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Deutschland / Welt Bochum: Wir sind das Revier!
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Bochum: Wir sind das Revier!
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23:42 06.03.2009
Von Gabi Stief
„Wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld“: Herbert Grönemeyer, VfL-Fan, hat die Zuneigung der Bochumer zu ihrer Graue-Maus-Stadt besungen. Quelle: ddp
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Regenschwer hängen die Wolken über der Stadt. Der Bahnhofsvorplatz liegt wie leer gefegt da. „Der Ruhrpott hält zusammen“, verkündet eine Bierwerbung hinter regennassem Glas. Ein findiger Drucker hat ein Stoßgebet auf einem T-Shirt hinterlassen. „Gib uns den Adam zurück“, prangt in schwarzer Schrift auf weißem Tuch in einem Schaufenster. Eine voreilige Bitte. Noch ist Adam Opel in der Stadt. Wie lange noch?

Wer in Bochum diese Frage stellt, schaut in betretene Gesichter. Eine Schließung des Autowerks käme einer Katastrophe gleich. Es gibt keinen, der anders denkt. 5000 Opelaner stünden auf der Straße; Zehntausende, die an der Autoindustrie mitverdienen, müssten um ihre Jobs bangen.

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„Du bist keine Weltstadt, du bist das Himmelbett für Tauben und ständig auf Koks

„Uns droht ein zweites Rheinhausen“, raunt Ulrike Kleinebrahm. Damals, 20 Jahre ist das her, demonstrierten Zehntausende über Wochen im Ruhrgebiet, Brücken wurden blockiert, die Krupp-Zentrale in der Villa Hügel besetzt. Das Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen wurde trotzdem geschlossen, das Ende wurde gedehnt wie Kaugummi, aber irgendwann war Schluss. Endgültig.

Ulrike Kleinebrahm sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem sich Papierberge türmen. Für die Routine bleibt wenig Zeit. Seit Wochen treibt die Bochumer IG-Metall-Chefin nur ein Thema um. Sie knüpft Kontakte, vermittelt, wirbt, beruhigt; manchmal versagt die Stimme. „Rheinhausen“ wäre Plan B. Über Plan B will sie nicht reden; denn Opel muss gerettet werden. „Alles andere ist unvorstellbar.“

Wenn Ulrike Kleinebrahm oben in der elften Etage der IG-Metall-Zentrale gen Westen schaut, sieht sie das Werksgelände von Opel, gen Norden liegt nur einen Steinwurf entfernt, eingebettet in eine Parkanlage, die Jahrhunderthalle, mit der sich das Ruhrgebiet vor gut einem Jahrhundert ein Denkmal setzte. Ursprünglich als Ausstellungshalle gebaut, wurde über Jahrzehnte in den Hochöfen der Anlage Stahl gegossen, bis man schließlich in den neunziger Jahren die Halle zu einem Veranstaltungszentrum herausputzte. Ende März steigt dort die Gala zur Verleihung des jährlichen „Steiger-Award“. Auch der prominenteste Sohn der Stadt war schon mal in dieser Halle: „Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng an dir“, singt Herbert Grönemeyer. Tausende grölen es, wenn die Fußballer des VfL Bochum Tore schießen.

Auch Heinz Becker hängt an Bochum. Wenn den 77-Jährigen mal wieder die Wehmut packt, dann steigt er eine unscheinbare Kellertreppe in einem Hinterhof im Stadtteil Werne hinunter, wo hinter einer Eisentür das alte Bochum Staub ansetzt. Miniaturfördertürme, vergilbte Fotos, mannsgroße Puppen in der schwarzen Sonntagstracht der Bergleute, Porzellantassen mit Zechenemblem und zu Briefbeschwerern geformte Kohle füllen den Raum. Trophäen aus der Unterwelt. Heinz Becker ist Ehrenmitglied des „Knappenvereins Glück Auf Bochum-Werne“, einer von 92 Bergmannsvereinen im Ruhrgebiet. Der fensterlose Kellerraum ist das Vereinslokal.

„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt“

1801 wurde in Bochum-Werne die erste Dampfmaschine im Ruhrkohlenbergbau eingesetzt. In der Hochzeit gab es 40 Zechen in der Stadt. In den langen Straßenzügen der Arbeitersiedlungen kannte jeder jeden, man saß zusammen, machte gemeinsam Musik und schloss Wetten ab, wessen Taube am schnellsten im heimischen Stall ist. „Tauben waren die Rennpferde des kleinen Mannes“, sagt Becker. Tauben gibt es noch, Wetten nicht mehr. Es ist nicht der Bergbau, dem Becker nachtrauert. Vier Kinder hat er groß gezogen; alle vier leiden unter Asthma. Es ist der Zusammenhalt, der ihm fehlt. 1973 wurde die letzte Grube dichtgemacht, heute residiert dort ein Industriemuseum, in dem Berggeist Flözian Kindern zeigt, wie es unter Tage zuging. „Als Öl und Gas kamen, war Schluss“, sagt Heinz Becker. Aus dem Bergmann Becker wurde 1968 ein Stahlarbeiter. Andere wechselten zu Opel.

