Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Bienen lösen neue Debatte um grüne Gentechnik aus
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Bienen lösen neue Debatte um grüne Gentechnik aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:02 08.09.2011
Von Carola Böse-Fischer
Die fleißigen Bienen tragen die Pollen von Genmais auch auf die Felder von Biobauern. Quelle: dpa
Anzeige

Die Rolle der fleißigen Bienen wurde bislang in der grünen Gentechnik verdrängt. Dabei wusste man schon immer, dass nicht nur der Wind Pollen von gentechnisch veränderten Pflanzen auf die Felder von Biobauern und konventionell wirtschaftenden Landwirten überträgt, sondern eben auch die Bienen. Aber das wurde sowohl von der als gentechnikfreundlich bekannten EU-Kommission als auch den Mitgliedsstaaten wie Deutschland bei gesetzlichen Regelungen geflissentlich ignoriert.

Bis der Europäische Gerichtshof (EuGH) jetzt sein wegweisendes Honig-Urteil fällte und damit einem bayerischen Imker recht gab. Pollen und Honig, den seine Bienen sammelten, enthielten Spuren der gentechnisch veränderten Maissorte MON 810 des US-Konzerns Monsanto. Und die ist in der EU nicht als Lebensmittel zugelassen. Daher darf derart gentechnisch verunreinigter Honig nicht mehr in Europa verkauft werden.

Anzeige

Für die Honigbranche hat das Urteil weitreichende Folgen. Sie fürchtet um ihr Geschäft mit dem golden schimmernden Aufstrich fürs Frühstücksbrötchen. Importe dürften erschwert werden, weil in vielen Ländern Genpflanzen angebaut werden und Rückstände davon im Honig sein können. Aber auch für Imker und Bauern sind die Auswirkungen bedeutend. Denn die EU-Richter haben dem klagenden Imker Schadensersatz für die ungewollte Verunreinigung zugesprochen.

Urteil stellt Freilandversuche infrage

Damit löst das EuGH-Urteil eine neue Debatte um die grüne Gentechnik aus, in der es um Sicherheitsabstände für den Anbau von Genpflanzen und Haftungsrisiken geht, wie Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sagte. Zwar gibt es in Deutschland keinen kommerziellen Anbau von Genpflanzen. Aber das Urteil stelle auch Freilandversuche, wie sie etwa vom Einbecker Saatgut-Konzern KWS gemacht werden, infrage, meint der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Bei KWS sah man sich ohne genaue Kenntnis des EuGH-Urteils nicht in der Lage, Stellung zu nehmen.

Bienen haben laut Moldenhauer einen Flugradius von bis zu fünf Kilometern. Deshalb habe der BUND immer einen Sicherheitsabstand von mehr als fünf Kilometern gefordert, um Kontaminationen zu vermeiden. Gesetzlich vorgeschrieben sind aber nur 150 Meter zu konventionell bestellten Feldern und von 300 Metern zu Ökoflächen. Größere Sicherheitsabstände habe die Genlobby durch Druck auf die Politik zu verhindern gewusst, weil dann ein Anbau von Genpflanzen nur noch „auf Reservate“ beschränkt wäre, sagte Moldenhauer. Deshalb komme die Verbreitung von Genpollen durch Bienen im Gentechnikgesetz nicht vor.

Für die GEntechnik-Branche wird es noch schwieriger

Nicht nur Umwelt- und Verbraucherschützer fordern nun eine Änderung des Gentechnikgesetzes. Belange, die die Koexistenz von gentechnisch verändertem und herkömmlichem Anbau betreffen, kann jeder EU-Staat durch eigene Gesetze ändern. Auch die Bundesagrarministerin sieht nach dem strengen EuGH-Urteil Handlungsbedarf für den Umgang mit Gentechnik in Deutschland und der EU. Ilse Aigner (CSU) will mehr Schutz für den herkömmlichen Anbau: Die Sicherheitsabstände müssten auf den Prüfstand, sagte die Ministerin, die am Abend in einer Telefonkonferenz mit ihren Länderkollegen über die Folgen des Urteils beriet, in Berlin.

Die Gentechnik-Branche, die sich ohnehin durch gesetzliche Vorgaben gegängelt fühlt, dürfte nun einen noch schwereren Stand haben. Die Hürden werden durch das EuGH-Urteil erhöht, sagte BUND-Expertin Moldenhauer. Denn Landwirte, die künftig Genmais anbauen wollten, müssten damit rechnen, dass Imker in ihrer Nähe, aber auch ohne Gentechnik arbeitende Bauern Schadensersatz bei Verunreinigung ihrer Produkte und Schutzmaßnahmen verlangen. Der Deutsche Bauernverband warnte vor „unkalkulierbaren Haftungsrisiken“ und rät den Landwirten vorsorglich vom Anbau von Genpflanzen ab. Aus dem Milliardengeschäft, auf das die Gentechnik-Konzerne auch in Europa hofften, dürfte vorerst nichts werden.

Deutschland / Welt Angeschlagener Autohersteller - Saab beantragt Gläubigerschutz
07.09.2011