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Deutschland / Welt Bahn-Chef Grube: „Kein Cent wird gestrichen“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Bahn-Chef Grube: „Kein Cent wird gestrichen“
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21:43 22.04.2010
Bahn-Chef Rüdiger Grube Quelle: dpa
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Herr Grube, die Bahn will fast 3 Milliarden Euro für Arriva ausgeben. Warum macht der Konzern nicht erst seine Hausaufgaben in Deutschland, wo Milliarden für neue Züge, verlotterte Bahnhöfe und besseren Service fehlen?
Wir tun beides. Die Bahn behält selbstverständlich den deutschen Markt im Fokus. Ich sage ohne Wenn und Aber: Unser Brot-und-Butter-Geschäft wird in Ordnung gebracht. Deshalb dürfen wir aber Europa nicht aus den Augen verlieren. Das heißt: Wenn wir nicht wachsen, werden es andere tun. Arriva ist eine einmalige Chance.

Die Bahn ist doch schon einer der größten Verkehrskonzerne der Welt.
Im Personennahverkehr ist die Deutsche Bahn bisher nur in Schweden, Dänemark und Großbritannien aktiv. Im Inland verlieren wir – politisch gewollt – Aufträge. Die Arriva-Übernahme verbessert unsere Position auf einen Schlag enorm. Am Ende der Liberalisierung in Europa werden fünf oder sechs große Konzerne übrigbleiben. Mein Ziel ist, dass die Deutsche Bahn dabei ist.

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Mit den Milliarden für Arriva könnten Sie in Deutschland viel bewegen.
Erstens: Der Ausbau der Infrastruktur ist eine staatliche Aufgabe, an der sich die Bahn nach Kräften beteiligt. Zweitens: Wir haben die Rekordinvestition von 41 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren für Infrastruktur, neue Züge und andere Projekte versprochen. Kein einziger Cent wird davon wegen des Arriva-Kaufs gestrichen oder abgezweigt.

Hat die Bahn mit riskanten Projekten wie Stuttgart 21 nicht schon genug zu tun? Wie sollen denn mögliche Mehrkosten dort abgefangen werden?
Die Bahn stemmt seit Jahrzehnten mehrere große Bauprojekte gleichzeitig, wir schaffen parallel auch Stuttgart 21. Es gibt derzeit für uns keine Hinweise darauf, dass der Bahnhof teurer wird. Sogar im Krisenjahr 2009 hat die Bahn – als einziger großer Verkehrskonzern in Europa – deutlich schwarze Zahlen erzielt, die Schulden um 900 Millionen Euro abgebaut und das Eigenkapital um 1,2 Milliarden Euro erhöht. Mit derzeit 15 Milliarden Schulden und 13,2 Milliarden Euro Eigenkapital sind wir schneller vorangekommen als geplant. Unser Ziel bleibt ein Verhältnis von Eigenkapital und Schulden von eins zu eins. Daran ändert Arriva nichts.

Wird Arriva auch mit Blick auf den Börsengang der Bahn gekauft, um den Konzern attraktiver zu machen?
Nein, das steht überhaupt nicht im Fokus. Wir wollen vor allem zeigen, dass die Bahn die richtige Antwort auf die Liberalisierung der Märkte in Europa hat.

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, eine so teure Übernahme erst zu wagen, wenn der Schuldenberg der Bahn abgebaut ist? Jetzt steigen die Schulden auf die Rekordsumme von 18 Milliarden.
Man muss handeln, wenn einem die Chance geboten wird. Das Unternehmen ist jetzt zu haben, der Preis ist fair, die Führung von Arriva hat dem Übernahmeangebot zugestimmt. Beide Konzerne passen zusammen und sind gemeinsam noch stärker.

Die meisten Übernahmen erfüllen die Hoffnungen nicht. Warum glauben Sie, dass der Einstieg in den riskanten britischen Bahnmarkt gut geht?
Arriva ist sehr gut aufgestellt. Wir übernehmen keinen Sanierungsfall, sondern ein sehr gesundes Unternehmen mit exzellentem Wissen im internationalen Bietergeschäft um Verkehrsaufträge sowie hoch motivierte Mitarbeiter. Das Management um Firmenchef David Martin wird bleiben, ebenso die Marke und die Eigenständigkeit von Arriva. Das sind beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Demnächst steht eine schwierige Tarifrunde an. Die Beschäftigten könnten denken, die Bahn schwimme im Geld – und werden ihren Anteil fordern.
Die Gewerkschaften unterstützen die Übernahme. Ohne Wachstum in Europa müssten wir langfristig Stellen streichen, weil das deutsche Geschäft wegen des zunehmenden Wettbewerbs schrumpft. Auch deshalb setzen wir auf Arriva.

Interview: Thomas Wüpper