Becker kann sich noch gut an den Bau des ersten der drei Opel-Werke auf dem ehemaligen Grund und Boden der Zechen Dannenbaum und Friederika Ende der fünfziger Jahre erinnern. Es war eine der größten Baustellen Europas, denn die Stadt Bochum sanierte nicht nur das Gelände, sondern baute auch einen neuen Stadtbahnring mit Autobahnanschluss. Eine der vielen Morgengaben an Opel, wo in guten Zeiten 20#000 Beschäftigte das Erfolgsmodell Kadett produzierten. In den neunziger Jahren waren es noch 15.000. Heute sind es 5000.

„Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau, du liebst dich ohne Schminke, bist ‘ne ehrliche Haut“

Uwe Enstipp, Vorsitzender des Knappenvereins, hält eine Schließung von Opel für eine Katastrophe. Enstipp arbeitet in einem Sägewerk, das Holzverpackungen für Opel herstellt. Er wundere sich, dass die Bude noch nicht brennt, sagt er. „Die Deutschen sind zu bequem; die Franzosen wären längst auf der Straße.“ Er hat genau hingehört, was die Politiker in den vergangenen Tagen von sich gaben. „Es sind die gleichen Sprüche wie vor den Zechenstilllegungen und vor der Schließung von Nokia.“ Kein gutes Zeichen. Richtig, Bochum sei mit jeder Krise klargekommen. Aber ohne fremde Hilfe, da sind sich Enstipp und Becker einig, wird es auch dieses Mal nicht glücken.

Die IG-Metall-Chefin Ulrike Kleinebrahm hat im vergangenen Jahr den 200-Millionen-Euro-Sozialplan mit Nokia ausgehandelt. 1000 der 2300 Nokianer haben mittlerweile einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Es waren die Jüngsten, die Besten, die Mobilsten. Angesichts des Fachkräftemangels ein Kinderspiel. Aber der spektakuläre Rückzug der Finnen, der es in Form eines Theaterstücks bis auf die Bühne des Bochumer Schauspielhauses schaffte, ist noch nicht ausgestanden. 1300 Ehemalige warten in einer sogenannten Transfergesellschaft auf einen Anschlussjob.

Für die ersten läuft Ende Mai die Ein-Jahres-Frist ab – mitten in einer der schwersten Wirtschaftskrisen stehen sie ohne Arbeit da und könnten die Verlierer sein. „Wir wissen noch nicht, für wen wir sie qualifizieren sollen“, stöhnt Kleinebrahm. Gerade einmal zwei Firmen haben sich bislang auf dem Nokia-Gelände niedergelassen, wo einst Firmengründer Fritz Graetz und später Schaub-Lorenz Fernsehgeräte produzierte.

Bochums Industriegeschichte – das ist wie das Auf und Ab vom VfL, sagen jene, die sich die Laune nicht verderben lassen wollen. Bei der Arbeitsagentur muss man schon von Amts wegen Optimist sein. Bis vor Kurzem konnte Geschäftsführer Thomas Keyen stolz darauf verweisen, dass Bochum 2008 die Arbeitslosenquote erstmals seit 25 Jahren unter zehn Prozent drücken konnte und besser dasteht als Dortmund oder Essen. Die Februarzahlen trägt er allerdings bereits mit gedämpfter Zuversicht vor. 111 Betriebe sind in Kurzarbeit – auch Opel, auch das Stahlwerk ThyssenKrupp. Würde Opel dichtmachen, läge die Quote bei 15 Prozent.

Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng an dir, ey, Glück auf, Bochum

2002, als ein massiver Personalabbau anstand, demonstrierten 30.000 in der Innenstadt. 2004, als es bei Opel erneut kriselte, kam es zum wilden Streik, sechs Tage lang. „Die Stimmung ist gereizt“, heißt es im Betriebsratsbüro. Die Medien, die am Werkstor Schlange stehen, und Politiker wie Linken-Chef Oskar Lafontaine, der Anfang der Woche vorbeischaute, sorgen nicht für Aufmunterung – im Gegenteil. Ulrike Kleinebrahm wird nicht müde, unter den Beschäftigten vor Aktionismus zu warnen. „Es ist anders als 2004; Opel hat eine schwerkranke Mutter.“ Dass der Staat helfen muss, ist für sie eine klare Sache. Dass General Motors, die Mutter in Übersee, und Opel in Deutschland noch Fragen beantworten müssen, auch.

Die Wolken über Bochum sind grau. Am nächsten Sonnabend spielt die graue Maus der Bundesliga gegen den FC Bayern. „Gestern, heute, morgen, mein Revier ist hier“ heißt es auf einem Plakat. Wenigstens der VfL verspricht zu bleiben.

Die Zitate entstammen dem Lied „Bochum“ von Herbert Grönemeyer.