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Deutschland / Welt Arbeit macht die Deutschen krank
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Arbeit macht die Deutschen krank
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09:21 28.03.2012
Der Arbeitsplatz ist für viele Stressfaktor Nummer eins. Quelle: dpa
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Berlin

„Übermutter“, „Powerfrau“, „Arbeitstier“ – das sind so Beinamen, die ganz beiläufig fallen, wenn von Ursula von der Leyen die Rede ist. „vdL“ schafft alles: Spitzenpolitikerin, Ärztin, Mutter, Betreuerin eines demenzkranken Vaters. Wie macht die das?

Es hat Zeiten gegeben, da hat sie es eben nicht alles geschafft. Da ist sie, junge Ärztin und Mutter, zusammengebrochen, weil alles zu viel wurde. Zu viel vor allem an ihrem Arbeitsplatz. Die Arbeitsministerin hat es dem Talkmaster Günther Jauch vor ein paar Tagen anvertraut, vor den Ohren eines Millionenpublikums: „Damals war der Druck am höchsten, vor allem auch der Druck von außen und in der Klinik.“ Unter den Nacht- und Wochenenddiensten habe sie gelitten, als Ärztin in der Geburtshilfe Angst gehabt, „etwas falsch zu machen und den Tod eines Kindes hervorzurufen“. Und doch: Die ehrgeizige junge Ärztin wollte diesem Druck unbedingt standhalten, bis zu einem Punkt, „wo man wirklich eine rote Linie überschreitet“. Bis sie selbst als Patientin im Krankenhaus landete, mit einer Diagnose, die auf Neudeutsch „Burnout“ heißt und auf gut Deutsch Arbeitsüberlastung und totale Erschöpfung.

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Die Extremsituation, die Ursula von der Leyen vor 20 Jahren durchmachte, ist heute Alltag für Millionen Deutsche. Ständig Termindruck, ständig verschärfte Leistungsvorgaben, rund um die Uhr erreichbar sein: Stress am Arbeitsplatz wird von der Ausnahme zur Regel. Und nicht nur das, die Arbeit schwappt auch immer stärker ins Privatleben. Für die Gewerkschaften steht fest: Dahinter steckt ein genereller Trend. Den wollen sie brechen.

Jeder Fünfte macht mindestens zehn Überstunden pro Woche

„Der Arbeitsplatz gilt als Stressfaktor Nummer eins“, fasste am Dienstag in Berlin DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach den Befund einer aktuellen Studie zusammen. Fast 6100 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aller Branchen wurden dafür bundesweit von der „DGB Index Gute Arbeit GmbH“ befragt. 52 Prozent gaben da an, erheblich gehetzt arbeiten zu müssen. Jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland macht wegen wachsender Arbeitsbelastung mindestens zehn Überstunden in der Woche. 63 Prozent sind überzeugt, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen. Und: 73 Prozent derer, die angaben, mehr leisten zu müssen, fühlen sich auch besonders gehetzt.

Die Befragung zeigt zugleich, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit mehr und mehr verschwimmen. Gut ein Viertel der Beschäftigten muss nach eigenen Angaben regelmäßig auch nach Ende der offiziellen Arbeitszeit erreichbar sein. Jeder Siebte (15 Prozent) arbeitet sogar häufig oder sehr oft unbezahlt nach Feierabend oder Dienstschluss. Kein Wunder, dass mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Befragten auch zu Hause an die Arbeit denken muss – ein Stressfaktor, der längst nicht mehr nur Führungskräfte schlaucht, sondern auch immer mehr „normale“ Arbeitnehmer.

Besonders alarmierend aus Sicht der Gewerkschaften: Jeder Zweite gab an, im vergangenen Jahr mindestens zweimal zur Arbeit gegangen zu sein, obwohl er oder sie sich „richtig krank“ fühlte. Dort, wo der Druck groß ist, ist das besonders häufig der Fall. „Die Daten zeigen: Arbeitshetze, eine steigende Arbeitsintensität und Entgrenzung der Arbeit gehören zum Alltag der Beschäftigten“, resümierte Buntenbach.

Das gilt der Umfrage zufolge für alle Branchen. Kleine Unterschiede gibt es dennoch. Im Gastgewerbe, in Gesundheitsberufen oder am Bau werden Zeit- und Arbeitsdruck besonders heftig beklagt, in der öffentlichen Verwaltung oder bei Banken und Versicherungen etwas weniger. Frauen empfinden die Belastung stärker als Männer. Edeltraud Glänzer von der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) führte das darauf zurück, dass die Familienarbeit neben dem Beruf noch immer hauptsächlich von Frauen geleistet werde. Außerdem müssten Frauen im Arbeitsleben stärker um Position und Anerkennung kämpfen als Männer.

Für die Gewerkschaften ist es angesichts dieser Entwicklung des Arbeitslebens nur folgerichtig, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen stetig zunimmt. Seit 1994 seien die psychisch bedingten Fehlzeiten in den Betrieben um 80 Prozent gestiegen, rechnete Buntenbach vor. Und bei 40 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer, die als vermindert erwerbsfähig anerkannt werden, sei eine psychische Belastung der Grund. Die Diagnose der DBG-Frau: „Arbeitsstress, Arbeitshetze und Arbeitsintensivierung sind so hoch, dass die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten gefährdet sind.“

Krankheitsprävention soll betont werden

Die Gewerkschaften wollen den Schutz der psychischen Gesundheit deshalb stärker ins Blickfeld rücken. Beschäftigte sollen für das Thema interessiert, Betriebsräte und Unternehmensführungen sensibilisiert werden. „Wir müssen weg von einem ‚wie werde ich wieder gesund’ hin zu einem ‚wie werde ich erst gar nicht krank’“, erläuterte Glänzer den Ansatz.

So ist die IG BCE dabei, einen Stress-Check für Betriebsräte zu entwickeln, ein Verfahren, mit dem diese die Leistungsverdichtung in ihren Betrieben messen können. Den Beschäftigten will die Gewerkschaft einen Schnelltest zur Hand geben, damit sie ihre individuelle Belastungssituation ermitteln können. „Wir brauchen insgesamt ein Umdenken in den Unternehmen“, forderte Glänzer. Ähnliches macht die IG Metall. Sie hat gerade eine umfangreiche Anti-Stress-Kampagne gestartet. Sie beschränkt sich nicht auf die Betriebe, sondern zielt genauso auf die Politik. Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban machte sich für eine „Anti-Stress-Verordnung“ im Arbeitsschutzrecht stark. Ob Lärm oder Schadstoffe – alle physischen Belastungen seien im Arbeitsschutz geregelt, die psychischen Gefährdungen aber seien ausgeklammert. Um Druck von den Arbeitnehmern zu nehmen, will er mehr Druck auf die Arbeitgeber ausüben: „Das wäre eine wirksame Hilfe für die Prävention angesichts der zunehmenden Arbeitshetze.“

Als Arbeitsministerin will Ursula von der Leyen mit Gewerkschaften und Unternehmern neue Strategien entwickeln. Als Privatperson hat sie ihre eigenen Lehren aus der Zeit der Überlastung gezogen. Sie gehe achtsam mit sich um, sagt sie, lese zu Hause keine Zeitung und sehe nicht fern, sondern verlasse sich auf ihren Pressesprecher, der sie bei wichtigen Ereignissen schon informieren werde.

Arnold Petersen

Michael Grüter 28.03.2012
28.03.2012