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Deutschland / Welt Bessere Luft bei Kreuzfahrtschiffen in Sicht
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Bessere Luft bei Kreuzfahrtschiffen in Sicht
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08:11 06.09.2017
Das Kreuzfahrtschiff Mein Schiff 6 schneidet ebenso wie seine Geschwister Mein Schiff 3, 4 und 5 im Nabu-Ranking dank mehrerer Filter am besten ab. Quelle: dpa
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Hannover

Ende August erwischten die Aktivisten des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) die MS Deutschland und die Aida Luna vor Island auf frischer Tat. In der Abgasfahne der Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Reykjavik maßen sie extrem hohe Feinstaub-Konzentrationen. Die Werte waren rund 1000-mal höher als in der Umgebungsluft. Die Umweltschützer schlussfolgerten: Beide Schiffe hatten keine Abgasreinigungssysteme an Bord oder diese waren zumindest nicht aktiv.

Schon seit rund sieben Jahren weist der Nabu immer wieder auf Gesundheitsgefahren für Passagiere und Bewohner von Hafenstädten hin. Immer wieder führt er Messungen durch, um seine Thesen zu belegen – und die schmutzigen Schiffe von den weniger schmutzigen zu trennen.

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Am Dienstag hat er nun neue Ergebnisse veröffentlicht. Diese lassen die gesamte Branche schlecht aussehen: 50 der 63 europäischen Kreuzfahrtschiffe erhalten keinen einzigen Öko-Punkt, weil sie laut Nabu nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen. „Insbesondere Costa, MSC und Royal Caribbean verweigern sich mit ihrer bestehenden Flotte komplett dem Umwelt- und Klimaschutz“, kritisiert Dietmar Oeliger, Leiter des Bereichs Verkehrspolitik beim Nabu.

Schadstoffe

Jahr für Jahr bewertet der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) die Umwelteigenschaften von Kreuzfahrtschiffen. Dabei konzentriert er sich auf Schadstoffe in den Abgasen.

Stickoxide: In Hamburg verursachen Schiffe fast 40 Prozent der Stickoxidemissionen, mehr als der Autoverkehr. Schuld sind vor allem Containerschiffe, aber auch Kreuzfahrtriesen spielen eine Rolle. Der Nabu gibt Pluspunkte für Katalysatoren, die Stickoxide herausfiltern.

Schwefeloxide: Auf dem offenen Meer dürfen Schiffe noch schwefelhaltiges Schweröl verbrennen. Die Emissionen führen zu saurem Regen, können durch moderne Reinigungsanlagen aber vermieden werden. In Europa und Nordamerika fahren Schiffe in Küstennähe mit schwefelarmem Marinediesel.

Feinstaub: Laut Nabu liegen die Feinstaubwerte im Hamburger Hafen 20-mal höher als an viel befahrenen Straßen. Moderne Filter können die Emissionen stark reduzieren. cwo

Lob für Tui und Hapag-Lloyd

Die saubersten Schiffe hat laut Nabu der hannoversche Tui-Konzern. Die vier jüngsten Exemplare der „Mein Schiff“-Reihe stehen ganz oben auf der Rangliste, weil sie ihre Abgase wirksam filtern. Nach Angaben von Tui senken die Systeme die Schwefelemissionen um „bis zu 99 Prozent“, die Stickoxidemissionen um „circa 75 Prozent“ und den Partikelausstoß um „circa 60 Prozent“. Außerdem lobt der Nabu die MS Europa 2 von Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten, die ebenfalls zum Tui-Konzern gehört.

Die Rostocker Reederei Aida schneidet im Ranking allerdings schlecht ab. Die Angaben zu Abgassystemen aus dem Jahr 2016 hätten sich „als Luftnummer erwiesen“, sagt Oeliger. Auch über ein Jahr nach der Indienststellung der „Aida Prima“ sei dort kein Filter im Einsatz. Dem widerspricht allerdings Aida: Sechs Schiffe der Flotte – darunter die „Aida Perla“ und „Aida Prima“ – verfügten über Systeme zur Abgasnachbehandlung. Wo es die Genehmigung zum Betrieb der Systeme gebe, würden diese auch genutzt (siehe Interview).

Auch der Kreuzfahrtverband Clia wehrt sich gegen die Nabu-Kampagne: Die Messmethoden entsprächen nicht wissenschaftlichen Standards. Außerdem betont der Verband, dass zum Beispiel in der Nord- und Ostsee seit 2015 ein Schwefel-Grenzwert von 0,1 Prozent gelte. Dort fahren die Schiffe deshalb mit Marinediesel statt Schweröl, oder sie filtern die Schweröl-Abgase, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.

