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Deutschland / Welt Drei-Liter-Motoren von VW-Dieselaffäre betroffen?
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Drei-Liter-Motoren von VW-Dieselaffäre betroffen?
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21:30 02.11.2015
In bestimmten Diesel-Modellen der Marken VW, Audi und Porsche der Modelljahrgänge 2014 bis 2016 sollen Drei-Liter-Diesel-Motoren verbaut sein, die die erlaubten EPA-Grenzwerte bis zu neunmal überträfen. Quelle: dpa
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Berlin/Washington

Die milliardenteure Diesel-Affäre bei Europas größtem Autobauer Volkswagen weitet sich abermals aus: Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA hat der Konzern auch in Autos mit 3,0-Liter-Dieselmotoren eine Manipulations-Software eingesetzt. „VW hat einmal mehr seine Verpflichtungen missachtet, sich an die Gesetze zu halten, welche saubere Luft für alle Amerikaner sichern“, sagte EPA-Vertreterin Cynthia Giles der Mitteilung zufolge. „Alle Hersteller sollten nach den selben Regeln spielen.“

Volkswagen wies die neuen Vorwürfe in einer ersten Stellungnahme zurück. „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“, teilte ein VW-Sprecher am Montagabend in Wolfsburg auf Anfrage mit. Der Konzern sei am Montag von der EPA über die Vorwürfe informiert worden. „Volkswagen wird mit der EPA vollumfänglich kooperieren, um den Sachverhalt rückhaltlos aufzuklären.“

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Im September hatte das Unternehmen eingestanden, bei Abgas-Tests auf dem Prüfstand mit Softwarehilfe die Ergebnisse für Diesel-Motoren  manipuliert zu haben. Die Software schaltet in Testsituation in einen Sparmodus. Bislang drehte sich die Abgas-Affäre lediglich um Motoren bis zu 2,0 Liter Hubraum.

Auch Porsche betroffen

Nach Angaben der Behörde wurden in bestimmten Diesel-Modellen der Marken VW, Audi und Porsche der Modelljahrgänge 2014 bis 2016 Drei-Liter-Diesel-Motoren verbaut, die bei Stickoxid-Emissionen die in den USA erlaubten Grenzwerte um das bis zu Neunfache überträfen.  Im einzelnen handele es sich um Fahrzeuge der Typen VW Touareg (2014), Porsche Cayenne (2015) sowie die Audi-Modelle A6 Quattro, A7 Quattro, A8, A8L, and Q5 (2016).

Wie viele Fahrzeuge in den USA und weltweit davon betroffen sind, ist bislang nicht bekannt: Die neuerliche Rüge der EPA betreffe ungefähr 10 000 Dieselfahrzeuge, die seit dem Modelljahr 2014 in den USA verkauft worden seien. Zusätzlich sei eine bislang unbekannte Zahl aus dem Modelljahrgang 2016 betroffen.

Schon im September war die EPA mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen. VW hatte die Vorwürfe daraufhin eingeräumt. Seitdem steckt der Konzern in einer Krise. Der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn räumte wie zahlreiche andere Manager seinen Posten. Der Aktienkurs war eingebrochen. Im dritten Quartal musste der VW-Konzern wegen des Diesel-Skandals erstmals seit Jahren wieder einen Verlust ausweisen. Das Drama beendete abrupt eine jahrelange und zuletzt immer rasantere Rekordfahrt - und die Verluste zwingen die Wolfsburger auch, ihre Jahresziele zu kappen.

Weltweit ging es bislang um etwa 11 Millionen Autos der Marken VW-Pkw, VW-Nutzfahrzeuge, Audi, Seat und Skoda. Allein in Deutschland müssen 2,4 Millionen Diesel ab Januar 2016 in die Werkstatt. EU-weit sind 8,5 Millionen Fahrzeuge betroffen. Neben Ausgaben für die Rückrufe drohen Kosten etwa für Klagen und Schadenersatz. Laut dem Konzern steht der Zeitpunkt für weitere Rückstellungen noch nicht fest.

