macht sie möglich, das Global Positioning System, kurz GPS. Per Satellit aus dem All kann jede Position auf dem Feld geortet und so genau ermittelt werden, wie hoch Nährstoffgehalt oder Feuchtigkeit an jeder Stelle des Ackers sind.

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Diese Daten bilden die Ausgangslage für die Feldarbeit. Über einen Bordrechner auf dem Traktor werden sie auf Täger-Farnys PC überspielt. Aus den Informationen erstellt er elektronische Bodenkarten, die in der Hofdatenbank gespeichert werden.

Soll eine Fläche bestellt werden, wird ein Chip mit den entsprechenden Daten im Bordcomputer des Traktors installiert. Er steuert Pflug, Drillmaschine, Düngerstreuer, Pflanzenschutzspritze oder Mähdrescher. Anhand der Daten im Chip streut etwa das Düngegerät in Verbindung mit GPS exakt so viel, wie Weizen- oder Zuckerrübenpflanzen auf den jeweiligen Positionen der Flächen benötigen.

Schon vor Jahren ist „Precision Farming“ als Quantensprung in der Landwirtschaft bejubelt worden: Damit lässt sich die Effizienz der Bewirtschaftung vom Arbeits- und Betriebsmitteleinsatz bis zur Ernte enorm steigern. Und der Bauer kann bares Geld sparen, etwa für teuren Dieselkraftstoff. Weil die Preise für Getreide und andere Ackerfrüchte im Keller sind, spielt Kostenoptimierung eine immer wichtigere Rolle. Zugleich wird durch computergenauen Dünger- und Pestizideinsatz die Umwelt weniger belastet als mit herkömmlichen Verfahren. Wenn denn das gesamte System funktioniert. In der Praxis hapert es jedoch noch an vielen Stellen, wie Täger-Farny berichtet. Kaum einer weiß das besser als er. Der technikbegeisterte Landwirt ist einer der Pioniere der Hightech-Landwirtschaft. Früh erkannte er die Vorteile der Präzisionslandwirtschaft. Deshalb stellt Täger-Farny seine Flächen gerne für Forschungsversuche zur Verfügung.

Gerade testet er ein neues, computergesteuertes Pflanzenschutzgerät mit 27 Meter breitem Gestänge, dessen Düsen einzeln geschaltet und mit dem zugleich die Tröpfchengröße des Wirkstoffs je nach Windstärke gesteuert werden kann. Ein Ultraschall-Sensor sorgt dafür, dass das Gestänge den „richtigen Abstand“ zum Boden hat, um das Pflanzenschutzmittel „optimal zu verteilen“.

Damit alles klappt, müssen die „entsprechenden Befehle“ vom Bordcomputer im Schlepper an die Pflanzenschutzspritze gesandt werden. Doch da liegt der Hase im Pfeffer. „Die Computersysteme der Landtechnikhersteller sind nicht kompatibel“, erklärt Täger-Farny, „an den Schnittstellen gibt es deshalb Probleme.“ Der Grund: Von ihren eigenen Systemen versprachen sich die Hersteller weltweit Vorteile im Wettbewerb. Sie hofften, dass sich die Landwirte dann alle Maschinen ihrer Marke anschaffen würden, wie Täger-Farny sagt. Aber jeder Landwirt wolle sich Schlepper und Geräte selbst aussuchen.

Einen Gefallen hat sich die Industrie mit dieser Strategie kaum getan. „Das schreckt viele Betriebe ab“, sagt
der Praktiker. 2001 sei man schon weiter gewesen als heute. „Precision Farming“ hat sich immer noch nicht durchgesetzt, wie Detlef Ehlert vom Institut für Agrartechnik in Potsdam denn auch einräumt – „trotz großer Fortschritte in der satellitengestützten Navigation und in
der automatischen Steuerung der Traktoren“. Auch wenn der Landwirt im Cockpit nebenbei Zeitung lesen würde, zöge der Schlepper die „gerade Furche“. Vor allem größere Höfe ab 200 bis 300 Hektar und Spezialbetriebe mit Sonderkulturen wie Spargel- und Erdbeeranbauer nutzten „Precison Farming“,
sagt Markus Demmel von der Landesanstalt für Landwirtschaft in Weihenstephan.

Das möchte die Branche endlich ändern – um ihren Absatz anzukurbeln. Auf der Agritechnica in Hannover zeigen Hersteller erstmals sogenannte Isobus-Konzepte, die den Datenaustausch zwischen Maschinen verschiedener Marken kompatibel – und damit billiger machen. Elektronik, Steuerungs- und Regeltechnik sowie Datenmanagement – das ist ein Schwerpunkt bei den auf der weltgrößten Landtechnikschau präsentierten Neuheiten.

Dennoch bleibt Täger-Farny skeptisch. Hohe Preise für die Hightech-Maschinen blieben ebenso eine Einstiegshürde wie fehlender Service in den Werkstätten, weil das Know-how hier nicht vorhanden sei. Sechs bis acht Jahre, schätzt der Profilandwirt, werde es noch dauern, bis sich „Precison Farming“ flächendeckend durchsetze.

Gold für Gemeinschaftsleistung
Der Jury war es eine der begehrten Goldmedaillen wert: das „herstellerübergreifende Isobus Bedienkonzept des CCI 200 Terminals“. Für diese innovative Gemeinschaftsleistung zeichnete die Neuheiten-Kommission der Agritechnica fünf Landmaschinenhersteller aus, darunter die Firma Amazone aus Hasbergen-Gaste bei Osnabrück, die Grimme Landmaschinenfabrik in Damme und den Landtechnikhersteller Krone aus Spelle.

Das neue Isobus-Konzept, von den Juroren als Meilenstein zur Vereinheitlichung der unterschiedlichen Computersysteme der Maschinenhersteller gelobt, macht es den Landwirten künftig einfacher, ihren Maschinenpark elektronisch zu steuern. Vereinfacht ausgedrückt: Der Bordcomputer im Traktor von John Deere kann jetzt problemlos mit dem Düngerstreuer von Amazone „kommunizieren“. Bei den bisherigen Insellösungen hakte es an den Schnittstellen, weil die Systeme nicht kompatibel waren.

von Carola Böse-Fischer