In einem sind sich die Reedereien und der Nabu allerdings einig: Besserung ist in Sicht. Denn in den nächsten Jahren werden die ersten Kreuzfahrtschiffe vom Stapel laufen, die ausschließlich mit Flüssigerdgas (LNG) fahren. Den Anfang soll 2018 die „Aida Nova“ machen. Sie entsteht zurzeit in der Papenburger Meyer-Werft.

Nach Informationen des Nabu haben die europäischen Reedereien insgesamt schon 15 LNG-Schiffe bestellt. „Das ist ein signifikanter Anteil aller Bestellungen“, sagt Oeliger. Bei der Verbrennung von LNG entstehen deutlich weniger Schadstoffe als bei Schweröl oder Marinediesel. Tui hat allerdings bislang kein LNG-Schiff in Auftrag gegeben. „Wir haben uns vorläufig dagegen entschieden, weil seinerzeit weder die lückenlose Versorgung entlang unserer Routen noch die Regularien zur Betankung klar waren“, erklärt das Unternehmen.

Strom statt Diesel im Hafen

In den Hafenstädten könnte eine andere Technik schnell für bessere Luft sorgen: Würden die Schiffe dort per Strom vom Land mit Energie versorgt, könnten sie ihre Maschinen abstellen und würden gar keine Abgase mehr in die Luft blasen. Allerdings gibt es solche Stromanschlüsse bislang nur in Hamburg und Oslo. „Und dort ist es dann auch noch vom jeweiligen Liegeplatz abhängig“, kritisiert Tui. Deswegen sei die Technik „derzeit noch keine Option“.

Auch die meisten anderen Reedereien wollen den Stromanschluss noch nicht einbauen. In Hamburg zieht deshalb nur ab und zu ein Aida-Schiff Saft aus der Riesensteckdose. Doch solange kaum Schiffe die Technik an Bord haben, wird wohl kaum ein weiterer Hafen einen Stromanschluss anbieten – ein klassisches Henne-Ei-Problem.

Proteste gibt es überall

Der Kreuzfahrtboom macht etlichen Städten und Inseln im Mittelmeer-Raum immer mehr zu schaffen. Venedig stöhnt schon lange unter dem Andrang der Riesenschiffe, die in der Lagunenstadt jeden Tag Tausende von Touristen ausspucken und die Luft mit ihren Abgasen verpesten. Unter dem Motto „No Grandi Navi“ (keine großen Schiffen) protestieren Einwohner gegen die schwimmenden Hotels, die die Silhouette der Stadt überragen. Es gab auch schon mehrfach politische Anläufe, den Andrang zu begrenzen. Die Unesco drohte sogar, die Stadt von der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, wenn sie nicht etwas gegen die Schiffe unternimmt, weil diese auch die Fundamente der Stadt bedrohen.

Doch nicht nur Venedig stöhnt unter den Schiffen. Auch in den Cinque Terre an der ligurischen Riviera wächst der Protest gegen Kreuzfahrtschiffe. Deren Passagiere strömen nämlich in Massen in die fünf Dörfer an der steil abfallenden Küste. In dieser Saison sind es etwa 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Die Straßen von Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore sind an Sommertagen vollgestopft mit Kreuzfahrtpassagieren, die per Bus von der Hafenstadt La Spezia anreisen. Pro Schiff sind es 1500 Besucher, die in 30 Autobussen in die Cinque Terre gebracht werden.

Dieses Jahr erleben die europäischen Mittelmeerländer ohnehin eine Rekord-Reisesaison – dank Erdogan sowie den IS-Terroristen, die viele Urlauber veranlassen, einen Bogen um die Türkei und Nordafrika zu machen. Den Menschen in den Hochburgen in Spanien und Italien wird es allerdings zu viel. Es regen sich immer mehr Proteste gegen den Massenansturm. So findet man in Palma de Mallorca seit einiger Zeit Plakate an den Häuserwänden, auf denen steht: „Tourists = Terrorists“ oder „Tourismus tötet die Stadt“. Auch auf Capri wird es eng. „Wir haben jegliche Grenze überschritten. Die Lage ist unerträglich geworden“, klagte kürzlich Bürgermeister Gianni De Martino.

Von Christian Wölbert