VE-Kunden müssen Folgekosten tragen

Der Abgas-Skandal droht den betroffenen VW-Kunden nach Einschätzung von Verbraucherschützern direkt ans Portemonnaie zu gehen. So besagt ein Rechtsgutachten im Auftrag des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv), dass Volkswagen nach aktueller Rechtslage nicht verpflichtet ist, sämtliche Kosten für die Folgen der bevorstehenden Rückrufe zu tragen. Dazu zählten etwa ein Ersatzwagen während der Reparatur, Verdienstausfall oder Mängel im Anschluss an die Nachbesserungen in den Werkstätten.

„Verbraucher dürfen nicht auf dem Schaden sitzen bleiben, den ihnen Volkswagen beschert hat“, forderte der Verband. Kritisch ist es laut dem Gutachten auch, dass bereits nach zwei Jahren Gewährleistungsansprüche gegen Autohändler verjährten. Diese Frist ist für viele betroffene VW-Kunden schon abgelaufen.

Die Rückrufaktion für 2,4 Millionen Diesel in Deutschland beginnt im Januar. Das KBA habe den geforderten Maßnahmen- und Zeitplan nun bewertet und für tragfähig erachtet, sagte ein Behördensprecher. Los gehen könne es mit den Zwei-Liter-Fahrzeugen.

Die VW-Dieselaffäre weitet sich aus.  Bisherige Stationen der schwersten Krise des Konzerns im Überblick:

3. September: Volkswagen räumt gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Abgastests von Dieselfahrzeugen ein.
18. September: Die EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Test-Messungen des Schadstoffausstoßes künstlich zu drücken.
22. September: Der Konzern gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen für bevorstehende Umrüstungen an.
23. September: Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn. „Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt.
25. September: Der VW-Aufsichtsrat beruft Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef und trifft weitere Personalentscheidungen.
28. September: Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen.
6. Oktober: Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für die Jobs bei VW.
7. Oktober: Erneutes Krisentreffen der Aufseher, VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch wird an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt. Nach Aussage Müllers kann der Rückruf im Januar 2016 beginnen.
8. Oktober: Razzia bei VW. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ordnet Durchsuchungen in Wolfsburg und an anderen Orten an. VW-US-Chef Michael Horn muss dem US-Kongress Rede und Antwort stehen.
10. Oktober: Eine weitere Software zur Emissionskontrolle gerät ins Visier der US-Behörden. VW betont: Dieses Programm habe mit den Manipulationsvorwürfen nichts zu tun, es wärme Katalysatoren vor.
13. Oktober: Wegen der hohen Kosten für den Abgas-Skandal will VW eine Milliarde Euro weniger pro Jahr als bislang geplant investieren.
15. Oktober: Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.
16. Oktober: Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen unterstützt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft mit einer Sonderkommission. Von Daimler wechselt Vorstandsfrau Christine Hohmann-Dennhardt zum 1. Januar 2016 als neue Leiterin für Recht und Integrität zu VW.
17. Oktober: Der Volkswagen-Mehrheitseigner Porsche SE teilt mit, dass Winterkorn auch hier seinen Vorstandsvorsitz niederlegt.
21. Oktober: VW stoppt in der EU den Verkauf von Neuwagen im Lagerbestand, die noch ältere Motoren mit der Betrugssoftware haben. Müller betont, noch gebe es keine direkten Folgen für die Jobs.
22. Oktober: Der Konzern prüft, ob auch die frühe Version vom Nachfolger des Skandalmotors EA 189 von den Manipulationen betroffen sind. Untersuchungen ergeben, dass dies laut VW nicht der Fall ist.
28. Oktober: Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern belief sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.
2. November: Die VW-Dieselaffäre weitet sich aus. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA sind nun auch 3-Liter-Motoren betroffen.

dpa