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Deutschland / Welt Arme werden reicher, Reiche werden ärmer
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Arme werden reicher, Reiche werden ärmer
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08:43 26.10.2012
Foto: Die Reichen haben wieder etwas weniger Geld in der Brieftasche.
Die Reichen haben wieder etwas weniger Geld in der Brieftasche. Quelle: dpa
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Berlin

Landauf, landab, an Stammtischen wie in politischen Talkshows, hört man eine zur Folklore gewordene Weisheit: Man kann es drehen und wenden, wie man will – die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die ökonomische Wahrheit indessen ist ein bisschen komplizierter. Erstmals seit vielen Jahren hat sich die Einkommensschere in Deutschland einer Studie zufolge wegen des besseren Arbeitsmarktes wieder etwas geschlossen.

Die Einkommen der unteren 40 Prozent der Bevölkerung legten im Jahr 2010 im Vergleich zu 2009 real – also trotz Inflationseffekten – um etwa zwei Prozent zu, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung feststellte. Die mittleren und oberen Einkommen stagnierten dagegen.

„Der jahrelange Trend in Richtung einer immer größeren Einkommensungleichheit scheint gestoppt“, sagt DIW-Ökonom Markus Grabka. Grund dafür seien die Erholung am Arbeitsmarkt und die Steigerung der Einkommen. So sei zum Beispiel der Tariflohn eines Beschäftigten in der Metall- oder Chemieindustrie spürbar gestiegen. „Der reichere Teil der Bevölkerung musste dagegen Rückgänge bei den Einkommen aus Vermögen hinnehmen.“

Von einer Umkehrung der Verhältnisse kann freilich nicht die Rede sein: Die Reichen sind nur ein bisschen ärmer, die Armen nur ein bisschen reicher geworden. Und auch der Ausblick bleibt naturgemäß für jene besonders prekär, denen die Sicherheit eines großen Vermögens fehlt. „Die Konjunktur trübt sich derzeit ein und die aktuell noch gute Arbeitsmarktentwicklung könnte von der Euro-Krise gebremst werden“, sagt DIW-Experte Grabka. Immerhin aber, heißt es in der Studie, scheine es „Deutschland gelungen zu sein, die sozialen und ökonomischen Risiken der Wirtschafts- und Finanzkrise einzugrenzen“.

Den Rückgang an Ungleichheit macht die Analyse des DIW am sogenannten Gini-Koeffizienten fest, einem weltweit  verwendeten Index zur Messung von Einkommensungleichheit. Der Wert habe bis 2005 eine deutliche Zunahme der Ungleichheit im realen Haushaltseinkommen aufgewiesen, vor allem in Ostdeutschland. Seitdem weise der Index auf eine gleichmäßigere Einkommensverteilung hin.

Der Gini-Koeffizient ist nach dem italienischen Mathematiker Corrado Gini benannt. Ausgesprochen wird der Name wie die „Bezaubernde Jeannie“, die man in Deutschland aus einer US-Fernsehserie der sechziger Jahren kennt. Der Gini-Koeffizient nimmt einen Wert von 0 bei Gleichverteilung und einen Wert nahe 1 bei maximaler Ungleichverteilung an.

Seit Jahrzehnten fallen viele Staaten Lateinamerikas und Afrikas – unter anderem in Statistiken der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds – durch einen weit überdurchschnittlichen Gini-Index auf. Dagegen liegen die Werte etwa in Skandinavien oder Japan deutlich niedriger.

Rene Wagner