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Deutschland / Welt Bioketten sind weiter auf dem Vormarsch
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Bioketten sind weiter auf dem Vormarsch
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20:09 13.01.2010
Auf der "Grünen Woche" in Berlin dreht sich alles um Lebensmittel und Landwirtschaft.
Auf der "Grünen Woche" in Berlin dreht sich alles um Lebensmittel und Landwirtschaft. Quelle: ap/Archiv
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Die Erlöse mit Ökoprodukten blieben auf stabilem Niveau von knapp 5,9 Milliarden Euro, zumindest nach erster Schätzung der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Das sind rund 4 Prozent des gesamten Handelsumsatzes. Die Entwicklung verläuft aber sehr unterschiedlich. Insgesamt verkaufte der Handel zwar mehr Biowaren. Doch besonders Billigmärkte senkten die Preise und erzielten niedrigeren Umsatz, weil die Nachfrage weniger zulegte als erhofft. Zudem wurden nach Fusionen im Handel teils die Sortimente reduziert, so AMI-Experte Hans-Christoph Behr.

Anders im Biofachhandel: Die Spezialisten steigerten den Umsatz auch im Krisenjahr um 4 Prozent. Die Sparte ist aber gewaltig im Umbruch, auch hier sterben kleine Händler, große Ketten sind auf dem Vormarsch. Voriges Jahr legte die Verkaufsfläche bundesweit nach Angaben des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) zwar um 15 000 Quadratmeter zu. Die Zahl der kleinen Fachgeschäfte mit weniger als 300 Quadratmeter Verkaufsfläche sank aber um 50. Dafür kamen 31 große Märkte und Filialen hinzu. „Der Biofachhandel hat noch ein großes Wachstumspotenzial“, meint BÖLW-Vorstand Götz Rehn.

Auch bei den Bioprodukten gibt es differenzierte Entwicklungen. Größtes Umsatzwachstum verzeichnet Babynahrung mit fast 17 Prozent, gefolgt von alkoholhaltigen Getränken, Frischfleisch und Brotaufstrichen. Alle Produktgruppen erzielten voriges Jahr bis Ende November zweistelliges prozentuales Wachstum. Die größten Umsatzrückgänge dagegen gab es laut GfK Haushaltspanel bei Biokartoffeln, Milchrahmerzeugnissen und Ökoobst, nicht zuletzt wegen Preissenkungen.

Der umweltgerechte Anbau breitet sich in Deutschland weiter stark aus. Rund 21 000 Betriebe erzeugten zum Jahreswechsel ihre Produkte ökologisch, fast 1200 Höfe mehr als ein Jahr zuvor. Die Anbaufläche wuchs nach BÖLW-Angaben auf fast 952 000 Hektar, ein Zuwachs um rund 44 000 Hektar. Damit wirtschaften nun 5,9 Prozent der deutschen Bauern auf 5,6 Prozent der Äcker und Wiesen nach ökologischen Standards. Deutschland liegt damit leicht über dem EU-Durchschnitt. Der Anteil der Bio- an den Gesamtflächen ist in Brandenburg am höchsten, in Niedersachsen am geringsten.

Auch bei den Ökobetrieben gibt es Unterschiede. Denn nur etwas mehr als die Hälfte der Höfe hat sich verpflichtet, nach den deutlich strengeren Vorgaben der neun Bioverbände zu arbeiten. Fast 10 000 Betriebe dagegen beackern knapp ein Drittel der Bioflächen nach dem niedrigeren EU-Standard. Der Trend zu EU-Biobetrieben sei aber gestoppt worden, betont der BÖLW, der als Dachverband die neun Ökoverbände vertritt.

Mit Abstand größter Verband für den Ökolandbau ist Bioland mit 5233 Betrieben und 257 000 Hektar Anbaufläche. Nach Mitgliedern gerechnet folgen Naturland und Demeter, nach Fläche der ostdeutsche Verband Biopark. Insgesamt stieg die Zahl der Betriebe, die den Ökoverbänden angehören, um 6 Prozent auf 11 030, die Anbaufläche um gut 5 Prozent auf 653 000 Hektar.

Lebensmittel zum Schleuderpreis

Die Ernährungsindustrie beklagt den Preiskampf im Lebensmitteleinzelhandel und warnt, dass Kostendruck die Qualität von Lebensmitteln zu verschlechtern drohe. Nach einem starken Umsatzrückgang erwartet die Branche in diesem Jahr wieder etwas bessere Geschäfte. Der Umsatz werde voraussichtlich um ein Prozent steigen, teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) am Mittwoch in Berlin mit. Voraussetzung sei allerdings, dass das Exportgeschäft wieder Fahrt aufnehme.

Vor Beginn der „Grünen Woche“ in Berlin schlug einer der größten deutschen Wirtschaftszweige wieder Alarm: Der Grund ist ein Umsatzminus von mehr als 4 Prozent auf knapp 150 Milliarden Euro im vergangenen Jahr – ausgelöst durch massiven Preisdruck auf die Nahrungsmittelhersteller, wie die Branche klagt. Zwölf „massive Preissenkungsrunden“ von Aldi und Co. hat die Vereinigung gezählt.

Der Druck durch die Handelsketten bringe die Hersteller immer mehr in die Kostenklemme. Verbandschef Jürgen Abraham forderte ein Einschreiten der Politik. Missstände beim Wettbewerb müssten unterbunden werden. In Deutschland dominieren fünf Lebensmittelketten – Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl), Aldi und Metro – fast drei Viertel des Marktes.
Im vergangenen Jahr sanken die Lebensmittelpreise um 4 Prozent. Dies habe die Verbraucher um 6 Milliarden Euro entlastet, sagte Abraham. Dieses Konjunkturpaket habe letztlich die Ernährungsindustrie finanziert.

Kein anderes Land in Europa habe ein so niedriges Preisniveau bei Lebensmitteln wie Deutschland, erklärte die BVE. Der verschärfte Kampf der Händler um Marktanteile bedrohe besonders kleinere Unternehmen. Darunter leide die Vielfalt des Angebots an Nahrungsmitteln. „Es ist zu befürchten, dass das fortgesetzte Drehen an der Preisschraube nicht ohne schleichende Auswirkungen auf die Qualität bleiben wird.“ Qualitätsprodukte könne es nicht zum Nulltarif geben. In Deutschland sei eine bessere Wertschätzung von Lebensmitteln nötig. Der Wettbewerb müsse vor allem über die Qualität und nicht über Tiefpreise geführt werden.

Besonders Tiefstpreise für Milch und Butter im Handel haben in der Vergangenheit Bauern und Lebensmittelhersteller wiederholt auf die Barrikaden getrieben. Die Ernährungsindustrie beschäftigt 535 000 Mitarbeiter. Fast drei Viertel der 5800 Betriebe erwarten in diesem Jahr höhere Rohstoff- und Energiekosten. Nicht einmal jeder sechste Hersteller rechnet laut Verbandsumfragen damit, die Zusatzkosten über höhere Preise an den Groß- und Einzelhandel weitergeben zu können.

Auch im Ausland mussten die deutschen Anbieter Einbußen und einen noch stärkeren Preisverfall verkraften. Nach starkem Wachstum in den vergangenen Jahren schrumpften die Exporterlöse um mehr als 5 Prozent auf rund 39 Milliarden Euro.

Von Thomas Wüpper